Letztes Update am 20.07.2012, 10:22
Der Afghanistan-Krieg als Comic.
Ungewohnte Bilder aus Afghanistan: Mit "Wave and Smile" widmet sich erstmals eine Graphic Novel dem Konflikt. Der KURIER sprach mit Autor Arne Jysch über die Vorteile dieses neuen Mediums.
Bonk! Tatatat! Skratsch! Aahh! Klick! Das ist die Sprache, die Comicleser gewohnt sind. Lautmalerisch werden da Schlägereien, Feuergefechte, generell: Bewegungen beschrieben. Dass "Pzsch!" auch für den Abschuss einer Panzerfaust in der afghanischen Provinz Kunduz stehen kann, ist neu.
In der kürzlich erschienenen Graphic Novel "Wave and Smile" thematisiert Illustrator und Autor Arne Jysch den deutschen ISAF-Einsatz am Hindukusch, von dem man sonst nur in den Nachrichten hört, aber genau so: "Pzsch!" Im Interview mit dem KURIER erklärt er den Vorteil des Mediums Graphic Novel und was ihn auf die Idee zu "Wave and Smile" brachte.
"Wave and Smile": Arne Jysch erzählt in seiner Graphic Novel, einem aufwendigen Comic in Buchformat, in detaillierten, teils dramatischen Bildern die Geschichte des unbeliebten Krieges in Afghanistan.
2001 begann die ISAF-Mission der deutschen Bundeswehr. Der Einsatz sollte der Friedenssicherung am Hindukusch dienen. 53 Soldaten kamen seitdem ums Leben. Erst Ende 2010 konnte sich Bundeskanzlerin Angela Merkel dazu durchringen die Vorgänge beim Namen zu nennen und sprach erstmals vom "Krieg in Afghanistan".
Was dieser Krieg für die Soldaten, die daheim gebliebenen Familien und nicht zuletzt auch für die Afghanen selbst bedeutet, versucht Arne Jysch in seiner Graphic Novel zu illustrieren.
"Ein Gespräch mit einem Deutsch-Afghanen und seine radikalen Ansichten" sei für Arne Jysch Ende 2008 der Anstoß gewesen "Wave and Smile" zu machen, erklärt der Berliner. Der Buchtitel stehe für die guten Absichten, mit denen die Bundeswehr 2001 nach Afghanistan kam.
Die Realität sieht elf Jahre später aber anders aus. Statt freundlich zu winken, verbarrikadieren sich die Deutschen in ihren Kasernen.
Um die Handlung möglichst realitätsnah schildern zu können, arbeitete Arne Jysch mit der Journalistin Julia Weigelt zusammen, die selbst als Embedded Journalist in Afghanistan war.
"Ich habe 2009 zu recherchieren begonnen und es hat sich für mich eine fremde Welt aufgetan, aus der ich eine Geschichte erzählen wollte"In "Wave and Smile" wird ein deutscher Helikopter in der Nähe eines afghanischen Dorfes abgeschossen.
Die Soldaten unter der Führung von Hauptmann Chris Menger müssen sich alleine durchschlagen - die nächsten Einheiten sind zu weit entfernt.
Bei dem Angriff sterben zwei Soldaten der Truppe, Kamerad Marco wird gefangen genommen. Unter den Überlebenden befindet sich auch Fotografin Anni, die sich als Embedded Journalist der Truppe angeschlossen hatte.
Zurück in der Heimat, lässt Hauptmann Menger das Schicksal seines vermissten Kameraden Marco nicht los. Auf eigene Faust fliegt er nach Afghanistan zurück, besorgt sich falsche Papiere...
... und begibt sich auf die hoffnungslose Suche. Diese führt ihn schließlich in ein amerikanisches Gefängnis, in dem er auf seinen verschollenen Kameraden Marco trifft, der dort als deutscher Dschihad-Krieger festgehalten wird.
Arne Jysch wollte die verschiedenen Aspekte dieses unpopulären Konfliktes darstellen. Von Soldaten, denen – zurück in der Heimat – unverhohlte Ablehnung entgegenschlägt,…
… afghanischen Kindern, die zwischen die Fronten geraten und deutschen Truppen, die an der mangelnden Bereitschaft der Regierung die Bundeswehr mit den notwendigen Ressourcen und Mandaten auszustatten, verzweifeln.
Auch die Rolle der Medien und das Bild der Afghanen über die Bundeswehr - "Vasallen der USA" - wird thematisiert. Dass die Geschichte da etwas konstruiert wirkt, muss verziehen werden und liegt wohl auch an dem Medium "Graphic Novel" selbst - in dem Geschichten schneller erzählt werden können, als man das aus Büchern gewohnt ist.
Für die grafische Umsetzung hat Arne Jysch einen skizzenhaften Bleistiftstrich mit monotoner Aquarellkolorierung gewählt, der die Stimmung in der Graphic Novel passend illustriert.
Stellung beziehen, das war das klare Anliegen von Arne Jysch. Am deutlichsten wird das, wenn es um das mangelnde Bekenntnis der deutschen Regierung zum Krieg in Afghanistan geht.
Dieses Thema findet sich an mehreren Stellen wieder und zieht sich wie ein roter Faden durch "Wave and Smile".
Das wurde auch schon in zahlreichen Dokumentationen, TV-Berichten und Zeitungsartikeln veranschaulicht. Bleibt die Frage, weshalb es da noch ein Graphic Novel, einem aufwendigen Comic im Buchformat, braucht.
"Es gibt mittlerweile eine Menge gelungener Beispiele, wo ernste Themen in grafischer Form behandelt wurden", meint Jysch. Die Arbeiten von Joe Saccos und Joe Kubert hätten das schon gezeigt.
Das Medium Comic ist mehr denn je in der Mitte der Gesellschaft angekommen, das belegen nicht zuletzt zahlreiche Verfilmungen. Stellt Jysch damit einhergehend auch einen Trend politisch relevante Themen in Comicform umzusetzen fest?
"Es ist insofern schon lange kein Trend mehr, als dass es in den USA und Frankreich, aber auch in Japan schon länger möglich ist solche Themen auch in dieser Form zu behandeln.
Wie so oft laufen wir Deutschen den popkulturellen Entwicklungen und ästhetischen, medialen Neuerungen etwas hinterher.
Ich denke, dass jetzt eine Generation ein reifes Alter hat, die mit dem Medium aufgewachsen ist und den Comic nicht als Fremdkörper wahrnimmt, wenn sie darin erwachsene Themen behandelt sieht."
Arne Jysch: "Wave and Smile"Carlsen Comic Verlag 2012195 Seiten
(kurier)
Erstellt am 20.07.2012, 08:08