Alan Rusbridger, der Aufdecker-Pianist

Alen Rusbridger…
Foto: KURIER/Stephan Boroviczeny Alan Rusbridger

Der Starjournalist vergaß trotz Wikileaks und Abhörskandal nicht auf seine tägliche Chopin-Viertelstunde.

Die meisten von uns kommen mit einem Vollzeitjob plus Familienverpflichtungen gerade einmal so zurecht. Zeit für Hobbys muss erkämpft werden, Sport zu treiben oder hin und wieder ein Buch zu lesen, ist für viele schon eine Überforderung.

Und dann gibt es Menschen wie Alan Rusbridger. Der Journalist schaffte es trotz 14-Stunden-Jobs innerhalb eines Jahres eine der schwersten Klavier-Balladen, die je geschrieben wurden, konzertreif zu spielen.

Er hat darüber ein Buch geschrieben. In "Play it again" (Verlag Secession) beschreibt Rusbridger, wie er lernte, Chopins Ballade Nr.1 in g-Moll zu spielen.

Aber es ist nicht so, wie Sie jetzt denken.

Rusbridger, 61, hält sich nicht für derart besonders, dass er wegen des bisschen Klavierspielens gleich ein Buch schreiben muss.

Im Gegenteil: Er beschreibt Leute wie Liz aus Manchester, Lehrerin, Krankenschwester und Mutter von fünf Kindern, die wesentlich besser musiziert als er. Oder den Ex-Taxifahrer und Brandt- weiner-Intimus Gary, der besagte Ballade, eines der furchteinflößendsten Stücke der Musikgeschichte, scheinbar aus dem Ärmel schüttelt.

Die Offenbarung

Dabei hätte auch Rusbridger allen Grund, sich "besonders" zu fühlen. Für Journalisten ist er so etwas wie ein Star. Alan Rusbridger war zwanzig Jahre lang Chefredakteur des Guardian. Als er 1979 zu der britischen Tageszeitung kam, waren Fotos noch Schwarz-Weiß. Als er seinen Chefredakteursposten im vergangenen Mai abgab, hatte er den Guardian zu einer der wichtigsten Zeitungsmarken im englischsprachigen Raum aufgebaut, ihm Auszeichnungen wie den Pulitzerpreis beschert, obendrein eine überzeugende Onlinestrategie entwickelt und außerdem den alternativen Nobelpreis erhalten. Man könnte von einem ausgefüllten Leben sprechen. Bis der Tag kam, als er sich daran erinnerte, dass er einst, seiner ehrgeizigen Mutter wegen, Klavierspielen gelernt und dieses Können jahrzehntelang brachliegen gelassen hatte.

 

Christmas comes but once a year. Which, coincidentally, is the same number of times I get pressed into playing the organ

Ein von Alan Rusbridger (@arusbridger) gepostetes Foto am

Mit Mitte vierzig, am "Nachmittag seines Lebens" entschloss er sich, seinem Bedürfnis nachzugeben, dem Hamsterrad der Zeitungswelt zu entkommen. Für Augenblicke wenigstens. Er malte, schrieb Kinderbücher und nahm schließlich das Klavierspiel wieder auf. Das einschneidende Erlebnis kam, als er einen Hobby-Pianisten (besagten Ex-Taxifahrer Gary) Chopins Ballade Nr. 1 spielen hörte. Weltweit bekannt ist das kaum zehn Minuten lange Stück aus Roman Polańskis Film "Der Pianist". In Japan wird es kultisch verehrt, es gibt sogar einen Comic darüber. Die Faszination liegt in der Schwierigkeit. Die Notenblätter, schreibt Rusbridger, sehen aus, als habe jemand "Fliegen auf Papier zerquetscht". Er nahm sich vor, dem Stück von nun an täglich mindestens zwanzig Minuten zu widmen. Und das, obwohl er ausgerechnet in dem Jahr (2010) den Guardian durch die Zeit der Wikileaks-Enthüllungen manövrierte – deren Gründer Julian Assange sich als gelinde gesagt eigenwillig entpuppte. Weiters hatte er die komplizierte Partnerschaft mit der New York Times und dem Spiegel zu managen und außerdem enthüllte der Guardian unter Rusbridgers Leitung den Abhörskandal bei News of the World.

Rückschläge

All das erzählt er in seinem Buch, in meist launigem Ton und mit ziemlich viel Name-Dropping ("Mittwoch macht die Sun den Kampfhund"). Zum Drüberstreuen beschreibt er, wie er in Tripolis während des Bürgerkrieges in Libyen einen Reporter aus der Geiselhaft befreit. Und selbstverständlich auch auf dieser heiklen Mission Klavier spielt: Auf dem Heimweg verläuft die Route über Casablanca und dort, in einer schäbigen Hotellobby, stürzt er sich auf ein Klavier. Der Titel "Play it again" ist also eine Anspielung auf den Film "Casablanca".

