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„Am Fuße der Leiter, die er gegen den Mond gelehnt hatte, setzte sich August nieder, in Betrachtung verloren.“ - Henry Miller (1891-1980)
„Am Fuße der Leiter, die er gegen den Mond gelehnt hatte, setzte sich August nieder, in Betrachtung verloren.“ - Henry Miller (1891-1980) - Foto: APA, dpa

Letztes Update am 13.02.2012, 17:03

Das Lächeln am Fuße der Leiter - Von Henry Miller. Diese Fabel erzählt in ruhiger, malerischer Sprache die Geschichte von August dem Clown, der sein Publikum nicht nur zum Lachen bringen will...

Kurze Texte haben es schwer im aktuellen Literaturbetrieb: Ob Erzählung, Kurzgeschichte oder Prosa-Miniatur – mit dieser Form können selbst Bestseller-Autoren sich nicht so recht durchsetzen. Bis in die 1970er-Jahre hinein war das anders: Durch Hemingways short stories bekannt geworden, entwickelten knappe Prosatexte sich nach 1945 auch in Europa zur wichtigen Kunstform – man denke nur an die Kurzgeschichten von Ingeborg Bachmann oder Robert Musil.

Eine sehr kurze Geschichte ist auch Henry Millers „Das Lächeln am Fuße der Leiter“. Ein völlig untypischer Text für diesen Autor, dessen Romane wie „Wendekreis des Krebses“ lange als reine Pornografie verteufelt wurden. Hier aber fehlt jede Erotik und jegliche sexuelle Anspielung, jeder Exzess und Tabubruch. Diese Fabel erzählt in ruhiger, malerischer Sprache die Geschichte von August dem Clown, der sein Publikum nicht nur zum Lachen bringen will, sondern ihm „ . . . das Geschenk einer unablässigen, stetig sich neu erweckenden, neu sich speisenden Freude“ geben möchte. Dazu entwickelt er eine Trance-Nummer, am Fuße der Mondleiter stehend, mit geschlossenen Augen Entrückung darstellend. Der Auftritt berührt die Zuschauer, aber am Ende lachen sie nur. Unbefriedigt macht August weiter, überspannt schließlich den Bogen und wird schamvoll ausgebuht – eine ganze halbe Stunde stille Entrückung hält auch das beste Publikum nicht aus. Sein Scheitern treibt August aus der Manege, verzweifelt geht er auf die Suche und kümmert sich schließlich bei einem anderen Zirkus um die Tiere. Fütternd und striegelnd findet er Glück und Ruhe – solange jedenfalls, bis der Clown der Truppe krank wird und August für ihn einspringt.

Kurier
Johanna Rachinger - Foto: Kurier

„Das Lächeln am Fuße der Leiter“ wurde 1948 veröffentlicht. Da war der amerikanische Autor knapp 50 Jahre alt. Ein Jahr später folgte, wieder im gewohnten Henry-Miller-Stil, der Roman „Sexus“, den die New York Times als das „obszönste seiner Bücher“ bezeichnete. Woher also dieser traumhafte, im Werk Millers einzigartige Text? Vordergründig ist die Antwort einfach: Es handelte sich um eine Auftragsarbeit. Der französische Maler Fernand Léger wünschte sich für seinen Grafikzyklus „Cirques“ eine Story von seinem Freund Miller. Daraufhin entstand, mit den Clown-Bildern Picassos, Mirós, Chagalls und Légers im Kopf, das „Lächeln am Ende der Leiter“. Ein Treppenwitz der Kulturgeschichte, dass Léger mit diesem Henry Miller aber nichts anzufangen wusste und das Manuskript ablehnte. Millers Geschichte wurde ihrerseits später von Joan Miró illustriert und bis heute in dieser Form veröffentlicht. Die malerische Dichte des Textes ist also untrennbar mit den Gemälden jener Künstler verbunden, die beim Schreiben in Millers Kopf leuchteten. Weniger vordergründig lässt sich aber noch eine andere Antwort finden auf diese träumerische Magie: Sie steckte schon immer in Henry Millers Prosa. Liest man heute seine ehemals skandalträchtigen Bücher, stehen Sex & Crime nicht mehr so im Fokus – wir sind mittlerweile Schlimmeres gewöhnt – und eine Poesie der Sprache offenbart sich, wie sie in der Geschichte um den Clown August potenziert ist. Was diese Miniatur so einzigartig macht, ist Millers schlafwandlerische Sicherheit im Umgang mit Symbolen, die einmal alltägliche, einmal surreale Atmosphäre und schließlich seine Botschaft: die Aufforderung auf die Suche zu gehen nach Selbstverwirklichung, nach Sinn und Glück.

Nein, Erzählungen haben es heute nicht leicht. Liest man dieses Kleinod von Henry Miller, wünscht man sie sich aber doch: die Rückkehr der Kurzgeschichte.

(KURIER/Johanna Rachinger) Erstellt am 13.02.2012, 16:45

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