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KURIER Romy 2014
Denzel Washington
Denzel Washington - Foto: ROBERT ZUCKERMAN DIGITAL/Photo credit: Robert Zuckerman

Letztes Update am 26.01.2013, 18:08

"Flight": Notlandung eines Betrunkenen. Denzel Washington, in „Flight“ ein alkoholkranker Pilot, im KURIER-Gespräch über Sucht, das Fliegen und die Schattenseiten des Erfolgs.

Einsilbig kann er sein. Ruppig und arrogant, sehr arrogant sogar. Manches Interview hat er schon abgebrochen. YouTube-Clips erzählen von Unfreundlichkeiten. Denzel Washington ist nicht immer einfach. Der KURIER traf den 58-Jährigen im Hotel Adlon in Berlin. Blauer Kaschmirpullover, feine Stoffhose.

„Ah, aus Wien kommen Sie“, meint er, „da war ich leider noch nie, würde aber gerne mal mit meinen Kindern kommen. Aber die wollen ja nichts mehr mit mir machen.“ Er lacht und schlägt seine Beine übereinander. Seine Kinder sind längst erwachsen. Er scheint heute alles anders als ruppig zu sein.


Denzel Washington ist – nach zwei Oscars – für Robert Zemeckis Film „Flight“ (seit Freitag im Kino) zum dritten Mal als Bester Hauptdarsteller nominiert. Sehr zu Recht. Washington spielt einen Piloten, der mit einem manövrierunfähigen Flugzeug eine Notlandung hinlegt und das Leben fast aller Passagiere rettet. Dann stellt sich heraus: Er hatte Alkohol im Blut. Ein Film über einen Helden und Antihelden also. Beide spielt er mit großer Verletzlichkeit und noch größerer Wodkaflasche. Washington deutet auf das Aufnahmegerät: „Läuft das Ding eh? “

KURIER: Einen Betrunkenen zu spielen gehört zu den schwierigsten Aufgaben eines Schauspielers. Wie haben Sie das gemeistert?
Ich glaube, man spielt Betrunkensein nicht. Denn jemand, der wirklich betrunken ist, will meistens wirken, als wäre er nicht betrunken. Ich habe beim Dreh versucht, relaxed zu werden und dann so zu tun, als wäre alles okay. Es ist wie weinen vor der Kamera: Da geht es auch eher darum, nicht weinen zu wollen. Nur in einer einzigen Szene habe ich Betrunkenheit richtig gespielt...

Und wie haben Sie sich auf die Szene vorbereitet?
Geben Sie auf YouTube „Drunks“ ein, und eine ganze Welt tut sich auf. Einer war wirklich so angesoffen, hat aber versucht, alle zu überzeugen, er wär’s nicht. Er hatte die Aufgabe, eine Flasche hinzustellen, und dafür 20 Sekunden gebraucht (er lacht und macht den Mann nach). Außerdem gab es in meiner Familie jemanden, der in angesäuseltem Zustand stets provozierte und zuschlug, weil er sich messen wollte.

Film Review Flight
Foto: AP/Robert Zuckerman
Sind es solche persönlichen Erlebnisse, die Sie bewegen, Rollen anzunehmen?
Nein, das Drehbuch. Es ist nämlich selten, dass man so gute Drehbücher wie „Flight“ bekommt, bei denen man nicht erwarten kann, wie es weitergeht, und deren Charaktere ambivalent sind. Captain Whip ist ein Held und Antiheld, ein Einzelgänger, ein Trinker, ein Lügner, ein Manipulator. Und es ist die Geschichte, wie er sich verändert: Dass er einen Preis dafür bezahlt. Das finde ich richtig. Wenn man Unmoralisches tut, muss man zahlen.

Das heißt: Man muss sich seinen Dämonen stellen?
Ja, so ist das. Das Leben ist nicht leicht.

