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Kurier Fotowettbewerb 2014
Foto: EPA

Letztes Update am 10.10.2012, 09:26

Der Olivenöl-Schwindel. Scharfmacher: Mit der Bezeichnung „Extra Vergine“ wird viel Schindluder getrieben, sagen Insider. Schuld sei - mitunter - die Ahnungslosigkeit der Konsumenten.

Extra steht normalerweise für höchste Qualität unter den Olivenölen. Geschmack, Geruch und Farbe sind erlesen und einwandfrei. Sollte man annehmen. Aber wer glaubt, mit dem Kauf von Olivenöl Extra Vergine automatisch ein Spitzenprodukt in Händen zu halten, täuscht sich oft. In seinem Aufdeckerbuch "Extra Vergine. Die erhabene und skandalöse Welt des Olivenöls" zeigt Tom Mueller, wie viel Schindluder mit jungfräulichem Olivenöl getrieben wird. Mueller beschreibt darin die Machenschaften krimineller Ölhändler und -produzenten, die Soja- und Sonnenblumen-Öl kaufen, die Mischung mit Chlorophyll färben und für den Geschmack Betacarotin hinzufügen, "das Ergebnis verkaufen sie als Extra Vergine".

Eigentlich überrascht uns das nicht wirklich. Im jüngsten Olivenöl-Test des Konsument (11/2011) erhielt das bestgereihte "Extra Vergine"-Öl (Bertolli) ein "durchschnittlich", beim S-Budget Olivenöl extra virgin haben die Tester wegen Verdachts auf Wärmebehandlung bzw. mangelnde Frische überhaupt kein Testurteil abgegeben. Mit einem Wort: "Extra Vergine" fiel durch. Schuld an dieser Misere sind die Konsumenten selbst, wenn man Tom Mueller glaubt. "Wenn man einen Markt hat, auf dem nur sehr wenige Menschen wissen, wie gutes Olivenöl schmeckt, kann man alles mögliche verkaufen." Die Konsumenten sollten sich wie beim Wein mit der Qualität ihres Produkts auseinandersetzen.


Reden wir also über Qualität – und fragen Andreas März, Chefredakteur von Merum, Zeitschrift für Wein und Olivenöl aus Italien.

honorarfrei, Andreas März CR Merum, Fachmagazin für Wein und Olivenöl
Andreas März: Chance auf ein gutes Extra Vergine bei 5 Prozent - Foto: Merum

Der Geruch: Gutes Olivenöl riecht nach frischen Pflanzen. Banal? Mag sein, aber ein anderes Analyseinstrument als die eigene Nase hat der Konsument nicht, Etikett oder Preis sagen wenig über Qualität aus. Die Chance, auf ein hochklassiges Extra Vergine zu stoßen stehen laut März bei 5 zu 95. "95 Prozent des auf dem Markt befindlichen Öls – und das ist eine sehr wohlwollende Schätzung – riechen ranzig."

Der Geschmack: Die Masse verlangt nach Milde und Süße bei Lebens- und Genussmitteln. "Milde Oliven gibt es aber nicht, sie sind bitter und extrem scharf. Olivenöl wird aus Oliven – frisch vom Baum gepflückt – gewonnen, mit so vielen Anti­oxidantien wie möglich. Diese Inhaltsstoffe halten nicht nur das Olivenöl, sondern auch uns selbst frisch." Ein mildes Olivenöl zu verlangen, hieße ein Öl zu wollen, dass arm an Inhaltsstoffen sei.

Buchcover Tom Mueller Extra Vergine
Buchtipp Tom Mueller: Die erhabene und die skandalöse Welt des Olivenöls. Redline. 320 Seiten. 24,90 €. - Foto: Verlag

Die Sprache: Früher hieß aus Oliven gepresster Saft einfach nur Olio di Oliva. "Als die Industrie auch die Pressabfälle gewinnbringend verwerten wollte, mussten die Produzenten für ihr Produkt den dummen Wortwurm Olio di Oliva Extra Vergine verwenden. März fordert die Reduktion auf zwei Begriffe: gutes Öl sollte schlicht Olivenöl heißen, ohne Extra-Geschwafel. Ein mit chemischen Mitteln aus Lampenöl hergestellte "Olivenöl" sollte künftig auch Lampenöl heißen (für den menschlichen Verzehr ungeeignet) .

Die Panscher: Die Panscher hintergehen die Verbraucher. Einerseits. Andererseits bedienen sie ein Publikum, das nach Billigstpreisen Ausschau hält und bieten scheinbares "Extra Vergine" um 5 € pro Liter an.

Die neuen Olivenzirkel: Der Merum-Chefredakteur ist zuversichtlich, dass, wie beim österreichischen Wein, das Interesse der Verbraucher und auch die Nachfrage nach echter Qualität steigen werden. "Gerade in Österreich sind mir richtiggehende Olivenzirkel bekannt."

www.merum.info

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(kurier) Erstellt am 09.10.2012, 17:30

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