"Wer bin ich, dass ich Menschen verurteile?"

Martinus Haus, Eisenstadt, Bischof Ägidius Zsifkov…
Foto: KURIER/Gerhard Deutsch .

Bischof Zsifkovics gibt sich im Interview offen für Veränderungen in der Kirche.

Als Ägidius Zsifkovics vor fünf Jahren mit erst 47 Bischof von Eisenstadt wurde, nannten ihn viele einen Rom-treuen Hardliner. Nun schreibt er in seinem ersten Buch im Amt von Dating-Plattformen und Striptease. Zsifkovics, der wirklich als Ägidius getauft wurde, ist Burgenland-Kroate und europaweit für Flüchtlingsfragen zuständig. Im Weihnachtsgespräch gibt er sich überraschend offen für Veränderungen. In der Kirche.

KURIER: Können wir heuer zu Weihnachten stolz darauf sein, wie wir unsere Nächstenliebe-Pflicht gegenüber Flüchtlingen erfüllt haben?

Ägidius Zsifkovics: Viele Menschen in unserer Kirche haben das Möglichste und mehr getan. Die Diözesen waren bemüht, die Orden hatten es schwieriger, sicher waren manche Pfarren anfangs sehr zögerlich. Wir hätten als Kirche sicher noch mehr tun können.

Es sah eher so aus, als ob die Kirche das Flüchtlingsthema mit einem Bauchfleck begonnen hat. Tat Ihnen das nicht weh?

Es tut allen weh, die es ernst nehmen und Weitblick haben. Ich habe gesagt, jede Pfarre soll zumindest eine Familie aufnehmen, und es hat mich sehr geschmerzt, dass sich ganz fromme Kreise und Pfarreien versperrt haben. Mit denen habe ich auch ein ernstes Wort gesprochen. Man warf mir dann mitunter sogar vor, dass ich die Islamisierung im Land vorantreibe.

Kann die Kirche aus dem Evangelium heraus überhaupt anders, als die Arme aufzureißen und alle aufzunehmen?

Ja, wir müssen auch gegen den Strom schwimmen, aber durch Begegnungen mit Flüchtlingen die Menschen hinführen, nicht nur Donnerreden halten. Wir müssen den mühevollen Weg der kleinen Schritte gehen. Andererseits müssen wir auch Realpolitiker sein. Wenn Menschen Angst haben, ist unsere Aufgabe die Information.

Muss die Kirche bei Nächstenliebe realpolitisch sein? Bei Moralethik und Frauen-Gleichstellung kommt man mit Dogmatik doch auch gut durch.

Das darf man nicht vermischen. Bei ethischen und moralischen Fragen geht es ja um die Theologie und unseren christlichen Standpunkt.

Gilt bedingungslose Nächstenliebe nicht als theologische Grundlage des Christentums?

Daher ist mein persönlicher Weihnachtswunsch an alle Österreicherinnen und Österreicher, die Türen aufzumachen und ich bitte alle, dass wir Christen wie Nichtchristen den Menschen, die an unsere Tür klopfen, Herberge geben. Trotzdem muss ich auch die Fakten wahrnehmen, dass sich viele unter die Flüchtlinge mischen, die keinen Grund zur Flucht haben.

Hätte sich Jesus nicht eben der Wirtschaftsflüchtlinge angenommen, die keiner mag – im Sinn von "Was ihr dem Geringsten tut, habt ihr mir getan"? Welche Art Flüchtlinge waren übrigens Josef und Maria?

Gute Frage, sie waren sicher keine reiche Familie. Am ehesten politisch Vertriebene. Eher politisch als religiös. Und ja, Christus hätte jeden aufgenommen, gerade die Sünder. Und gesagt: Geh’ nun und sündige nicht mehr.

Mit Ihrem Buch haben Sie einige überrascht. Es klingt nicht nur modern, Sie scheinen sich auch inhaltlich in den fünf Jahren verändert zu haben.

Es wäre tragisch für einen Menschen, noch mehr für einen Priester oder Bischof, wenn er sich innerlich nicht bewegen würde. Man hat mir vor fünf Jahren einiges unterstellt, aber ich war immer offen. Doch bin ich in manchen Ansichten gewachsen, gereift, und sehe vieles offener als vielleicht als junger Priester. Die Veränderung in der Welt macht auch nicht vor der Kirche oder dem Amt eines Bischofs halt. Es gibt einen Paradigmenwechsel, es geht zunehmend um das Eingemachte. Wir müssen uns von alten Denkmustern und Schemata verabschieden.

Das überrascht doch. Lust an Veränderung ist ja nun nicht das größte Talent der Kirche.Vielleicht klingt das überheblich, aber ich spüre wirklich das Wirken des Geistes Gottes. Ich habe für meinen Dienst als Bischof gesagt, ich möchte offen sein und auf die Menschen zugehen. Wir gehen in der Diözese einen neuen pastoralen Weg, ich bringe mich dabei ein und daher spüre ich auch persönlich eine Veränderung. Natürlich sehe ich, dass nicht nur die Dinge sich verändern, sondern auch wir uns mitverändern. Das ist nicht immer einfach, weil man in Muster und Klischees eingefahren ist, aber aus der persönlichen Reflexion, aus der Aktualität, ergibt sich eine lebendige Veränderung. Der Kontakt mit den Menschen hilft da, der war mir immer wichtig. Da bekommt man das Rüstzeug, das sollte jeder in der Kirche gemacht haben, um zu sehen, wie Menschen leben, wie Menschen glauben, wie Menschen reagieren. Ich habe auch als Generalsekretär der Bischofskonferenz erbeten, weiterhin Pfarrer zu sein, das habe ich auch zur Hygiene gebraucht.

