Lotte Tobisch: Die Grande Dame, der Neonazi und ein Toter

Lotte Tobisch
Foto: KURIER/Jeff Mangione "Eine wirkliche Dame, die kann auch einmal ,Scheiße' sagen."

Die Ballmutter wird 90: Ein Gespräch über Prügeleien, Emanzipation und Angela Merkel.

KURIER: Frau Tobisch, Recherchen über Sie fördern Überraschungen zutage: Sie haben sich in jungen Jahren mit einem Neonazi geprügelt?
Lotte Tobisch:
Ich habe nicht geprügelt. Es war damals die Borodajkewycz-Geschichte (gegen den Professor Taras Borodajkewycz mit NS-Vergangenheit gab es im Jahr 1965 wütende Proteste mit rechten Gegendemonstrationen, Anm.).  Ich hatte meinen Wagen vor dem Burgtheater stehen, und da ist ein Jüngling hinauf und hat ein Transparent entrollt. Da bin ich natürlich auf den los, hab ihn an den Haxen gepackt, und er hat mir das Trumm auf den Kopf gehaut. Es ist nicht viel passiert; aber Sie glauben nicht, wie eine Platzwunde am Kopf blutet!

Das  hätte man der späteren Ballmutter Tobisch nicht zugetraut.
Ich suche Prügeleien nicht , aber es ist drin (lacht). Ich pflege zu sagen: Eine wirkliche Dame, die kann auch einmal „Scheiße“ sagen. Eine Dame kann sich also auch mit einem Neonazi prügeln.

Es war eine aufgeheizte Stimmung, der Widerstandskämpfer Ernst Kirchweger ist bei dieser Demonstration totgeprügelt worden. Wie haben Sie diese Episode der  Nachkriegsgeschichte erlebt?
Mein Gott, ich hab die Nazizeit miterlebt als junges Mädchen. Also können Sie sich vorstellen, wie ich das wieder jetzt erlebe, wenn diese Dinge wieder fröhliche Urständ’ feiern. Das ist schon sehr bitter. Damals hat man gesagt: „Das darf doch gar nicht wahr sein: Jetzt ist das grad vorbei und die fangen schon wieder an.“

Ihre Mutter war mit Ihrem tatkräftigen Einsatz hingegen nicht einverstanden.  
Meine Mutter war die Generation, die zwar viel mitgemacht hat in der Nazizeit – ihr zweiter Ehemann war Jude –, die  aber die Einstellung gehabt hat: „Wenn sich das Pack schlägt, macht man die Türe zu.“ Ich habe ihr gesagt: „Das haben wir schon einmal gemacht.“
 
Sie haben auch einen britischen Soldaten in der NS-Zeit versteckt. Damit haben Sie sich  in Lebensgefahr gebracht.
Daran habe ich nicht gedacht. Ich war 18 oder 19 Jahre alt und war gegen die Bagage, so wie ich damals gegen alles war. Es hat einer geläutet und hat gesagt: „Ich werde verfolgt.“ Ich habe ihn eine Nacht beherbergt. Das ist keinerlei Heldentat. Wenn ich 70 Jahre jünger wäre, hätte ich das wahrscheinlich genau so mit den Flüchtlingen gemacht. Aber – um Gottes Willen – machen Sie aus mir keine Mutter Teresa! Ich bin weit davon entfernt.

Ihre Familie hatte in der Burg und in der Oper eine eigene Loge. Haben Sie sich die zerstörten Häuser nach dem Krieg angesehen?
Es war schrecklich. Im Burgtheater war ich sozusagen als junge Frau ja zu Hause. Der Zuschauerraum und die Bühne waren völlig ausgebrannt. Nur die Feststiegen waren erhalten. Der Eiserne Vorhang war eine Blase. Auch die Oper war völlig zerstört.

