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„Jeder Forscher kann kommen und sich das anschauen. Er wird in keiner Weise behindert.“ Clemens Hellsberg Philharmoniker-Vorstand (rechts).
„Jeder Forscher kann kommen und sich das anschauen. Er wird in keiner Weise behindert.“ Clemens Hellsberg Philharmoniker-Vorstand (rechts). - Foto: APA/HERBERT PFARRHOFER

Letztes Update am 31.12.2012, 14:15

Das Neujahrskonzert abschaffen?. Zur Forderung nach einer kritischen Aufarbeitung der Geschichte dieser Institution.

Wenn wir uns heute wie an jedem 1. Jänner am einzigartigen Klang des Neujahrskonzerts der Wiener Philharmoniker erfreuen, dann wird er von einem Misston gestört, den die Politik dieser Tage ins Spiel brachte. „Das Neujahrskonzert“, erklärte der grüne Abgeordnete Harald Walser, sei „das Ergebnis einer nationalsozialistischen Kulturpolitik“. Ist etwas dran an dieser Feststellung und wenn ja, welche Konsequenzen soll man daraus ziehen?

Der erste Dirigent

Zunächst einmal: Das erste Neujahrskonzert war kein Neujahrskonzert, sondern ein Silvesterkonzert, es fand am 31. Dezember 1939, im ersten Kriegswinter des Zweiten Weltkriegs, statt, damals wie heute im Goldenen Saal des Wiener Musikvereins. Dirigiert wurde es von Clemens Krauss, dem ehemaligen Direktor der Wiener Staatsoper.

Im Hintergrund des musikalischen Ereignisses stand die Konkurrenz der Wiener zu den Berliner Philharmonikern, die seit Österreichs „Anschluss“ an Hitler-Deutschland schärfer denn je war. Die Berliner hatten in diesem Machtkampf die Nase vorn, weil sie a) das Orchester der Hauptstadt des „Dritten Reichs“ und b) durch Propagandaminister Joseph Goebbels finanziell weitaus besser ausgestattet waren. Wien war seit März 1938 keine Hauptstadt mehr und hatte dadurch ganz allgemein an Bedeutung verloren.

In den folgenden Jahren versuchte NS-Reichsstatthalter Baldur von Schirach den Nachteil der Stadt Wien und damit auch der Wiener Philharmoniker – die im Gegensatz zu den Berlinern kaum noch Tourneen unternahmen – auszugleichen. Und er förderte das Orchester und damit das Neujahrskonzert, das ab 1941 tatsächlich an jedem 1. Jänner stattfand.

Es war von Anfang an klar, dass die Darbietungen sehr Wienerisch sein mussten – und was ist Wienerischer als der Dreivierteltakt der Strauß-Dynastie?

Boykott-Aufruf

Dabei hatte das Orchester seit je her ein gespanntes Verhältnis zu den „Sträußen“. Zu Lebzeiten der genialen Brüder lehnten die Wiener Philharmoniker deren Musik wie auch die ihres Vaters lange ab. „Ich bitte Dich, weder morgen noch künftighin die Konzerte dieser Leute zu besuchen“, rief Eduard seinen Bruder Johann 1877 brieflich zum Boykott auf. Johann Strauß litt sehr darunter, dass die Philharmoniker ihn als bloßen Unterhaltungsmusiker abtaten und sich weigerten, seine Melodien in ihr Repertoire aufzunehmen. Erst 15 Jahre nach Eduards Brief an Johann kam es zum ersten Strauß-Konzert der Philharmoniker – wobei der Walzerkönig selbst am Pult stand.

„Ein getaufter Jud“

Aber auch mehr als ein halbes Jahrhundert später, im Jahre 1939, hatten die Wiener Philharmoniker, wie aus den Versammlungsprotokollen des Orchestervereins hervorgeht, keine Freude damit, „leichte Musik“ zu spielen. Dazu kam, dass die gesamte Strauß-Dynastie, um deren Walzer, Märsche und Polkas überhaupt aufführen zu können, rückwirkend „arisiert“ werden musste. Hatte doch das „Gausippenamt“ herausgefunden, dass Michael Strauß, der Urgroßvater des Walzerkönigs, laut einer Eintragung im Trauungsbuch des Wiener Stephansdoms, „ein getaufter Jud“ war.

Kein Problem für die professionellen NS-Fälscher und Vertuscher: Minister Goebbels ließ das Dokument beschlagnahmen und ins Berliner „Reichssippenamt“ bringen, wo die Seite aus dem Kirchenbuch feinsäuberlich herausgeschnitten wurde. Womit die Strauß-Melodien für die Nazis gerettet waren.

Clemens Krauss, der auf Hitlers „Liste der gottbegnadeten Künstler“ stand, leitete das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker bis zu seinem Tod im Jahr 1954 insgesamt 13 Mal.

NSDAP-Mitglieder

Der grüne Nationalratsabgeordnete und Bildungssprecher Harald Walser, der selbst Historiker ist, bezieht seine Kritik in erster Linie aus der Diplomarbeit der Historikerin Bernadette Mayrhofer und den Studien des Schweizer Historikers Fritz Trümpi, der mit seinem Buch „Polarisierte Orchester. Die Wiener Philharmoniker und das Berliner Philharmonische Orchester“ die bisher kritischste Arbeit zu diesem Thema geliefert hat. Hier ist auch nachzulesen, dass fast die Hälfte der Wiener Philharmoniker Mitglieder der NSDAP waren und dass nach dem „Anschluss“ 15 Musiker, meist aus „rassischen Gründen“, das Orchester verlassen mussten. Sieben von ihnen starben in Konzentrationslagern, bei ihrer Verhaftung oder Deportation.

Abschaffen?

Außer Frage steht, dass das Neujahrskonzert eine Erfindung des nationalsozialistischen Regimes ist. Soll Österreichs erfolgreichster Musikexportartikel deshalb abgeschafft werden?

„Nein“, sagt der Abgeordnete Walser, „die Philharmoniker sind eine zentrale kulturpolitische Einrichtung, deren Arbeit natürlich unangetastet bleiben muss. Ich will sicher kein Monument stürzen, wie mir das schon unterstellt wurde. Aber im Gegensatz zu den Berliner Philharmonikern und zur Wiener Staatsoper haben die Wiener Philharmoniker noch nicht für eine saubere Aufarbeitung ihrer Geschichte gesorgt. Das Archiv des Staatsorchesters ist noch immer nicht öffentlich zugänglich.“

Dem widerspricht Philharmoniker-Vorstand Clemens Hellsberg: „Jeder Forscher kann kommen und sich das anschauen. Er wird in keiner Weise behindert.“ Walsers Konter: „Historiker, die sich mit der Aufarbeitung der Philharmoniker-Geschichte befassen, berichten mir das Gegenteil.“

Vielleicht werden wir am 1. Jänner 2014 schon ein bisschen mehr wissen.

(KURIER) Erstellt am 31.12.2012, 14:15

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