Letztes Update am 21.06.2012, 13:26
60 Jahre "Bild": Sex, Sensationen und Skandale.
Die deutsche Bild-Zeitung: Europas auflagenstärkstes und vermutlich meistdiskutiertes Blatt wird am Wochenende 60 Jahre alt.
Die Bild-Zeitung: Europas auflagenstärkstes und vermutlich meistdiskutiertes Blatt wird 60 Jahre alt. Am 24. Juni 1952 erschien die von Axel Cäsar Springer gegründete Zeitung zum ersten Mal. Eine Spurensuche in Bildern.
Bild: das letzte "Seite-1-Girl" der Bild-Zeitung
Der Holzhammer als Allegorie der Bild-Methodik: Die Zeitung ist seit den Nachkriegsjahren das Sinnbild des Boulevards im Deutschland - und hat ebenso Politik gemacht wie Geschichte geschrieben.
Am präsentesten im Gedächtnis dürfte wohl jene Schlagzeile sein, mit der das Blatt im Jahr 2005 den ersten deutschen Papst der Geschichte begrüßt hat - "Wir sind Papst", eine Anlehnung an den Wunsch-Titel "Wir sind Weltmeister".
Die polarisierende Form und Aufmachung der Schlagzeilen ist nicht nur prägend für Bild, sondern mittlerweile auch Gegenstand von Medienbeobachtung (siehe BILDblog) und Wissenschaft. Die "Ösis" bekommen dabei nur zu gerne ihr "Fett weg", wie die Bundesdeutschen zu sagen pflegen.
Die Kreativität der Schlagzeilen-Maschinerie - eine eigene Titel-Redaktion ist übrigens dafür zuständig - kennt wenig Geschmacksgrenzen. ...
Inhaltlich bewegt sich die Bild auf einem schmalen Grat; sie ist die am öftesten vom deutschen Presserat gerügte Zeitung. Aber, zugegeben: Die deutsche Sprache des 20. Jahrhunderts hat die Bild mitgeprägt. Wort-Neuschöpfungen wie "Messeropa", oder "Vergewaltigungsmädchen", Überspitzungen und Superlative sind gängige Bild-Sprache.
"Polemik pur" ist das Schlagwort, an dem man sich orientiert. Die von der Bild als "Schlechtschreibreform" titulierte neue deutsche Rechtschreibung hat man 2004 passenderweise gleich wieder abgeschafft - für die hauseigenen Blätter. 2006 wurde der Beschluss wieder still und leise rückgängig gemacht.
Abgeschafft hat die Bild kürzlich auch eines ihrer bekanntesten Erkennungsmerkmale - unter dem Motto "ein kleiner Schritt für die Frauen, ein großer für Deutschlands Männer" hat man "die Nackte" von der Seite eins verbannt.
Verantwortlich für das momentane Tun der Bild ist seit Anfang 2001 Kai Diekmann - bei einer Auflage von knapp 2,7 Millionen Stück ist der 47-Jährige Kapitän eines schweren Schlachtschiffs.
Diekmann hält das Ruder fest in der Hand - er gilt als einer der einflussreichsten Medienmacher des Landes. Ob er dies selbst auch so sieht? Diese Frage lässt Diekmann - Markenzeichen: Gel im Haar - gern lächelnd unbeantwortet.
Auch seine Kontakte zu politischen Kreisen dürften nicht die Schlechtesten sein. Schließlich rühmt sich die Bild auch damit, nicht nur über Politik zu berichten, sondern sie auch selbst zu machen.
Die amtierende Kanzlerin hat vor Amtsantritt mit der Bild gekuschelt - mittlerweile ist sie auf freundlicher Distanz. Was das Blatt dazu animiert, ebenso nett über sie zu berichten; ein Einkaufsbummel Angelas wird da schon mal prominent auf der Website platziert.
Diekmann selbst gilt vielen als Hassfigur - Spitznamen wie "Mr. Großkotz" sind da noch freundlich geraten. Stefan Niggemeier, einer der Gründer des BILDblogs, beschreibt die Hassliebe der Deutschen zu Diekmann so: "Er arbeitet da tatsächlich an so einer Kunstfigur von einem Bild-Chef, der auch irgendwie ein Arschloch ist, also er inszeniert sich selbst auch so, aber als sympathisches Arschloch." Passend dazu: Diekmann selbst bezeichnet sich gern als "Streiter für journalistische Sorgfalt" (Zitat FAZ).
Wenig davon hat der Bild-Chef allerdings in der Affäre Guttenberg bewiesen. Den Verteidigungsminister hatte man zu Beginn zum Liebkind aller Deutschen auserkoren, ihn per Homestory nahbar gemacht und auf Auslandsreisen begleitet. Als der Absturz kam und Guttenbergs Dissertations-Debakel publik wurde, hielt ihm die Bild noch einige Zeit die Stange - das Verteidigungsministerium belohnte dies mit einer groß angelegten Inseratenkampagne.
Verhindern konnte man den Abgang Guttenbergs - trotz bild.de-Leserkampagne - allerdings nicht mehr. Etwas mehr Stil - und auch Kalkül - hat das Blatt...