 Sie haben im Ausweichquartier der Burg, dem Ronacher, Ihre erste Bühnenerfahrung gemacht. Und Sie bewiesen Mut, als ein Toter vor der Tür des Theaters lag.
Der Portier kam mit dem Angesicht des Entsetzens: „Da war eine Schießerei, und ein Russe hat einen Mann erschossen.“ Der lag von dem Bühneneingang. Sämtliche Männer haben sich dann beraten: „Man könnte, man sollte …“ Irgendwann kam der Moment, wo man beschloss, man muss den wegbefördern. Auch die Polizei wollte sich in einer Angelegenheit mit den Russen nicht einmischen. Ich bin dann hinunter und habe ihn hinters Theater gezogen. Es hat Monate gedauert, bis ich das verarbeitet hatte. Ich bin aber so erzogen, dass man sich nicht alles anmerken lässt.

Die Männer hätten wahrscheinlich immer noch weiter beraten.
Immer. Die Männer machen das immer.  Stundenlang beraten.

Der Begriff der Emanzipation ist Ihnen aber nicht wirklich sympathisch. Für eine Frau mit Ihrer Lebensgeschichte ist das erstaunlich.  
Ich kann mich nur wiederholen: Ich war schon eine Emanze, da waren die jetzigen Emanzen noch nicht einmal konzipiert. Ich kann das nicht leiden, was jetzt ist – angefangen vom Binnen-I bis  zur Rauch-Kallat ihrem blödsinnigen „Töchter-Söhne“ in der Hymne. Wenn sich die Emanzipation in solchen Blödheiten erschöpft: Dankeschön!

Sie singen die Bundeshymne im Originaltext?
Na sicher. Ich warte nur darauf, dass man auch die Europahymne „Alle Menschen werden Brüder …“ abändern will. Es ist aber allerhand zu tun, was die Gleichstellung angeht. Im Sinne gleicher Rechte und gleicher Möglichkeiten und gleicher Erziehung: gerne. Aber Männer und Frauen sind bei Weitem nicht dasselbe. Ich habe in einer Kolumne einmal geschrieben: „Frau Merkel ist der gefürchtetste Staatsmann.“ Das Wort „Mann“ kann man nämlich nicht gendern.

Angela Merkel macht in der Flüchtlingsfrage einen großen Alleingang, der Europa spaltet. Wie sehen Sie ihre Politik?
Sie hat meine ganze Achtung. Sie praktiziert das, was alle anderen im Munde führen – die Werte des christlichen Abendlandes: „Liebe deinen Nächsten  wie dich selbst. Denn er ist wie du.“ Und: „Dem Flüchtigen hast du ein Obdach zu geben.“ Wie weit das praktikabel ist, ist eine andere Frage. Wir werden sehen, was passiert, ich bin selber neugierig. Im Moment hat sie es unterschätzt wie wir alle – trotzdem glaube ich nach wie vor, sie denkt sich was dabei. Ich könnte mir vorstellen, dass sie sich denkt: Entweder Europa geht in die Brüche oder es gelingt mir, dass das Wasser so weit steigt, dass alle sagen, es muss etwas passieren.

Und die österreichische Politik?
Wir haben uns wieder einmal ausgezeichnet, das tun wir aber immer. Schon am Golan: Da waren wir 16 Jahre gern dort, das war sehr hübsch mit einer tollen Aussicht nach beiden Seiten. Kaum ist es ein bisschen unruhig, haben wir Sehnsucht nach zu Hause.

Sie sind eine leidenschaftliche Europäerin, nicht?
Nach den Erfahrungen, die man nach den Kriegen gemacht hat: Natürlich bin ich das. Es gibt Asien, Afrika, Amerika – und es gibt Europa. Mein Mutterland ist Österreich, hier bin ich aus dem Bauch gekrochen. Aber mein Vaterland ist Europa, würde ich sagen. Wir sind leider dabei, es zu verspielen.

Frau Tobisch, Sie nehmen sich kein Blatt vor den Mund. Auch nicht mit bald 90 Jahren.  
Es ist der wirkliche Vorteil am Alter, wenn man unabhängig ist: Was kann mir passieren? Schreckliches, wie dass mir der Herr Bundesminister kein Telegramm zum Geburtstag schickt?   Wenn jemand einen fixen Posten hat und beim Staat angestellt ist, dann kann er nicht laut schimpfen. Also wer als  wir Alten, die nix zu verlieren haben, soll denn etwas sagen? Ich wundere mich ja: Es gibt so viele Pensionisten, die nichts zu verlieren zu haben und sich nicht einmischen.

