Letztes Update am 19.09.2012, 12:00
Street-Art erobert Geisterstadt.
Keine hundert Seelen leben mehr in der einst blühenden Kleinstadt in Ost-Flandern. Wo früher Kinder spielten, prägen jetzt Street-Art-Motive das gespenstische Ortsbild.
Bis auf einige renitente Hausbesetzer regt sich kein Leben mehr auf den Straßen Doels. Die Kleinstadt in Ostflandern - in der unmittelbaren Umgebung zum gleichnamigen Kernkraftwerk – ist wie ausgestorben. Doch anstatt grau und trist vor sich dahinzuvegetieren, macht Doel mittlerweile als Straßenkunst-Eldorado von sich reden. Die verlassenen Häusern der Kleinstadt zieren hunderte Kunstwerke diverser Street-Art-Künstler. Wo früher Kinder spielten, prägen jetzt Street-Art-Motive von überdimensionalen Ratten, Krähen bis hin zu klassischen Graffitis, das Ortsbild der Stadt 25 Kilometer nördlich von Antwerpen.
Doel war nicht immer so ausgestorben. Im Gegenteil: 1267 erstmals urkundlich erwähnt, entwickelte sich das schmucke Städtchen während der kommenden Jahrhunderte zu einem regionalen Zentrum. Davon zeugen auch heute noch die älteste gemauerte Windmühle Belgiens und zahlreiche historische Gebäude im Stadtkern.
Der Einfall der Street-Art-Figuren ist aber nicht der Grund, weshalb die Bewohner das Städtchen am Fluss Scheldt verlassen haben. Auch das Atomkraftwerk, das Anfang August wegen eines möglicherweise defekten Reaktorbehälters abgeschaltet werden musste, ist nicht die Ursache für die geisterhafte Stimmung im Dorf.
Der Grund ist vielmehr die äußerst umstrittene geplante Ausweitung des Antwerpener Hafens. Der zweitgrößten Hafen Europas sollte sich so gegen die Konkurrenz aus Rotterdam behaupten können. Durch die Ausweitung wird Doel komplett vom Festland abgeschnitten werden – was die Stadt unbewohnbar machen wird.
Die geplante Erweiterung bedeutete für die Bewohner Doels, dass sie gezwungen wurden, ihre Häuser zu verkaufen. Die langwierigen Proteste, die sich über Jahrzehnte zogen, waren letztlich erfolglos. Seit Beginn der 2000er-Jahre wird die Stadt systematisch "zurückgebaut."
Was nichts anderes als die Schleifung des Ortes bedeutet. Begleitet wurde der Vorgang durch zahlreiche und anhaltende Proteste. 2008 widersetzten sich bis zu 200 Bewohner verbliebene Bewohner der Delogierung durch die flämischen Behörden, die mit Polizei und Bulldozern angerückt waren, und lieferten erbitterte Straßenkämpfe die im ganzen Land für Aufregung sorgten.
Auch vier Jahre später ist Doel nicht aus den Schlagzeilen verschwunden. Anstatt der Bilder von der Räumung dominieren jetzt aber die zahlreichen Street-Art-Bilder die Berichterstattung.
Die leerstehenden Häuser lockten nämlich nicht nur Hausbesetzer, sondern auch dutzende Künstler der europäischen Street-Art-Szene. Allen voran den belgische Künstler ROA, der mit seinen überdimensionalen Tieren omnipräsent ist.
Die Bilder von Ratten, Schweinen, Mäusen und Tauben passen wie die keines zweiten Künstlers zur morbiden Stimmung der Geisterstadt.
Aber auch lustigere Motive, wie etwa jene des niederländischen Graffiti-Sprayers und Street- Artists Ces53 finden sich in der Stadt.
Die zahlreichen Kunstwerke geben der Stadt ein neues, unverwechselbares Gesicht. Gleichzeitig unterstreichen sie auch die Verlassenheit der Stadt.
Denn während Street-Art und Graffiti in den meisten Städten in kleinen Ecken ein oft unbeachtetes Dasein fristen, dominieren sie in Doel ganze Häuserfassaden.
Die Bewohner der Häuser sind ja längst ausgezogen. Die Bilder stören keinen (etwaigen) reaktionären Blick.
Passend zum gewöhnungsbedürftigen Charme der Stadt blickt auch US-Präsident Barack Obama als Joker von einer Hauswand. Das Motiv wurde ursprünglich von einem Studenten namens Firas Alkhateeb kreiert und zahlreich kopiert.
Mit seinen riesigen Bildern dominiert ROA das Street-Art-Bild Doels.
Auch der Street Artist Mayb aus Brüssel ließ es sich nicht nehmen, sich in Doel zu verewigen.
Unweit der kleinen Stadt befindet sich das Atomkraftwerk Doel, das Anfang August nach einem Störfall abgeschaltet werden müsste.
Auch Resto hinterließ in Doel seine Spuren.
Bilder der Street-Artists 0331C & Anton.
Eine Kollaboration mehrerer Künstler findet sich auf dieser Häuserwand: Der Vogel ist von Roa, die Blumen von Santos, und der Gorilla von Resto.
Ein weiteres Tier von Roa: Ein Wasserbüffel.
Doel ist also nicht nur für sein Atomkraftwerk bekannt, sondern macht auch durch die Street-Art, die sich in den verlassenen Straßen ausbreiten konnte, von sich reden.
Je länger sich der Ausbau der Antwerpener Hafens verzögert, desto länger sind diese Zeugen zeitgenössischer Street-Art noch zu sehen.
Auf der Seite StreetArtBelgium.com sind alle Kunstwerke, die in den vergangenen Jahren in Doel entstanden sind bestens dokumentiert.
Die Gruppe Doel 2020, ein Zusammenschluss von Künstlern und Ansässigen, versucht weiterhin den Abriss des Dorfes zu verhindern.
Doch die Erweiterung des Antwerpener Hafens ist beschlossene Sache und scheint unaufhaltsam, auch wenn der zweitgrößte Hafen Europas gegenüber der gefürchteten Konkurrenz aus Rotterdam an Boden verloren hat.
(kurier)
Erstellt am 18.09.2012, 14:36