Älteste Prothese Europas entdeckt

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Foto: /ÖAI (3) Der Einbeinige vom Hemmaberg

Am Hemmaberg in Kärnten gruben österreichische Archäologen einen Einbeinigen aus, der eine Gehhilfe aus Metall und Holz trug. Die stammt aus dem 6. Jahrhundert.

Das gute Stück dürfte etwa 1400 Jahre alt sein und war voll funktionstüchtig. Die Anthropologin Michaela Binder vom Österreichischen Archäologischen Institut ist sehr angetan von dem Fund, den ihre Kollegen rund um Franz Glaser und Josef Eitler 2008 am Kärntner Hemmaberg gemacht haben: "Seit dem 4. Jahrhundert gibt es dort Kirchen, es ist eine der ältesten, christlichen Pilgerstätten Österreichs", erzählt sie. Rund um die Kirche liegen seit Alters her Gräber. Und auf die hatten es die Forscher abgesehen.

29 wurden ausgemacht. Und in einem der Gräber lag eine Skelett, dem der Fuß inklusive ein Teil des Unterschenkels gefehlt hat.

sdggs… Foto: /ÖAI "Nicht weiter ungewöhnlich", ergänzt Binder. Der Eisenring mit sechs Zentimeter Durchmesser und Holzresten, den die Forscher fanden, war es schon.

sdggs… Foto: /ÖAI An diesem Punkt wurde die Anthropologin Binder zugezogen. Die stellte fest, dass der Stumpf eindeutig gut verheilt war.

Im Spital in Wiener Neustadt wurde ein CT-Scan des Beins angefertigt. Zudem eine Knochendichtemessung. Binder weiß mittlerweile, dass das versehrte Bein nach der Amputation weniger, aber doch belastet wurde. Bei dem Holz-Metall-Teil musste es sich also um eine voll funktionsfähige Prothese handeln.

Eine Fibel und ein Kurzschwert, die sich ebenfalls im Grab des 35 bis 50 Jahre alten Mannes befanden, halfen bei der Datierung des einzigartigen Fundes: "Eindeutig 6. Jahrhundert", sagt Binder. "Der Tote dürfte in den fränkischen Kulturkreis gehören und man weiß, dass Kärnten damals für kurze Zeit der südlichste Zipfel des Fränkischen Reiches war."

Was sie noch über den Mann herausgefunden hat: "Veränderungen an den Oberschenkeln und Hüftknochen deuten darauf hin, dass er sehr viel geritten ist."

Warum der Mann seinen Fuß verloren hat, darüber kann die Anthropologin nur spekulieren. Eine Entzündung, die die Amputation nötig machte? Möglich. Eine Bestrafung? Eher nicht, weil der Mann als bedeutende Persönlichkeit nahe dem Altar bestattet wurde. Eine Kampfhandlung? Durchaus wahrscheinlich, ist die Verletzung doch typisch, wenn Leuten am Pferd sitzen und gegen einen Angreifer am Boden kämpfen. Genauso gut könnte es aber auch sein, dass der Mann unter die Räder eines Wagens gekommen ist. "Wir können es nicht mit Sicherheit sagen", erklärt Binder.

Was sie aber sicher weiß: Die Prothese, die der Mann danach – möglicherweise jahrelang trug – "ist die älteste in ganz Europa, nur aus China ist eine ältere bekannt. Die aus dem römischen Reich waren ausschließlich Zier-Prothesen."  

(kurier) Erstellt am
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