Wen wählen Sie bei der Bundespräsidentenwahl?
Ich kann diese Aufteilung in Rot und Schwarz und demnächst Blau nicht mehr sehen. Ich habe das Gefühl, ich bin in einer Erbmonarchie. Ich finde, das muss irgendwann durchbrochen werden. Deswegen habe ich gesagt, ich werde Irmgard Griss unterstützen.

Einer Ihrer bekanntesten Freunde war der Philosoph Theodor W. Adorno. Er galt als Vordenker der ’68er. Wie fanden Sie die?
Ich war nicht mehr so jung und habe viel gearbeitet. Es hat mich schon interessiert und daher habe ich mir das angeschaut. Mein Gott ja: Nackert ausziehen und Pipi machen, das war nicht meins. Nicht aus Spießigkeit, eher aus ästhetischen Gründen. Ich glaube nicht, dass das unbedingt notwendig ist, aber wahrscheinlich muss es sein. Das war ja schon immer so.

In Ihrer Zeit als Ballmutter haben Sie den Opernball wegen des Golfkrieges im Jahr 1991 abgesagt. Sie sagten später, das sei ein Missverständnis gewesen.
Ein Journalist kam und fragte: „Was sagen Sie dazu?“ Ich habe nur erwidert, ich könne mir nicht vorstellen, dass man da heuer tanzt. Das war’s schon. Und die Mittagsnachrichten haben dann gebracht: „Lotte Tobisch sagt den Opernball ab“. Dann kam das Lustige: Das allgemeine schlechte Gewissen der vergangenen Jahre blühte auf. Und alle haben alles abgesagt. Es ging so weit, dass Maturabälle abgesagt wurden – stumpfsinnig eigentlich. Trotzdem: Ich bereue es nicht.

Sie haben ein anderes Mal dem damaligen Bundeskanzler Franz Vranitzky erklärt, sein Sohn könne nicht tanzen.
Ja sicher, warum nicht? Sie werden doch nicht im Ernst glauben, dass ich mich vor dem Vranitzky gefürchtet habe. Es ging ja auch nur darum, dass er nicht in der ersten Reihe tanzt.  Ich hab’s ja auch nicht aus irgendeiner Ranküne gemacht, sondern es ging darum, dass man tanzen kann.  

Ihr Lebenstraum war es nicht, den Ball zu organisieren. Stimmt es, dass Ihre Berufung in der legendären Pratersauna zustande kam?   
Ja, der damalige Generalsekretär der Bundestheater wollte meine Vorgängerin loswerden. Nicht zuletzt, weil sie es über 20 Jahre gemacht hat. Er saß mit einem befreundeten Schauspieler in der Sauna und hat ihm sein Leid geklagt, dass er niemanden findet. Und der hat gesagt: „Warum nimmst du nicht die Lotte Tobisch?“ Eigentlich eine Fehlbesetzung: Ich tanze nicht und trinke nicht. Aber ich organisiere für mein Leben gern.

Ein Opernballphänomen ist nach wie vor Richard Lugner. Er kam schon zu Ihrer Zeit. Erstaunlicherweise fanden Sie ihn nie so schlimm.  
Ich fand ihn nicht schlimmer als den Sohn von Gaddafi oder Imelda Marcos (die Ehefrau des verstorbenen philippinischen Diktators). Der Opernball ist eine frei verkäufliche Sache. Jeder, der bezahlt, kann sich eine Karte kaufen. Einen Wurschtl muss ein Faschingsevent wie der Opernball aushalten. Der Lugner ist sicher nicht schlimmer als andere.

Ihr Resümee Ihrer Zeit als Ballmutter?
Ich habe das sehr gerne gemacht. Aber ich habe keine Beziehung zu solchen Events. Absolut nicht. 

(kurier) Erstellt am
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