Letztes Update am 12.10.2012, 18:05
Als "Fast unerträglich" bezeichnete der chinesische Künstler Ai Wei Wei den Literaturnobelpreis für Mo Yan. Das offizielle China hingegen feiert.
Mit Stolz und Freude ist in China die Vergabe des Literaturnobelpreises an den chinesischen Schriftsteller Mo Yan gefeiert worden. Regimekritische Intellektuelle äußerten sich jedoch auch distanziert über den 57-Jährigen, der einigen zu nahe am kommunistischen System steht. Chinesische Literaturprofessoren sahen einen "historischen Durchbruch". Bücher von Mo Yan gingen am Freitag schnell über den Ladentisch und waren bei großen Internetbuchhändlern ausverkauft. "Viele Leute kommen, um seine Bücher zu kaufen", sagte ein Verkäufer in einer Pekinger Buchhandlung der Nachrichtenagentur dpa. "Wir haben nur noch wenige übrig."
Mo Yan selbst gab sich bescheiden und fand lobende Worte für seinen japanischen Hauptkonkurrenten Haruki Murakami, der "auch ein sehr guter Schriftsteller und auf jeden Fall auch für den Nobelpreis qualifiziert" sei, wie ihn Staatsmedien zitierten. "Ich denke, der Grund, warum ich den Preis gewonnen habe, ist, dass meine Arbeit verschiedene Leben mit einzigartigen Charakteristika vorstellt und auch Geschichten aus der Sicht einfacher Menschen erzählt, was Verschiedenheiten zwischen Nationen und Rassen überwindet."
Chinas Staatsmedien wiesen darauf hin, dass frühere Verleihungen des Friedensnobelpreises an den Dalai Lama, das exilierte religiöse Oberhaupt der Tibeter, oder an den inhaftierten Bürgerrechtler Liu Xiaobo "sehr unfreundliche und selbst feindliche Botschaften" übermittelt hätten, wie die Global Times fand. "Könnte die Entscheidung auch ein Zeichen sein, dass das Nobelkomitee versucht, die Spannungen mit China abzubauen?" Mo Yan sei ein "Schriftsteller der Mitte", befand der Kommentator weiter. Seine Auszeichnung deute daher darauf hin, dass der Westen "nicht nur Individuen umarmt, die gegen das System sind".
Ai Weiwei: "fast unerträglich"
Der berühmte chinesische Künstler Ai Weiwei regierte hingegen sehr kritisch. Als "fast unerträglich" bezeichnete er die Vergabe des Literaturnobelpreises an seinen Landsmann Mo Yan im Gespräch mit der portugiesischen Zeitung Publico. "Kann man einen Schriftsteller mit diesem Preis auszeichnen, der sich vom heutigen politischen Kampf in China fernhält?" Die Entscheidung der Schwedischen Akademie empfinde er deshalb als "sehr bedauerlich" und "gelinde gesagt gefühllos", fügte der 55-Jährige Ai Weiwei an.
Weiters schrieb er spitze Kommentare im Kurznachrichtendienst Twitter: "Ein Schriftsteller, der sich nicht der Realität stellt, ist ein Lügner." Der Zeitung Die Weltsagte Ai Weiwei ferner: "Ich akzeptiere das politische Verhalten von Mo Yan in der Realität nicht. Er ist möglicherweise ein guter Schriftsteller. Aber er ist kein Intellektueller, der die heutige chinesische Zeit vertreten kann." Weiter meinte Ai Weiwei: "Einen Nobelpreis an jemanden zu geben, der von der Realität abgehoben lebt, ist eine rückständige und unsensible Verfahrensweise. Dennoch gratuliere ich ihm dazu."
Chinas Staatsmedien wiesen darauf hin, dass der Nobelpreis eine "große Ermutigung" für chinesische Schriftsteller sein könne. Die Staatsagentur Xinhua hob hervor, dass der "Durchbruch" unmittelbar vor dem Parteitag der Kommunistischen Partei erfolgt sei. Die Partei rufe zu "kulturellem Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen der chinesischen Nation" auf. Auf dem 18. Parteikongress im November soll ein Generationswechsel in der Führung vollzogen werden. "Mit mehr chinesischen Schriftstellern wie Mo Yan kann die Welt mehr über das wahre China lernen", fand Xinhua.
