"Jede Vagina ist so unterschiedlich wie unsere Nasen und Augen"

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Foto: by Ludovico Sinz

Für das weibliche Geschlechtsteil gibt es kein Wort, das nicht negativ besetzt ist, sagt die Gründerin des ersten Vaginamuseums.

Kerstin Rajnar eröffnete am Wochenende das erste virtuelle Vaginamuseum, in dem 94 Künstler auf ihre Art das weibliche Geschlechtsteil zeigen. Im Gespräch mit dem KURIER erklärt Rajnar, wie man die Vagina darstellen kann ohne pornografisch zu werden - und warum sie trotzdem tabuisiert wird.

KURIER: Wie kommt man auf die Idee, dem weiblichen Geschlechtsteil ein Museum zu widmen?

rajnar.jpg Foto: 2014 Kerstin Rajnar_frau mag rosa pink Kerstin Rajnar: Es gibt in diesem Bereich eigentlich nichts außer einem Penismuseum in Island und in Deutschland. Als ich erstmals die Idee hatte, habe ich an den Reaktionen anderer Menschen gemerkt, wie schambesetzt dieses Thema ist. Es ist ein großes Tabu, das auch Angst auslöst, manche haben sogar aggressiv reagiert. Das hat mich darin bestätigt, dass man etwas in dem Bereich tun muss. Mein Ziel ist die Enttabuisierung und Auseinandersetzung mit der Vagina.

Wie kommt es, dass die Vagina noch immer so ein großes Tabu ist?

Rajnar: Mit der Vagina passiert nach wie vor nicht viel Schönes - es gibt Vergewaltigungen, Genitalverstümmelung und mittlerweile lassen sich Frauen operieren, weil ihr Geschlecht als hässlich empfinden. Vieles schwingt aus der Vergangenheit mit. Ursprünglich wurden Frauen gehuldigt, doch im Mittelalter - bedingt durch die Kirche - wurde die Frau immer mehr als Sünde und dem Mann untergeben gesehen. Das hat eine negative Verankerung in den Köpfen bewirkt. Im Klassizismus und in der Barockzeit wurde die Frau dann als Objekt der Begierde präsentiert und erst durch die feministische Kunst hat man sich wieder positiv mit Weiblichkeit auseinandergesetzt, aber das teilweise sehr radikal.

Vagina2.jpg Foto: 2012 Chapel of the Vagina - Iwona Demko (Foto: Kaplica Waginy_fot_Krzysztof krol)

Sie wollen das mit Ihrem Museum ändern?

Es fehlt einfach die Huldigung und Ehrung des weiblichen Geschlechts. Was uns oft nicht bewusst ist: Begrifflichkeiten wie Fotze oder Fut sind eine absolute Verletzung der Weiblichkeit. Auch die ständige Pornografisierung erzeugt Verletzungen, bei denen wir schon gar nicht mehr wahrnehmen, wie es uns dabei geht. Diese negativ besetzte Darstellung und Benennung der Vagina ist sehr männlich gesteuert. Diese Menschen sind aus der Zeit des Klassizismus und Barock nicht herausgewachsen.

In Ihrem Museum sind aber auch männliche Künstler vertreten?

Ja, natürlich. Es geht um eine wertfreie Darstellung der Vagina. Eigentlich bezeichnet der Begriff Vagina den Verbindungskanal von innen nach außen und gehört zu den inneren Geschlechtsorganen. Die Vulva ist außen. Ich verwende den Begriff Vagina als Überbegriff, weil er bekannt ist und jedem klar ist, was gemeint ist. Es gibt leider kein Wort für das weibliche Geschlecht, das nicht negativ besetzt ist.

Wie stellt man die Vagina nicht pornografisch dar?

vaginamuseum.jpg Foto: 2014 VAGINA 2.0 - VAGINAMUSEUM.at Wir zeigen Werke von 94 Künstlern. Jamie McCartney macht zum Beispiel Gipsabdrücke von Vulven. Auf seiner "Great Wall of Vaginas" hat er inzwischen 400 Abdrücke gesammelt. Da sieht man die Vielfalt der verschiedenen Vulven. Jede ist unterschiedlich so wie jeder eine andere Nase und andere Augen hat.

Sie wollen mit Ihrem Museum jede Altersgruppe ansprechen - auch Jugendliche?

Ja, die Webseite könnte etwa in den Sexualunterricht eingebunden werden. Wenn sich Jugendliche im Internet über Sex informieren wollen, kommen sie nur auf Pornoseiten. Wenn es eine informative Plattform mit einem neutralen Zugang gibt, wird man nicht nur in Richtung Pornografie geprägt. Wir zeigen nicht nur schöne Darstellungen der Vagina, sondern setzen uns auch kritisch auseinander.

Vagina1.PNG Foto: 2014 Muschi2Go - Angela Proyer

Aber nur künstlerisch?

Im Moment liegt der Schwerpunkt auf der Kunst und bis jetzt gab es dazu viel positives Feedback. Ich will in Zukunft auch die Aspekte Gesundheit und Alltag hinein nehmen. Die Seite soll eine informative Plattform sein, die wachsen kann.

(Kurier) Erstellt am
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