Detailgenau erzählt Schüler Rusbridger von seinen täglichen Rückschlägen, und seinem Lerneifer zwischen mehreren Lehrern (die nichts voneinander wissen sollen, was zu komischen Szenen führt, Marke: Wo hast du bloß diese Fingerstellung her?). Doch an keiner Stelle wirkt er wie ein Streber, Typ Lebensberater. Wie einer, der von seinem Luxus-Cottage aus (das er tatsächlich besitzt, obwohl er das Wort "Luxus" wohl streichen würde) Anleitungen zum Lebensglück gibt.

Der Aufdecker-Pianist erzählt von Tagen, die im Morgengrauen anfangen und spätnachts enden und er beschließt, sie noch ein bisschen früher zu beginnen, um vor dem Frühstück üben zu können. Er schreibt vom Musizieren mit Freunden wie dem Soziologen Richard Sennett und erzählt Anekdotisches von Pianisten wie Daniel Barenboim oder Alfred Brendel. Brendel riet ihm, seinen Flügel neu einstellen zu lassen. Barenboims Kommentar dazu: "Alfred ist sehr eigen, was Flügel angeht. (...) Er ist ein ganz großer Pianist, ein herausragender Intellektueller und Humanist. Aber er versaut jeden Flügel!"

Die Midlife-Crisis

"Als Mann mittleren Alters macht man ja viele seltsame Dinge: kauft sich eine Harley Davidson, läuft Marathon oder versucht eben, diese vertrackten 264 Takte Chopins zu meistern", beschreibt Rusbridger augenzwinkernd sein Tun. Doch es ist mehr als persönliche Krisenbewältigung, die er hier vorführt. Ihn treibt die Wissbegier: Kann ein normal begabter Mensch in fortgeschrittenem Alter noch derartige Herausforderungen stemmen? Ist Perfektion erreichbar und wenn ja, überhaupt relevant? (Nein! Auch Vladimir Horowitz machte Fehler.)

Musikhistoriker und Neurowissenschaftler erklären, was Klavierspielen eigentlich ist und wie man ein inneres Feuer, das sacht vor sich hin gloste, wieder anfacht. Der Weg, der Rusbridger zum Ziel führt, ist steinig, auch für die Leser. Manchmal wirkt seine akribische Art, die kleinsten Fortschritte zu notieren, ermüdend. Nicht schon wieder diese Fingersätze!

Am Ende weiß man: Es gehört alles zusammen. So wie eine große Enthüllungsstory mit kleinen, scheinbar banalen Details beginnt, steht auch am Anfang einer überwältigenden Ballade simples Üben. Das gilt übrigens auch für Condoleezza Rice. Die Ex-US-Außenministerin und passionierte Pianistin versorgte Rusbrigder ebenfalls mit Tipps: Sie übe auch auf Dienstreisen und verarbeite Nah-Ost-Termine mit Brahms.

Verborgene Talente

Klavier entspannt mehr als Football

Unter den Spitzenpolitikern dieser Welt befinden auch einige passable Musiker.

Condoleezza Rice, Ex-US-Außenministerin, spielt Klavier, seit sie drei ist. Mutter, Großmutter und Urgroßmutter spielten ebenfalls, sie selbst hatte bereits mit zehn erste Auftritte, besuchte später ein Musikkonservatorium und hatte eigentlich vor, Profimusikerin zu werden. Irgendwann kam die Erkenntnis: Es reicht nicht. Sie wechselte ihr Hauptfach, studierte Politikwissenschaft, der Rest ist Geschichte. Was blieb: regelmäßiges Musizieren, das sie bis zu einem gemeinsamen Auftritt mit Weltstar Yo-Yo Ma brachte. Klavierspielen, sagt sie, entspannt besser als Football schauen.

IRAQ-US-DIPLOMACY-RICE Foto: APA/EPA/Sabah Arar/Pool Condoleezza Rice

Rice befindet sich in guter Gesellschaft: Auch Ex-US-Präsident Harry Truman, der ehemalige deutsche Kanzler Helmut Schmidt und Ehud Barak, ehemaliger israelischer Ministerpräsident, waren beachtlich spielende Pianisten. Ex-Präsident Bill Clinton gefiel sich in der Rolle des Saxofonspielers, was er unter anderem in der Night-Show von Arsenio Hall vorzeigte.

** FILE ** Democratic Presidential Candidate Bill … Foto: AP/Ron Edmonds Bill Clinton

Apropos Show: Barack Obama spielt zwar kein Instrument, jammte aber recht brauchbar bei Jimmy Fallon. Zu Österreichs besten Polit-Musikern zählt Rudolf Streicher, ehemaliger SP-Verkehrsminister und Bundespräsidentschaftskandidat: Er lernte als Kind Geige und dirigierte später hin und wieder als deren Präsident die Wiener Symphoniker.

Großer Erfolg für CONCORDIA Benefiz-Matinée "Wege Foto: CONCORDIA Sozialprojekte Rudolf Streicher

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