Staatsmedien feiern "ersten chinesischen Nobelpreisträger"
Chinas Staatsmedien feiern Mo Yan also als den "ersten chinesischen Nobelpreisträger". Schon diese falsche Einstufung verdeutlicht die Kontroverse um den chinesischen Schriftsteller. Der erste chinesische Autor, der 2000 den Literaturnobelpreis erhielt, war nämlich Gao Xingjian. Der lebt aber im französischen Exil, gilt dem offiziellen China nicht mehr als Chinese. Der Dalai Lama, der 1989 den Friedensnobelpreis erhielt, würde sich wiederum selbst ungerne als chinesischer Bürger einstufen lassen, weil das chinesisch beherrschte Tibet aus seiner Sicht nicht zu China gehört. Auch darf das religiöse Oberhaupt der Tibeter überhaupt nicht mehr ins Land.
Umgekehrt lässt China den letzten chinesischen Nobelpreisträger nicht mehr aus dem Land, geschweige denn aus der Haft: So sitzt der Friedensnobelpreisträger von 2010, Liu Xiaobo, weiter im Gefängnis, während seine Frau Liu Xia unter strengem Hausarrest steht. Immerhin ist Liu Xiaobo auch der Ehrenvorsitzende des PEN-Clubs der unabhängigen chinesischen Schriftsteller, während Mo Yan hingegen der Vizevorsitzende der offiziellen chinesischen Schriftstellervereinigung ist.
Dass die Auszeichnung von Mo Yan auf ein stark gemischtes Echo stößt, ist kein Wunder. Die einen sehen einen angepassten "Staatsschriftsteller", die anderen einen großen Geschichtenerzähler und unabhängigen Literaten. In dem Vorwort zu seinem Buch "Wa" (Frösche), das in diesem Jahr in Englisch und nächstes Jahr auf Deutsch erscheinen soll, schreibt der 57-Jährige selbst über sein Dilemma: "Wenn ein Schriftsteller keine heißen Eisen anfasst, gilt er als Opportunist, geschützt von der Regierung. Wenn er es tut, wird er kritisiert, dass er sich beim Westen anbiedert."
Mo Yan gibt sich becheiden
Er habe das Gefühl, dass er immer einen Nerv seiner "allwissenden Kritiker" berühre und ihr Feind geworden sei. Eigentlich müsse er aufhören zu schreiben, um seine Kritiker nicht mehr zu befriedigen, schreibt er weiter. In seinen ersten Reaktionen gibt sich Mo Yan betont bescheiden, wie es sich in China gebührt. Seine Auszeichnung bedeute eigentlich nichts: "China hat viele großartige Schriftsteller, die auch dazu befähigt sind, von der Welt anerkannt zu werden."
Die Literaturwissenschaftlerin Shelley Chan, eine Professorin für chinesische Literatur an der Wittenberg Universität in den USA, stuft seine Bedeutung für die Literatur deutlich höher ein als er selbst. "Er ist einer der stärksten Schriftsteller und sehr experimentell", sagte Chan der Nachrichtenagentur dpa. "Viele seiner Geschichten dienen als kulturelle, soziale oder politische Kommentare." Sein starker Sarkasmus erinnere sogar stark an den berühmten Lu Xun (1881-1936) - einen der größten Schriftsteller Chinas.
Der englische Übersetzer von Mo Yan, Howard Goldblatt, verteidigte Mo Yan auch gegen Kritik: "Der Zensur ausgesetzt zu sein und sich anzustrengen, ihr zu entsprechen, sind zweierlei." Doch seine Kritiker verweisen nicht nur darauf, dass sich Mo Yan selbst demonstrativ von Regimekritikern distanziert hat. Besonderen Anstoß löste auch die Tatsache aus, dass Mo Yan 2002 mit anderen Autoren zu Ehren von Mao Tsetung eine Seite aus den Reden des Revolutionärs zur Literatur mit der Hand für einen Jubiläumsband abgeschrieben hatte. Nur hat Mao nicht nur viele Millionen Chinesen auf dem Gewissen, sondern hat auch Schriftsteller verfolgt und Kultur vernichtet.
Die kritische Internetautorin Liu Di, die als "Maus aus Edelstahl" zum Symbol für die Freiheit im Netz bekannt geworden ist, meinte zu Mo Yan: "Mal sehen, ob er sich traut, den Preis anzunehmen. Und ob er sich traut, in seiner Rede bei der Verleihung zu sagen, er sei der erste Chinese, der den Nobelpreis gewinnt. Wir müssen sehen, wie er reagiert, wenn ihn die Leute nach Liu Xiaobo fragen."
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