... in der Wulff-Affäre bewiesen: Als der ehemalige deutsche Bundespräsident nach Bild-Recherchen über die Mauscheleien rund um seine privaten Kredite gestolpert war, wollte er den vorherigen Kuschelkurs mit der Zeitung provokant aufrecht erhalten. Ein Anruf auf dem Privathandy Diekmanns war die Folge.
Die Nachricht kam mitsamt der Ansage, bei Veröffentlichung weiterer Details eine Strafanzeige machen zu wollen. Die Bild reagierte ebenso provokant: Sie stellte eine Veröffentlichung der Wulff`schen Drohung in den Raum - der Präsident nahm einige Wochen später seinen Hut.
Auch österreichische Politiker mussten schon ihre unliebsamen Erfahrungen mit dem Blatt machen - die Föhnfrisur Karl-Heinz Grassers etwa schaffte es des öfteren in die Bild. 2006 veröffentlichte die Zeitung dann Fotos aus dem Privatleben des frisch verliebten Ehepaars Grasser-Swarovski - deutlich anzüglichere als dieses hier, wohlgemerkt. Ein sprachlicher Höhepunkt auch der Titel - "Hier sucht die Kristall-Erbin die Kronjuwelen beim Finanzminister".
Das war allerdings sogar KHG zu viel: Im daraus resultierenden Rechtsstreit wurden dem Ehepaar je 20.000 Euro wegen der erfolgten Bloßstellung zugesprochen - die Höchststrafe.
Politisch deutlich relevanter und folgenreicher als heute war das Agieren der Bild in den 1960er Jahren. In Zeiten der deutschen Teilung hatte sich das Blatt nach seiner Gründung dem Antikommunismus verschrieben - zur Zeit des Mauerbaus titelte man wochenlang mit der Grafik eines Stacheldrahts als Umrandung. Die Proteste junger deutscher Studenten...
... verfolgte die Bild mit Häme und schrieb gegen deren Aufbegehren an. Mit tragischen Folgen - als 1967 der Student Benno Ohnesorg in Berlin durch einen Polizisten erschossen wurde, ließ dies den Konflikt zwischen Springer-Verlag und Studentenschaft eskalieren.
Rudi Dutschke, Leitfigur der Studentenbewegung, wurde ein Jahr später angeschossen - der Skandal war perfekt: Die Schuld wurde der Bild zugesprochen, Unruhen in Westberlin waren die Folge.
"Bild schoss mit!", hieß es in der geteilten Stadt - und der Konflikt weitete sich aus: Namhafte deutsche Intellektuelle - wie etwa Günter Grass oder Jürgen Habermas - versagten der Bild unter dem Motto "Wir arbeiten nicht für Springer-Zeitungen" ihre Unterstützung.
Axel Springer, Eigner des Imperiums um die Bild und einflussreicher Medienmagnat, ließ sich davon lange nicht beeindrucken. Dennoch wechselte Anfang der 70er die Chefredaktion, der Boulevard wurde wieder ein wenig unpolitischer. Dass die Methodik des Blattes dadurch aber nicht weniger hinterfragenswert wurde, bewies...
... die Affäre um Günther Wallraff: 1977 arbeitete der Schriftsteller dreieinhalb Monate lang unerkannt bei der Bild-Zeitung in Hannover - er firmierte dort unter dem Pseudonym Hans Esser. Die Resultate seiner Recherchen im Bouevard erschütterten - in Buchform - die Republik.
Fragwürdige Methoden, erpresserhafte Recherchen, keinerlei Sorgfalt - was Wallraff der Bild unterstellte, gab die Zeitung ihm zurück. In der Serie "Wallraff log..." bezichtigte man den Aufdecker der gleichen Versäumnisse wie umgekehrt.
Geschadet haben weder dieser Skandal noch alle anderen dem Schlachtschiff der deutschen Medienlandschaft. Als die Bild 2008 nach Berlin zog - offiziell, um der geeinten deutschen Hauptstadt Tribut zu zollen -, war man kurz davor, die britische Sun als auflagenstärkste Zeitung Europas einzuholen. 2012 hat man dies geschafft.
Detail am Rande: Ihren Sitz hat die Bild-Redaktion Berlin sinnigerweise in der Axel-Springer-Straße - die direkt vor dem Hochhaus gelegene Straße allerdings wurde im Jahr des Umzugs in Rudi-Dutschke-Straße umbenannt. Dem Groll des Springer-Verlags zum Trotz.
Ebendort versammelten sich dieses Jahr wieder einmal Demonstranten. Grund war eine gigantische Werbemaßnahme, welche die Bildzeitung zum 60. Geburtstag geplant hat.
Jeder Haushalt in Deutschland soll zum Jubiläum am 23. April 2012 ein kostenloses Exemplar zugesandt bekommen. Was die Polit-Aktivisten von Campact auf den Plan rief.
Bild: Chefredakteur Kai Diekmann spricht mit den Demonstranten
Unter campact.de kann man per Mail die Zusendung der BILD-Jubiläumsausgabe verweigern: Mehr als 220.000 Leute sollen laut Website bisher an dieser Aktion teilgenommen haben.
(kurier)
Erstellt am 21.06.2012, 12:02