Claus Peymann: "Prolog zum Dritten Weltkrieg"

Claus Peymann
Foto: KURIER/Jeff Mangione Peymann im Burgtheater

Merkel? "Zerstörerin der europäischen Einheit". Die Situation? Aussichtlos. Das Theater? Hilflos. Der Ex-Burgtheaterchef, der soeben Peter Handke in Wien inszenierte, sieht keinen Ausweg.


Claus Peymann hat in den 1980er-Jahren das Burgtheater revolutioniert und er war nie um einen kontroversiellen Sager verlegen. Im ausführlichen KURIER-Interview nach der Peter-Handke-Uraufführung "Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße" zeigt er sich nachdenklich: Die neue Zeit ist für ihn ein "Alptraum", er sehe keinen Ausweg in der Flüchtlingskrise, seine Generation habe es "nicht geschafft".

Peymann über

  • Angela Merkel: "Letztlich ist Merkel eine Zerstörerin der europäischen Einheit. Sie zerstört durch ihren Konsequentismus, würde Thomas Bernhard sagen."
  • Die Flüchtlingskrise: "Wenn Sie ein paar Stunden in den Süden fahren, werden Sie mit einem unvorstellbaren Elend konfrontiert. Da kann es doch nicht sein, dass wir ein paar Brote reichen und eine warme Decke! Nichts anderes tun wir."
  • Die Demokratie: "Man wird eines Tages die Monarchie anders beurteilen."
  • Den Einsatz von Tränengas gegen Flüchtlinge: "Am Montag wurde – an der Grenze Mazedoniens – das erste Mal geschossen, wenn auch nur mit Tränengas. Das ist der Prolog zum dritten Weltkrieg."
  • Die Möglichkeiten des Theaters angesichts der Krise: "Ich strecke die Waffen. Weil ich nicht weiß, wie das am Theater auszudrücken ist. Sicher aber nicht mit einem folkloristischen Nachstellen! ... Vielleicht ist der einzige Weg der, den wir seit letztem Samstag im Burgtheater sehen: Dass man diesem Schrecken den Traum entgegenstellt. Im Grunde handelt Peter Handkes neues Meisterwerk davon, wie das Individuum, der Einzelne, der Clown, der Idiot – wie Handke einer ist, wie ich einer bin – versucht, sich gegen die Allmacht der Gesellschaft zur Wehr zu setzen."
  • Die schwierige Situation für Revolutionäre heute: "Es war nur damals leichter. Denn man war Kommunist oder Sozialist oder Anarchist. Und man hatte von der jeweiligen Warte aus den Überblick – und vielleicht auch den Hochmut – zu sagen: Man muss den Kapitalismus abschaffen! Das war, wie sich herausgestellt hat, eine sehr leichte Ausgangsposition. Die gibt es nicht mehr. Das wahnsinnige Problem heute ist: Dass der Gegner nicht mehr sichtbar ist. Man kann nicht einfach sagen, dass Angela Merkel oder Barack Obama oder François Hollande böse Kriegstreiber sind. Sie sind nette Leute. Und trotzdem ist etwas nicht in Ordnung."
  • Über das Internet-Zeitalter: "Diese ganze Internet-Welt, der ich nicht mehr folgen kann, ist für mich ein Manifest der Einsamkeit: Die Menschen sitzen allein vor ihren Handys. Vielleicht bin ich auch schon zu alt, um das positiv zu sehen."
  • Seine Kämpfe am Burgtheater: "Das Burgtheater war fest in den Händen der Lodenbrigaden aus Schönbrunn. Ich sagte: Nein, das Burgtheater gehört allen, auch denen, die nicht so viel Geld haben – und es gehört auch den Dichtern. In jener Zeit haben tatsächlich die österreichischen Dramatiker das Haus besessen. Darauf können wir schon stolz sein...  Das konservative Wien hat plötzlich gesehen: Das Burgtheater gehört nicht mehr uns, es gehört den Zornigen. Sie haben die Jelinek gehasst, den Handke gehasst, den Bernhard gehasst."
  • Das heutige Burgtheater: "Natürlich ist das Burgtheater nicht mehr das, das ich kannte. Es gibt jetzt Strukturen, die mir nicht unbedingt zusagen. Es gibt diese komische Macht der Holding. Ich hoffe sehr, dass Direktorin Karin Bergmann jetzt nicht als Sparkommissarin fungieren muss. Sie hat das Burgtheater aus der Finanzkrise gerettet. Die Republik sollte ihr dankbar sein. In der Kunst kann und darf man nicht sparen. Denn sie ermöglicht den Gegenentwurf, den Traum."

Das ausführliche Interview lesen Sie im heutigen KURIER und im ePaper.

"Ich kann keine finsteren Burschen ausmachen. Auch Werner Faymann ist kein finsterer Bursche." "Wollen wir wirklich, dass alle Libyer, Syrer und Afghanen wie die fetten, Pistolen-tragenden Amis im Mittleren Westen leben?" "Ich kann natürlich nichts gegen die neue Zeit haben. Aber für mich ist sie ein Albtraum."
Kurzbio

Claus Peymann in Stichworten

  • Burgtheater-Chef 1986-1999
  • Sorgte mit der Thomas-Bernhard-Uraufführung "Heldenplatz" für einen Eklat in Österreich
  • Und nicht nur damit: Peymann (Jahrgang 1937) war scharfzüngiger Kritiker Österreichs
  • Derzeit (noch bis 2017) Chef des Berliner Ensembles
  • Dem österreichischen Dichter Peter Handke seit 50 Jahren - seit der Uraufführung von "Publikumsbeschimpfung" 1966 - verbunden, mittlerweile zehn Uraufführungen von Handke-Stücken

    Claus Peymann Foto: KURIER/Jeff Mangione

(KURIER) Erstellt am
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