Netrebko und Domingo: Für viele der Festspielauf­takt

Jubel für Anna Netrebko und Plácido Domingo nach Verdis "Giovanna d’Arco".

Dienstag in der Felsenreitschule: Neo-Bariton Plácido Domingo und Anna Netrebko beim großen Schlussapplaus Dirigent Paolo Carignani, Plácido Domingo, Anna Netrebko und Tenor Francesco Meli (v. l. n. r.) Netrebko genoss die Ovationen Anna Netrebko nach der Premiere von "Giovanna d'Arco" vor dem Festspielhaus Plácido Domingo und Anna Netrebko bei den Proben Plácido Domingo und Anna Netrebko bei den Proben

Wenn man den Societyfaktor als Maßstab heranzieht, dann haben die Salzburger Festspiele am Dienstag um 16.27 Uhr erst so richtig begonnen.

Da betrat Anna Netrebko, die auf wundersame Weise die nötigen Qualitäten, die Gesellschaftsberichterstatter so sehr schätzen, ebenso mitbringt wie künstlerische, die Bühne der Felsenreitschule. Betrat? Nein, sie erschien. Im güldenen Glitzerkleid, dem glamourösen Anlass entsprechend (dass Frank Castorf beim „Ring“ in Bayreuth seine Brünnhilde als Diven-Parodie in ein ebensolches Kleid gesteckt hatte, sei hier nur am Rande erwähnt).

Eine Minute davor hatte Plácido Domingo zu seinem Comeback angesetzt – er hatte zuletzt mehrere Auftritte wegen einer Lungenembolie absagen müssen. Netrebko und Domingo gemeinsam auf der Bühne: Da ist es fast schon egal, was sie singen, Hauptsache sie singen.

Diesfalls auf dem Programm: Giuseppe Verdis siebente, 1845 an der Scala uraufgeführte Oper „Giovanna d’Arco“, so gut wie nie gespielt und auch diesmal nur konzertant programmiert. Das bedeutet: Das Werk, das in manchen Momenten noch an Verdis Belcanto-Vorgänger erinnert, wird wohl gleich wieder von den Spielplänen verschwinden. Die musikalische Substanz und Genialität lässt sich aber auch in Salzburg trotz des recht groben und behäbigen Münchner Rundfunkorchesters unter der Leitung von Paolo Carignani erkennen (sehr gut von Walter Zeh einstudiert: der Philharmonia Chor Wien).

Aber im Zentrum des Interesses standen bei dieser absurderweise um 16 Uhr beginnenden Aufführung ohnehin die Sänger.

Himmlisch

Anna Netrebko singt die Partie der Heiligen Johanna (basierend auf Schiller), die nicht auf dem Scheiterhaufen, sondern auf dem Schlachtfeld stirbt, hinreißend. Ihr wunderschönes Timbre wird immer dunkler, ihre Stimme noch größer, dabei verliert sie aber nicht an Präzision und Fähigkeit, Koloraturen zu gestalten (auch wenn andere da bedeutend besser sind). Wenn man etwas bemängeln will, dann höchstens, dass sie phasenweise allzu kraftvoll agiert – was aber wiederum Vorfreude auf ihre Ausflüge in ein anderes Repertoire, etwa von Wagner, macht. Grandios, wie sie das Finale, wenn sie gen Himmel fährt, von den Arkaden aus singt.

Konzertant? Das ist auch für Domingo eine Kategorie, die er nicht zu akzeptieren gewillt scheint. Er spielt ihren Vater Giacomo nicht nur exzellent, er singt ihn auch mit Hingabe und all seinen Mitteln. Natürlich klingt er auch bei dieser Bariton-Partie wie ein Tenor in der Mittellage. Seine Stimme ist aber immer noch farbenreich. Und er als Sänger so klug, dass er exakt weiß, wann er wie präsent sein muss. Er ist als Vater, der der Tochter zuerst misstraut und diese verrät, sehr berührend. Das Comeback ist geglückt, Domingo wird sich wohl noch die eine oder andere Bariton-Rolle aneignen.

Ein reiner Tenor, und noch dazu ein sehr guter mit klarer Höhe und ausreichend Kraft ist Francesco Meli als Carlo VII.

(Kurier) Erstellt am
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