Das ist ja ganz im Sinn des Papstes, der sagt: Geht zu den Menschen! Hat seine Wahl dieses Überdenken der "Muster und Klischees" in Ihnen ausgelöst?

Ich vergleiche mich nicht, aber wir erleben auch an Papst Franziskus eine Veränderung. Viele seiner Vertrauten sagen, er war früher eher verschlossen. Sie sind überrascht, dass er jetzt so spontan, offen, herzlich ist.Wenn wir daran glauben, dass der Heilige Geist bei der Papstwahl mitgewirkt hat, und ich glaube fest daran, dann sehe ich meinen Weg auch bestätigt. Das ist eine innere Ermutigung. Und es ist ja auch die Aufgabe eines Bischofs, den Dialog mit der Weltkirche zu führen, also mit Rom. Als man mir Rom-Treue vorgeworfen hat, war für mich verwunderlich, wie ein Bischof nicht Rom-treu sein sollte. Aber es geht nicht um Weisungen aus Rom, sondern wie man sich selbst dort einbringt. Denn unsere Aufgabe ist, in der Lehre der Apostel Brückenbauer, Interpret und Dolmetscher zu sein.

Haben Sie Ihre Meinung in einem der großen Themen geändert?

Bei der Offenheit zur Welt hin, da beginne ich auch als Bischof noch besser zu verstehen, welches Erbe uns das zweite Vatikanische Konzil hinterlassen hat und merke, dass wir das noch nicht umgesetzt haben, eigentlich gewisse Dinge noch gar nicht begreifen. Diesen Weg müssen wir weitergehen und noch intensivieren, da muss ich auch persönlich noch tiefer gehen.

Das Konzil endete vor genau 50 Jahren und brachte umfassende Veränderungen. Glauben Sie, dass sich die Kirche in den kommenden Jahren wieder so stark verändern wird?

Es wird zwar alles immer rasanter, aber ich glaube nicht an schnelle Veränderungen. Weil wir die Aufträge des zweiten Vatikanums noch nicht wirklich umgesetzt haben. Das ist noch nicht voll bei den Menschen angekommen. Und als Selbstkritik: auch noch nicht bei den Geistlichen.

Wie sehen Sie den Stand der Entwicklung bei den großen Fragen der Menschen an die Kirche – Gleichstellung der Frau, Zölibat, Laienarbeit? Und wo stehen Sie bei diesen Themen?

Wir kennen die theologischen Grundlinien, die ich im Grunde mittrage. Keiner von uns weiß, wohin der Weg führt, aber es muss eine Weiterentwicklung und Offenheit geben. Unmittelbar sehe ich keine Veränderung, die Gleichstellung etwa kann man nicht übers Knie brechen, das muss in die Gesamtheit hineinwachsen. Und wenn sich die Kirche nur mit sich selber beschäftigt, wäre das der Untergang. Wir müssen uns bemühen, auf den Menschen zuzugehen, für den Menschen da sein.

Das versuchen Sie im Buch mit sehr profanen Themen. Wie gut kennt sich ein Bischof denn mit Dating-Plattformen und Striptease aus?

In dieser über-erotisierten Welt kriegt auch ein Bischof alles mit. Bei aller Offenheit sehen wir doch auch die Wunden und Folgen der überdimensional nackten Welt, was ist denn an Positivem von der sexuellen Revolution geblieben? Ich sehe Sexualität und Nacktheit nicht als etwas generell Negatives. Aber es muss einen natürlichen Anstand geben. Ich habe vieles zwar nicht selber erfahren, aber ich kann mich in moderne Herausforderungen der Menschen gut hineinfühlen.

Wie fühlt sich eine 35-jährige emanzipierte Frau, die sich zwischen gesellschaftlichem Druck und Biologie in Kinderwunsch und Job aufreibt?

Ich kann kein Rezept geben, aber ich weiß aus der Seelsorge, dass viele junge Menschen, auch Männer, heute im Zwiespalt von Familie und Beruf stehen. Ich kann schon helfen, im Gespräch, etwa bei der Beichte, die eigene Berufung zu suchen.

Sie wählen im Buch plakative Worte zu jedem Buchstaben. Was würde Ihnen denn zu C wie Conchita Wurst einfallen?

Das ist für viele eine prägende Gestalt. Für mich ist es eine eigenartige Figur, die aus unserer christlichen Sicht und dem Menschenbild der ersten Seiten in der Bibel schwierig ist. Ich habe mich gefragt, warum das so gepusht wurde?

Die Botschaft der Figur ist doch Liebe und totale Toleranz.

Wenn man das so sieht, ist es schön, Toleranz ist natürlich gut. Ich sage es in den Worten des Papstes Franziskus: Wer bin ich, dass ich Menschen verurteile?

Gilt das auch bei H wie Homosexuelle?

Ich begegne auch denen mit dem gleichen Respekt wie allen anderen Menschen.

Aber Sie tun sich mit dem Thema noch schwer?

Ja, ganz ehrlich. Daran muss ich auch persönlich noch arbeiten. Das wurde in den vergangenen Jahren viel präsenter, da haben wir alle noch Nachholbedarf.

(kurier) Erstellt am
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