Auch Ihres nicht, das eines Filmstars?
Mensch bleibt Mensch. Ruhm oder Geld ändern den Schmerz nicht, den man mit sich herumträgt. Wie heißt es noch? Glück kann man mit Geld nicht kaufen. Geld ändert auch die Einsamkeit nicht. Im Gegenteil: Es kann das Problem noch vergrößern, wenn du dir alles kaufen kannst, das du willst. Wenn dieser Mensch sich all den Alkohol und die Drogen nicht kaufen könnte, hätte er vielleicht das Problem gar nicht. Aber er hat die Gelegenheit dazu und die Macht.

Apropos Macht. Stimmt es, dass Sie Barack Obama im Kino spielen sollen?
Ich habe das so nie gesagt, das wurde mir in den Mund gelegt. Es war vielmehr der Präsident, der diesen Wunsch geäußert haben soll.

Und?
Ich muss mich wiederholen. Alles hängt davon ab, ob es ein gutes Drehbuch gibt.

Zurück zu „Flight“: Sie haben in einem Airbus-Flug-Simulator für die Rolle fliegen gelernt?
Ja, aber es ist unmöglich, fliegen in ein paar Stunden zu lernen. Es braucht Jahre. Ich wollte mich einfach im Cockpit wohl fühlen. Und die zwei Piloten, die mich trainiert haben, habe ich gleichzeitig beobachtet. Wie sich sie verhalten, wie sie sitzen.

Sie machen viele Stunts selbst. Wie haben Sie sich dabei gefühlt, minutenlang kopfüber zu hängen?
Ja, das haben wir gemacht. Aber es war nicht so schlimm. Man hat für den Dreh ein Modell gebaut, das man mit einem Kran umdrehen konnte. Der Körper war gut angeschnallt. Das größte Problem war die Umdrehung selber. Die macht Angst.

Die Figur, die Sie spielen, muss der Wahrheit ins Gesicht sehen. Wie wichtig ist Ihnen das persönlich?
Es war überraschend für mich, wie viele Menschen zu mir gesagt haben: Der Mann hätte weiter lügen sollen. Er hätte ohne Strafe davonkommen können. Ich denke aber, er wäre dann als einsamer Trinker verendet. Und ehrlich gesagt, ich hätte die Rolle gar nicht gespielt, wenn er am Ende nicht die Wahrheit gesagt hätte. Denn was ist denn noch der Punkt?

Sie glauben an die Veränderung von Menschen?
Ja, Menschen ändern sich. Der Autor des Films hat beispielsweise in seiner Jugend mit Süchten gekämpft. Aber jetzt ist er seit Jahren nüchtern.

Gibt es etwas, wonach Sie süchtig sind?
Hm ...und Sie? Wonach sind Sie süchtig?

Nach Süßem.
Ha ... (lacht) ich wollte es ja nicht sagen, aber meine Augen sind gerade zu den Keksen hier am Tisch gewandert. Möchten Sie eines?

Nein danke, ich frage ja Sie!
Wissen Sie, als ich mich gefragt habe, ob ich zum Suchtverhalten recherchieren sollte, sagte ich: Nein. Denn die Figur weiß gar nicht, dass sie suchtkrank ist. Und was mich betrifft, ich bin nicht offensichtlich abhängig von irgendwas.

Von Erfolg vielleicht?
Nein, wenn schon davon, immer einen möglichst guten Job zu machen. Zumindest will ich das. Aber was heißt süchtig überhaupt? Ich bin natürlich auch süchtig nach Liebe wie wahrscheinlich jeder. Aber jetzt fällt mir doch was ein: Endorphine. Wenn ich in einer Trainingsphase bin, dann muss ich das jeden Morgen machen. Ich musste lernen – und lerne es immer noch –, dass ich durch meinen Erfolg Freizeit habe, die Freiheit, nichts zu machen. Dass ich aber diese Zeit füllen muss. Dass ich aufstehen muss und was tun. Ansonsten wird man faul und fauler. Seit Thanksgiving habe ich übrigens jetzt kaum mehr etwas gemacht, seither geht es mit mir bergab ... Aber ich weiß genau: Am 28. Jänner fange ich wieder zu trainieren an ... noch Kekse?

Im Kino: "Flight"

(kurier) Erstellt am 26.01.2013, 18:08


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