Elliott Erwitt: Woody Allen der Fotografie

Vor dem Start seiner Retrospektive im Kunsthaus Wien erzählte der
Fotograf Elliott Erwitt über Hunde, Hupen und Nudisten.

Magnum-Fotograf Elliott Erwitt wird auch der "Woody Allen der Fotografie" genannt. Das liegt jedoch nicht an dem treuherzigen Blick durch die dicke Hornbrille, den man auch vom Hollywood-Regisseur kennt. Allen wie Erwitt haben ihr Herz einfach beide nahe am Auge. Der 1928 in Paris geborene US-Fotograf fängt in seinem Oeuvre Menschliches, auch Allzumenschliches ein. Dafür mischt sich der Fotograf selbst schon mal unter Nudisten, denn nur so wird der Mensch ganz ohne Verkleidung gezeigt, jenseits von Schönheitsidealen und Inszenierungen. Das Kunsthaus Wien zeigt von 14. Juni bis 30. September eine umfassende Retrospektive aus einem halben Jahrhundert Schaffensphase. Erwitt erspäht, was die Meisten übersehen, die Leidenschaft des Alltags, wo Gesten meist mehr sagen als tausend Worte. Es sind oft ganz alltägliche Momente, die, wenn man die Linse darauf hält, eine gewisse Komik haben. Fotografie ist für Elliott Erwitt die Kunst der Beobachtung. Er schafft es seinen Fotos stets einen Subtext zu vermitteln. Emotionen, die man nur dann vermitteln kann, wenn man genau hinsieht. Nachdem er mit seiner Familie 1939 in die USA emigriert war, studierte er zunächst in Los Angeles und anschließend in New York Film. Elliott Erwitt drehte im Zuge seiner Laufbahn auch mehrere Filme. 1948 begegnet er in New York den berühmten Fotografen Edward Steichen und Robert Capa. Aber erst 1953 beginnt er für MAGNUM zu arbeiten. Von 1966 bis 1969 ist er Präsidenten der Agentur. Erwitt ist einer der führenden Fotografen seiner Generation. Seine Bildsprache prägte den amerikanischen Fotojournalismus. Hunde gehören zu seinen Lieblingsmotiven. Um sie in besonderen Situationen zu fotografieren, bellt er sie auch gerne mal an.
Vor dem Start seiner Retrospektive in Wien sprach Elliott Erwitt mit dem KURIER über Hunde, Hupen und Nudisten. Um zu dem Interview zu gelangen, schließen sie einfach die Galerie (oben rechts).

Der Fotograf im KURIER-Interview

epa000382586 Photographer Elliott Erwitt, who was born in Paris in 1928, stands next to a picture, which he took in New York in 1974, at the exhibition Elliott Erwitt: Schnappschuesse (elliott erwitt: snapshots) at the NRW-Forum Kultur und Wirtschaft (Nor Foto: epa

Nein, den Skulpturenpark für Hunde, der derzeit auf der Kunstschau Documenta zu sehen ist, hat Elliott Erwitt noch nicht besucht. Nur ein Mal, vor 15 Jahren, war der Magnum-Fotograf in Kassel, um Bilder für eine Serie über Menschen im Museum zu schießen. "Es ist der extremste Ort für Nonsens, den ich je gesehen habe", sagt er.

Mit dem zeitgenössischen Kunstbetrieb hat Erwitt wenig Freude, mit der Annäherung zwischen Menschen und Hunden, die im Documenta-Umfeld diskutiert wird, kennt er sich aber aus: Hundefotos machen den populärsten Teil jenes Oeuvres aus, das ab Donnerstag in einer Werkschau im KunstHausWien präsentiert wird (bis 30. September).

 

Wuff

Zum KURIER-Gespräch erscheint der Fotograf, der im Juli 84 wird, an einem Stock, an dem eine Fahrradhupe montiert ist. Schon oft, erzählt Erwitt, hat er sie eingesetzt, um beim Fotografieren Überraschung zu erzeugen. "Es funktioniert besonders bei Tieren", sagt er.

Doch auch ohne Hunde ist der 1928 in Frankreich geborene und 1939 in die USA emigrierte Erwitt ein Meister darin, komische Konstellationen einzufangen: Riesige aufblasbare Damenbeine, die von einem New Yorker Wolkenkratzer baumeln, ein Brautpaar samt Schleier und Zylinder in einem Nudistencamp – Erwitt zeigt surreale Momente des Alltagslebens ohne die Abgründigkeit, die z. B. seine Kollegin Diane Arbus an den Tag legte.

Die humorvollen Bilder, die Erwitt den Beinamen "Woody Allen der Fotografie" einbrachten, sind aber nur ein Teil eines Werks, das der Meister selbst strikt in zwei Teile trennt: "Ich bin einerseits ein kommerzieller Fotograf, andererseits ein Amateur, der Aufnahmen zu seinem Amüsement macht."

Erwitts Arbeiten für die Agentur "Magnum", der er 1953 beitrat, beinhalten das weltberühmte Bild der "Küchendebatte" zwischen Chruschtschow und Nixon 1959, in dem der US-Präsident seinem Widerpart aggressiv an den Revers tippt. Fotos der trauernden Jackie Kennedy beim JFK-Begräbnis oder Bilder von Fidel Castro zeigen Erwitt im KunstHaus als Zeitzeugen des 20. Jahrhunderts.

 

Anti-Kunst

Zuletzt stellte Erwitt unter dem Pseudonym "André S. Solidor" aus und machte sich mit Hochglanzfotos über die Ästhetik der aktuellen Kunstfotografie lustig. Doch auch wenn der zeitgenössische Kunstbetrieb aus seiner Sicht nichts wert ist – in einer Hinsicht hat der legendäre Fotograf ihn zu schätzen gelernt: "Er treibt die Preise an."

(kurier) Erstellt am
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