Letztes Update am 13.05.2012, 08:39
Vinyl: Revolution der schwarzen Scheibe.
Die Welt ist flach: Vor 125 Jahren wurde die Schallplatte geboren. Am 16. Mai 1887 erblickten die schwarzen Scheiben offiziell das Licht der Welt.
Ein Jahrhundert lang gab es Musik nur live oder mit Knistern. Dann kam die Schallplatte. Mit ihr wurde die Musik demokratisiert, erst mit ihr konnte (fast) jeder (fast) überall Musik hören. Am 16. Mai hat sie offiziell Geburtstag.
Eine erste Tonaufnahme gelang schon 1857. Dummerweise konnte der Phonautograph des Franzosen Edouard-Leon Scott de Martinville zwar Schall aufnehmen, aber nicht wiedergeben.
Das gelang erst 20 Jahre später der Erfinderwerkstatt von Thomas Alva Edison. Doch die verwendeten Walzen hatten zwei entscheidende Nachteile: Sie waren umständlich zu benutzen, vor allem aber schwer zu vervielfältigen.
Erst Emil Berliner, ein in die USA eingewanderte Jude aus Hannover, gelang es, ein Gerät wirklich marktreif zu machen: Der Erfinder meldete ein Patent auf einen scheibenförmigen Tonträger an, in den schneckenförmig eine Rille geritzt ist, welche die Schwingungen der Aufnahme-Membran analog konserviert.
Bild: Logo "His Master`s Voice" der Deutschen Grammophon Gesellschaft , gemalt von Francis Barraud.
Der Berliner stellte am 16. Mai in Washington das von ihm erfundene Grammophon und den damit abzuspielenden Tonträger vor, dem er selbst den Namen "Schallplatte" gab.
Bis weit in die 1980er Jahre war diese das entscheidende Musikmedium - und als Symbol ist sie es noch heute. "Das war aber erst einmal nur etwas für Reiche", sagt Gert Redlich, Ingenieur mit Hifi-Museum.
Der Durchbruch kam 1931, als die Langspielplatte vorgestellt wurde. Die Geräte waren zwar noch für die meisten zu teuer und wurden ausgeborgt. Doch mit der LP war Musik endgültig zum Massenmedium geworden.
Selbst für Autos gab es einen Plattenspieler, der fast wie ein CD-Player funktionierte. Die "Weltmacht Schallplatte" (Historiker Curt Riess 1966) war Symbol für Musik, Spaß, Kultur, ja sogar Revolution und Aufbegehren und prägte ganze Generationen.
"Mein Mann ist zu DDR-Zeiten extra zur See gefahren, um an Platten zu kommen", erklärt Heike Zenker den Ursprung des Plattenmuseums, das das Paar gerade aufbauen will.
"Alle anderen Medien sind Datenträger. Die Schallplatte aber ist ein Stück Kulturgut", schwärmt die Sächsin. "Aber die Schallplatte ist ein Gesamtkunstwerk."
Bild: Platte und Noten von "Esto es melao," geschrieben von dem kubanischen Sänger Benny More.
"Die Hüllen waren auch jeweils ein Kunstwerk für sich. Und manchmal sogar buchstäblich, zum Beispiel die von Andy Warhol gestalteten." Dessen Kunst hieß ja nicht umsonst Pop Art.
Bild: Plattencover von Velvet Underground and Nico.
Zum Hören kam das Fühlen: "Die Hüllen waren aus Papier oder Pappe, gewellt oder glatt, mit erhabenen Elementen oder Glanz, selbst aus Jeansstoff gab es welche. Die Platte ist ein Fest für die Sinne."
Die Platte sei keine Musik für den schnellen Verbrauch, nicht zum Nebenbeihören. "Eine Platte wird zelebriert", schwärmt Zenker.
Echte Freunde störe deshalb auch nicht, dass nach 23 Minuten schon wieder Schluss ist.
"Die Platte begrenzt. Man ist zur Langsamkeit verurteilt", sagt sie. "Und ein bisschen Knistern gehört zur Musik doch einfach dazu."
(apa, red./mich)
Erstellt am 13.05.2012, 08:32