Dirigent und Komponist Pierre Boulez ist tot

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Foto: APA/AFP/FRANCOIS GUILLOT Der französische Komponist Pierre Boulez ist verstorben.

Boulez starb im Alter von 90 Jahren im baden-württembergischen Baden-Baden.

Für seine Aufforderung,  die Opernhäuser in die Luft zu sprengen, wurde der Komponist und Dirigent  Pierre Boulez auch über die Musikwelt hinaus bekannt; stattdessen aber setzte er über ein halbes Jahrhundert hinweg die Orchestermusik von Innen neu zusammen, insbesondere auch jene Werke, die die Klassikliebhaber genau zu kennen glaubten.

Boulez war ein Revolutionär, ein Neudenker und Neuordner; und er war, zweifelsohne, einer der künstlerischen Giganten des 20. Jahrhunderts.  Er war einer der einflussreichsten Komponisten und ebenso einer der prägendsten Dirigenten. Er veränderte die Art, in der Musik geschrieben wurde, ebenso wie die Weise, in der sie konsumiert wird.

Mit seinem Tod geht wieder ein gewichtiger Teil dieses langen 20. Jahrhunderts verloren; einer Zeit, in der über die klassische und die moderne Musik mit glühendem Reformeifer gestritten wurde. Es war eine außergewöhnliche Periode, in der die sogenannte ernste Orchestermusik intellektueller Brennpunkt einiger der brillantesten Denker und Künstler weltweit war. Und diese mit Eifer öffentlich darüber stritten, wie es mit dieser Musik  weitergehen sollte. 

Boulez hatte früh eine Antwort: Der Schüler von Olivier Messiaen setzte die vom Österreicher Arnold Schönberg vorangetriebene strukturelle Reform der Musik fort; auf Schönbergs Zwölftonmusik folgte Boulez’ serielle Musik.  Das Publikum hatte Einwände: Rigide und konstruiert sei diese Musik.

Aufbruch

Aber Widerstände hielten den am  26. März 1925 geborenen  Boulez nicht auf; nicht in New York, wo er als Chef der Philharmoniker Anfang der 1970er seine Schwierigkeiten mit dem lokalen Publikum hatte; auch nicht in Frankreich, wohin er danach ging, obwohl er die dortige starre Musikszene geringschätzte. Doch Paris wurde ein Ort des Aufbruchs, Präsident Georges Pompidou finanzierte ihm ein eigenes Forschungszentrum (Ircam) und das dort angesiedelte Ensemble Intercontemporain.

Er wurde in Paris auch Lehrer von Weltruf, der Generationen von Komponisten beeinflusste.

Weniger schwierig war für Boulez der Weg als Dirigent. Mit seinem hochsensiblen Gespür für Rhythmen und seinem vorderhand kühlen Klang  verzeichnete er schon in den 1960er Jahren große Erfolge mit den berühmtesten Orchestern, den Berliner Philharmonikern oder auch dem Concertgebouw.  Er dirigierte  ohne Stab, beidhändig, suchte ungewöhnliches Repertoire oder ungewöhnliche Konzertorte.

Bayreuth

Aber ebenso spannend waren seine Erkundungen des bekannten Repertoires: Auch hier wollte der Avantgardist Vorurteile aufbrechen, die Musik neu hörbar machen. Es gelang ihm Außergewöhnliches; insbesondere an einem Ort, der oft als Hort des Konservativen gilt. 1976 dirigierte Boulez in Bayreuth den „Jahrhundert-Ring“. Seine Interpretation zur legendären „Ring des Nibelungen“-Inszenierung von Patrice Chéreau 100 Jahre nach den ersten Wagner-Festspielen war ein Wendepunkt in der Wagner-Rezeption, wurde zuerst wütend abgelehnt – und wird seither als Geniestreich gefeiert.

Österreich

Auch mit den Wiener Philharmonikern gelangen Boulez herausragende Einspielungen und Konzerte, zu seinem 90er wurde er bei den Salzburger Festspielen gewürdigt, beim Festival Wien Modern war Boulez’ Musik ein Fixum.

Reaktionen

Dementsprechend erschüttert zeigte sich die heimische Kulturwelt vom Ableben Boulez’, der am Dienstag im Alter von 90 Jahren in Baden-Baden, seinem Alterssitz, gestorben ist. „Die Welt der Musik hat durch seinen Tod einen der bedeutendsten Vordenker der Avantgarde verloren“, sagte Kulturminister Josef Ostermayer.

Staatsopern-Direktor Dominique Meyer zeigte sich „sehr betroffen“, er habe Boulez „sehr bewundert und gemocht“. Der französische Dirigent habe in Salzburg „die Wiener Philharmoniker kennengelernt, woraus eine große Liebe entstanden ist“, so Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler.

„Es war faszinierend, mit ihm tagelang über die Musik des 20. Jahrhunderts zu diskutieren - ich habe unendlich viel gelernt“, sagte Musikvereins-Chef Thomas Angyan.

„Ich wollte bewusst mit der Tradition brechen, nie aber mit der Geschichte“, sagte Boulez einmal. Er hat diese Geschichte gelebt: Sein Repertoire reichte von klassischer über „mikrotonale“ Musik mit Computer bis hin zu Konzerten mit Bruce Springsteen oder Frank Zappa. In einer Pressemitteilung würdigte seine Familie seine „kreative Energie“, seinen „künstlerischen Anspruch“ und seine „Großzügigkeit“. „Seine Präsenz wird lebendig und intensiv bleiben.“

Zugangswege zu Boulez' Musik

Um diese Einspielung kommt man nicht umhin, wenn man Pierre Boulez kennen lernen oder würdigen will: Der „Jahrhundert-Ring“ aus Bayreuth (1976) ist eine der zentralen Aufnahmen überhaupt; Boulez’ Zugang zu den Tempi Wagners ist, neben Patrice Chéreaus Inszenierung, auch heute noch sensationell.

Die auf DVD erhältliche Aufnahme  ist auch aus einem anderem Grund hörens- und sehenswert: Man lernt viel über die Halbwertszeit von Kulturaufregern. Gegen den „Jahrhundert-Ring“  gab es zuerst in Bayreuth Protest-Aktionen; bei der letzten Aufführung 1980 gab es dann 90 Minuten Applaus und 101 Vorhänge.

Von Boulez gibt es auch mehrere Werksammlungen, etwa die „Complete Columbia Album Collection“ oder die 44 CDs in der Box „20th Century“. Darin findet man gute Zugangswege zu Boulez, etwa Aufnahmen eigener Werke mit dem Ensemble Intercontemporain sowie Einspielungen von Schönberg und Webern.
Auch mit den Wiener Philharmonikern gibt es viele anhörenswerte Einspielungen, insbesondere von Mahler, Berg und auch Bruckner.

Und eine weitere, die letzte Zusammenarbeit mit Patrice Chéreau gibt es ebenfalls auf DVD: Janáceks „Aus einem Totenhaus“, 2007 bei den Wiener Festwochen zu erleben.

(KURIER) Erstellt am
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