Gerhard Richter: Der große Schleierhafte

Gerhard Richter
Foto: AP/Jens Meyer Gerhard Richter hat sich eine Vielzahl von Stilen angeeignet. Rätselhaft bleiben seine Bilder in jedem Fall. Hier steht er vor seiner Malerei "Strip (930-2)" aus dem Jahr 2013

Gerhard Richter, der Star der zeitgenössischen Malerei, wird mit einer Schau bei Basel geehrt.

Dass er der teuerste lebende Künstler ist, ist Gerhard Richter immer ein bisschen unangenehm. Künstlerische Größe in Geldbeträgen zu messen, gehört einerseits zur Routine des Kunstbetriebs, hat aber immer etwas Banausenhaftes: Wo man sonst keine Maßstäbe für künstlerische Größe finden kann, muss eben ein Preisschild her.

Nun wird Richter aber gerade mit einer umfangreichen Ausstellung in der Fondation Beyeler in Riehen bei Basel/CH (bis 7. 9.) gewürdigt. Und in einer solchen Zusammenschau lässt sich sehr direkt erfahren, warum der 82-jährige Deutsche zu den größten Künstlern seiner Zeit zählt: Richter denkt groß, er hat ein enorm tiefes Verständnis für das Wesen von Bildern und für alle Fragen, die sich nach all den Debatten um ihre Abbildfunktion, ihre Abstraktion und ihren Objektcharakter noch stellen.

Bilder: Gerhard Richter - Meister aller Klassen

Romantische, im zeitgenössischen Kunstbetrieb "uncool" geltende Motive haben es Gerhard Richter angetan:  Blumen, 1992 Auch mit dem  "Seestück" (1975) nutzte Richter ein antiquiertes Bildthema für eine Gratwanderung zwischen Altmeister-Technik und Abstraktion. Schädel, 1983: Eine Ikone aus Richters Oeuvre ist in Riehen bei Basel zu sehen. Kerze, 1982 - ein weiteres Werk aus Richters "altmeisterlichem" Oeuvre.
  Doch die Kultur der Alten Meister sei verloren, stellte Richter fest: In seiner "Verkündigung nach Tizian" (1973) verabschiedete er sich davon. Richter setzte dem Vorbild Tizians mehrere abstrakte Versionen gegenüber, die sich jedoch in Bildaufbau und Farbverteilung am Vorbild orientieren. Richter abstrakte Bilder wurden später immer monumentaler. Die Serie "Bach" - hier Bild Nummer 1  - entstand 1992. Bach (3), 1992: Der Maler hörte Musik des Barockkomponisten, während er die 3 mal 3 Meter großen Bilder malte. Ebenfalls in der Beyeler-Schau zu sehen ist der Zyklus "18. Oktober 1977", auch als "Baader-Meinhof-Zyklus" bekannt. Für das 1988 entstandene Werk malte Richter u.a. ein Jugendbildnis der RAF-Terroristin Ulrike Meinhof. Der "Plattenspieler" aus dem Zyklus "18. Oktober 1977" zeigt jenes Gerät, unter dem RAF-Terrorist Andreas Baader jene Waffe versteckt hatte, mit der er am titelgebenden Datum Selbstmord verübte. Im selben Jahr wie der "Baader-Meinhof-Zyklus" entstand auch das geheimnisvolle Gemälde "Betty" (1988), das Plakatmotiv der Schau in Riehen.
 

Das Stil-Chamäleon

Gerhard Richter<br />
Betty, 1988<br />
Öl auf Leinwand, 102… Foto: Gerhard Richter 'Betty' (1988)  Richter schafft es auch, theoretische Fragen mit einer Vielzahl an Stilen ästhetisch packend zu verhandeln. Geschätzte drei Viertel aller Kunstströmungen seit den 1960er-Jahren hat sich der Maler scheinbar spielend angeeignet.

Die Ausstellung in Riehen breitet diesen Stilpluralismus aus – und fokussiert doch nur auf einen Teilaspekt von Richters Werk. "Bilder/Serien" lautet der Titel der Schau, die verdeutlichen möchte, wie sich der Maler immer wieder an einzelnen Bildthemen, noch mehr aber an bestimmten Vorgehensweisen abarbeitete.

Richter übermalte Fotoserien und schuf seine berühmten abstrakten Bilder aus schichtweise aufgetragenen Farben, die er in noch nassem Zustand mit einem Stahlband abzog; einige Bilder ließ er am Computer systematisch zerteilen, um sie zu flirrenden "Streifenbildern" umzuformen.

Die Schau holt die Betrachter nah an diese Prozesse heran: Die Serie "Cage" (2006) etwa, eine Reihe von sechs monumentalen abstrakten Bildern, überwältigt mit der Spannung, die sich aus bewusst gesetzten Farbakzenten und der zufälligen Verfremdung durch das Abziehen der Farbe ergibt. Jedes Bild ist eine Einladung zu differenzieren, Details und Feinheiten auszumachen.

Irritierende Formate

Die sechsteilige Serie "Abstraktes Bild, Rhombus" (1998) – für eine Kirche entstanden – fordert den Blick dazu noch mit ihren Formaten heraus: Auf unterschiedlich lang gezogene Rauten gemalt, verändern die Bilder ihre Form, je nachdem, von wo aus man sie betrachtet.

Die Verunsicherung darüber, was ein Bild ist und was es zeigt, zieht sich generell durch Richters Werk.

Altmeisterlich abstrakt

SWITZERLAND ARTS Foto: APA/EPA/GEORGIOS KEFALAS Eine Besucherin vor einem Werk der Serie '4900 Farben' (2007)  Das Zusammenspiel gegenständlicher und abstrakter Bilder ist in der Schau allerdings problematisch: Durch Serien, die Motive in verschiedenen Stadien der Übermalung zeigen ("S. mit Kind", "Verkündigung nach Tizian") liegt oft der Schluss nahe, dass Richter sich relativ geradlinig vom Gegenstand zur Abstraktion bewegte. Was so nicht stimmt.

Richter untergräbt Bilder vielmehr von mehreren Seiten. Die gegenständlichen Werke sind am Ende nicht "klarer" als die abstrakten – der vom Selbstmord der RAF-Terroristen angeregte "Baader-Meinhof-Zyklus" (1988) in der Schau ist ein Beweis dafür. Richters ganzes Werk weckt Skepsis, aber auch Vertrauen gegenüber der Malerei. Und es lässt klarer sehen, wie wir sehen.

Zur Person

Gerhard Richter: Werkschau bis 7.9.2014

Der Künstler
Gerhard Richter, 1932 in Dresden geboren, floh 1961 aus der DDR. Er gilt als teuerster lebender Künstler, sein Bild „Domplatz, Mailand“ (1968) brachte 2013 28,57Mio. € ein.

Die Ausstellung
„Gerhard Richter  – Bilder/Serien“  ist bis 7.9. in der Fondation Beyeler in Riehen bei Basel/CH,  zu sehen; der Katalog (Hatje Cantz Verlag) kostet 49,80 €.
www.fondationbeyeler.ch 

(kurier) Erstellt am
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