Paul Zulehner: Familien unter Druck

Paul M. Zulehner…
Foto: KURIER /gnedt martin Paul M. Zulehner

Der Religionssoziologe Paul Zulehner über die künftigen Herausforderungen für Familien.

Er wechselt die Windeln, während sie im Büro Mitarbeitergespräche führt. Jahrzehntelang wurde um die gleiche Verteilung in Familie und Beruf gerungen. Viel hat sich verändert, trotzdem sind viele Paare nicht glücklich.

Paul M. Zulehner ist überzeugt, dass die modernen Geschlechterrollen von vielen Männern und Frauen als anstrengender empfunden werden, als die traditionellen. Der Pastoraltheologe forschte zwanzig Jahre lang an der Entwicklung der Geschlechterrollen in Österreich, im KURIER-Gespräch spricht er über die Herausforderungen von Paaren und Eltern.

KURIER: Geht es den Familien heute schlechter?

Paul M. Zulehner: Ja, die Familien erleben sich gestresster. Entlastung wird gewünscht. Dabei wollen aber die Betroffenen mitbestimmen.

Viele Paare versuchen, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen. Sie sagen, das sei den Familien zu anstrengend.

Sowohl Väter als auch Mütter sind in der jetzigen Situation überfordert, weil der Zugriff der Wirtschaft auf beide Geschlechter ziemlich brutal ist. Jene, die Erwerbsarbeit an zweiter Stelle setzen und lieber Zeit für Freizeit und Familie verwenden möchten, können dies nicht tun. Viele können es sich nicht leisten, wenn nur ein Elternteil arbeitet und der andere bei den Kindern bleibt.

Sie schreiben, dass der Feminismus in den vergangenen Jahren an Zuspruch verloren hat.

Die Begeisterung für den Feminismus ist gerade bei jungen Frauen deutlich schwächer geworden, weil sie das Gefühl haben, durch andere fremdbestimmt zu werden. So wie sie früher vom Patriarchat fremdbestimmt wurden. Mag sein, dass die feministische Option eine durchaus gute ist, aber ob die Menschen sie wählen, das wollen sie selber bestimmen. Sie wollen sich nichts durch eine Sozialpolitik aufzwingen lassen. Der modernste Wert heißt heute: Selbstbestimmung.

Wie äußert sich das?

Wichtig ist nicht, ob der Mann oder die Frau zu Hause bleibt, oder ob beide flexibel arbeiten, sondern dass sie es selber bestimmen können. Das oberste Prinzip heißt, die Wahl zu haben: Wir wollen selber bestimmen, wie modern wir sind und ob es nicht hin- und wieder andere Phasen gibt, in denen wir zum Beispiel eine Zeit lang so leben wollen wie unsere Großeltern.

So zu leben wie unsere Großeltern, heißt, dass die Rollen traditionell verteilt sind. Geht der Trend in diese Richtung?

Frauen wünschen sich, dass sie sich nicht entschuldigen oder genieren müssen, wenn sie zwei oder vier Kinder haben, sondern dass sie dafür anerkannt werden. Viele Familien sagen auch, unser Lebensschwerpunkt ist nicht die Arbeit, sondern primär dort, wo wir lieben, wo wir Kinder haben, Ältere pflegen. Soziologisch gesehen passiert etwas Interessantes: Die zu kleinen Familien möchten künstliche Großfamilien schaffen. Dafür bilden sie Netzwerke und Wohngemeinschaften. Zum Beispiel: Junge Familien schließen sich mit anderen zusammen, weil sie gemeinsam und selbstbestimmt Kinder und Alte versorgen können. Das ist zukunftsfähig, muss aber auch gefördert werden.

Stichwort Altenbetreuung: Viele klagen, dass es zu wenig Nachwuchs gibt, der später die Älteren betreut.

Die österreichische Gesellschaft verträgt es, wenn es weniger Kinder gibt. Es werden Kinder zuwandern, in welchem Alter weiß man noch nicht. Das Kernproblem sind wir: Die zukünftigen alten Menschen. Um unsere Versorgung im Alter bin ich besorgt. Und das kann dann durchaus auch durch Pflegekräfte von bestens ausgebildeten zugewanderten jungen Menschen passieren.

Wie können Menschen mit diesen Herausforderungen umgehen?

Es gibt zwei Strömungen: Die Traditionelle, die vorsieht, Kinder und Alte zu Hause zu betreuen. Und dann gibt es jene, die den Zweck von „Altentagesstätten“ ähnlich von Kindertagesstätten vorsieht. Um untertags arbeiten zu können, werden die zu pflegenden Personen in Pflegestätten untergebracht. Abends und am Wochenende sind sie wieder zu Hause. Die Tendenz geht aber dahin, dass die Menschen nach privaten Lösungen suchen, die auch finanziell unterstützt werden.

Welche Herausforderungen stellen sich an die Sozialpolitik?

Es geht nicht, dass sich die Politik nur zugunsten der öffentlichen Betreuungseinrichtungen stark macht. Ein breiteres Spektrum ist nötig, um der Vielfalt der Menschen gerecht zu werden. Die einen wollen mit öffentlichen Einrichtungen kooperieren, die andere möchten eigene Wege für ihre Kinder und Alten finden. In beiden Fällen zeigt sich, dass die Entlastungswünsche der Menschen groß sind. Das sind Pflegekarenz und Pflegegeld – aber im Sinne eines richtigen Einkommens für jene, die pflegen, und nicht eines, das man sich vom Staat erbetteln muss. Wer zu Hause bleibt und jemanden pflegt, sollte genauso bezahlt werden, wie jemand, der in einem Heim arbeitet.

Zur Person

Paul M. Zulehner (74) ist Theologe und katholischer Priester. Der mittlerweile emeritierte Professor lehrte an der Universität Wien Pastoraltheologie und ist nach wie vor in der Forschung aktiv. Die Ergebnisse seiner Studien sind nun in einem Buch erschienen.  „Gleichstellung in der Sackgasse? Frauen, Männer und die erschöpfte Familie von heute“ von Paul Zulehner und Petra Steinmair-Pösel; Styria Verlag; 24,99 Euro

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(kurier) Erstellt am
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