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„Ihr dagegen seid alle Helden, wenn der Krieg vorbei ist. Tot: Helden. Überlebend: Helden. Verstümmelt: Helden. Deswegen habt ihr den Krieg erfunden, ihr, die Männer.“ - Ágota Kristóf (*1935)
„Ihr dagegen seid alle Helden, wenn der Krieg vorbei ist. Tot: Helden. Überlebend: Helden. Verstümmelt: Helden. Deswegen habt ihr den Krieg erfunden, ihr, die Männer.“ - Ágota Kristóf (*1935) - Foto: EPA

Letztes Update am 13.02.2012, 17:02

Das große Heft -Von Ágota Kristóf. Dieser kurze Roman, dieses große Notizheft eines Zwillingspaares, zeigt die Brutalität und Sinnlosigkeit des Zweiten Weltkrieges wie kaum ein anderes Buch.

Ich weiß nicht, wie oft ich während der Lektüre dieses Buches geschluckt habe. Auf jeder Seite? Auf jeder zweiten? Dieser kurze Roman, dieses große Notizheft eines Zwillingspaares, zeigt die Brutalität und Sinnlosigkeit des Zweiten Weltkrieges wie kaum ein anderes Buch. In 62 kurzen, oft nur zwei Seiten umfassenden Eintragungen erzählen diese Zwillinge von ihrem Leben. Berichten, sollte man vielleicht besser sagen, denn ihre Sprache ist kalt, fast naturwissenschaftlich distanziert. Die Sätze, die das „Große Heft“ füllen, sind kurz wie die einzelnen Kapitel und führen dadurch Grausamkeit und Gewalt nur umso deutlicher vor Augen. Keine Namen werden genannt, die Persönlichkeit bleibt austauschbar, keiner individuellen Bezeichnung würdig: Es gibt nur das „wir“ der beiden Geschwister, nur „unsere Großmutter“, nur „den Pfarrer“, „den Schuster“, „den Offizier“. Keine Brutalität wird ausgespart: Granaten zerfetzen Menschen, Kinder werden misshandelt, die Großmutter der Zwillinge hat ihren Mann vergiftet und versucht auch die Buben, die sie als „Hundesöhne“ beschimpft, zu brechen – oder doch „nur“ abzuhärten. Die beiden trainieren, machen Übungen, kasteien sich: Sie fasten freiwillig, um gegen den bohrenden Kriegshunger gewappnet zu sein. Sie peitschen sich mit Gürteln, um die Schläge der Erwachsenen nicht mehr zu spüren. Sie werden selbst hart und berechnend, nicht böse, nein, aber sie lernen früh, dass jeder, der überleben will, buchstäblich über Leichen gehen muss. Und sie beginnen, selbst zu handeln. Man schluckt auf jeder Seite, immer wieder, bis zum so grandiosen wie barbarischen Finale. Die knappe, fast autistische Sprache, in der Agota Kristof ihre kindlichen Protagonisten sprechen lässt, potenziert den Horror – nie traf in der Literatur das Wort besser zu als hier: auf das Wesentliche reduziert. Das Pandämonium einer aus den Fugen gerissenen Zeit wird real wie eine allzu scharfe Fotografie.

Kurier
Johanna Rachinger - Foto: Kurier

Der Antikriegsroman „Das Große Heft“ erschien 1986. Es war das erste Buch der gebürtigen Ungarin Ágota Kristóf, die 1956, nach dem blutigen Ende des Ungarischen Volksaufstandes erst nach Österreich flüchtete, dann in die Schweiz. Mit Ehemann und einer vierjährigen Tochter fand sie in Neuchâtel einen Zufluchtsort, den sie bis zu ihrem Tod nicht mehr verlassen sollte. Über 50 Jahre alt war sie, als sie „Das große Heft“ veröffentlichte. 1988 und 1992 folgten „Der Beweis“ und „Die dritte Lüge“ – Romane, die die Geschichte der Zwillinge fortschreiben und in einer literarischen Überraschung erster Güte enden lassen. Die Qualität ihrer Texte wurde rasch erkannt – die Schriftstellerin erhielt etwa 2001 den Gottfried-Keller-Preis, 2008 den Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur und noch 2011 den Kossuth-Preis, die höchste staatliche Auszeichnung in Ungarn, ihrem Heimatland.

Am 27. Juli 2011 ist sie gestorben, die große ungarisch-schweizerische Autorin, die im mühevoll erlernten Französisch schrieb. Auch dies wird ein Grund für ihre knappe Sprache sein – Ágota Kristóf misstraute den Worten. 75 Jahre wurde sie alt. Ihre Bücher – wie „Das große Heft“ – gelten nach wie vor als dunkel und schwierig. Zu Unrecht. Dunkel sind sie, ja, düsterer könnten sie kaum sein. Aber schwierig sind sie nicht, im Gegenteil: Einfacher hat kaum jemand über die Folgen eines Krieges geschrieben. Man sollte dieses Buch gelesen haben. Auch wenn wir schwer zu schlucken haben bei der Lektüre: Die Zwillinge und ihre barbarische Welt lassen einen nicht so schnell wieder los.

(KURIER/Johanna Rachinger) Erstellt am 13.02.2012, 16:16

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