Castorf sprengt Horvath in München

Birgit Minichmayr und Nicholas Ofczarek spielen am Münchner Residenztheater in der vierstündigen Dekonstruktion von "Kasimir und Karoline".

Mit viel Jubel für die Schauspieler und einigen Buhs für Regisseur Frank Castorf ist am Sonntagabend nach vier Stunden 20 Minuten (inklusive einer Pause) am Münchner Residenztheater die Premiere von "Kasimir und Karoline" mit Birgit Minichmayr und Nicholas Ofczarek zu Ende gegangen. ...

Zum Durchklicken ... Eigentlich spielt das Volksstück am Münchner Oktoberfest - doch davon bekam das Publikum nichts zu Gesicht. Auch das Stück bekam man nicht zu sehen - jedenfalls nicht in der von Ödön von Horvath geschriebenen Form. Castorf, der seit kurzem auch als Regisseur des Bayreuther "Jubiläums"-Rings feststeht, entschied sich dafür, eine Handgranate in das Stück zu werfen ...

Bild: v.l. Shenja Lacher, Nicholas Ofczarek, Bibiana Beglau ... und die übriggebliebenen Teile samt hinzugedichtetem oder vom Autor verworfenen Material neu zusammenzusetzen.

Bild: v.l. Bibiana Beglau, Götz Argus, Jürgen Stössinger Im Mittelpunkt der wüsten Collage, die einige Zuschauer bereits vor der Pause aus dem Theater vertrieb, stehen Birgit Minichmayr und Nicholas Ofczarek in den Titelrollen. Ein Duo, dessen brillantes Zusammenspiel sich bereits am Wiener Burgtheater und am Salzburger Domplatz bewährt hat. Ergänzt werden die beiden von Bibiana Beglau und Shenja Lacher, die nicht nur den Merkl Franz und seine Erna spielen, ... ... sondern wie alle anderen auch immer wieder in zusätzliche Rollen schlüpfen. Eine Gewaltleistung, die auch die Zuschauer zusehends erschöpfte.

Bild: v.l. Jürgen Stössinger, Mai-Thy Hoang, Tatjana Lindl "Von mir werden Sie nie den Horvath kriegen, den Sie erwarten, das ist klar", hatte Castorf angekündigt. Mehr als das Stück hat ihn seine Entstehung und Entstehungszeit interessiert. Er hat Szenenentwürfe ausgegraben, die an Brechts "Kleinbürgerhochzeit" erinnern, und baut gesellschafts- und kulturtheoretische Texte von Ernst Jünger oder Friedrich Schröder-Sonnenstern ein. Die Krise erzeugt gedankliches, politisches und emotionales Chaos - man trägt "das hakelige Kreuz" an langen Holzlatten oder auf Armbinden spazieren, ... ... ist sich nicht sicher, ob Kommunismus der Untergang oder die Rettung wäre und wirbt für die Piratenpartei. Dass Horvath seine Vorarbeiten wohl bewusst verworfen hat, dass er in der unglücklichen Lebens- und Liebesgeschichte die Verlorenheit der Menschen ebenso zeigt wie ihre existenzielle Verzweiflung, die sich in privaten Konflikten ihr Ventil sucht - all das interessiert Castorf nicht.

Bild: v.l. Bibiana Beglau, Birgit Minichmayr Er denunziert Horvaths leisen und treffenden Befund als "Blick des Salon-Bolschewisten aus dem Cafe auf die kleinen Menschen, die alle doof und verlogen sind" (Castorf in einem SZ-Interview), ... ... lässt Horvaths prägendes Stilmittel "Stille" (121 Mal im Stücktext verwendet) ein paar Mal laut brüllen und ansonsten ignorieren, zerschlägt Ablauf und Dramaturgie des Stückes und baut schräge Doppelbesetzungen ein. Gespielt wird in einem überdrehten, grellen Comics-Stil, mit Hochdruck-Energie und voller Lautstärke. Im letzten Drittel der 4 Stunden 20 Minuten, als längst alles gesagt ist, will Castorf aber augenzwinkernd seinen Ruf als Marathon-Mann verteidigen.

Bild: v.l. Mai-Thy Hoang, Jürgen Stössinger, Tatjana Lindl Da darf nahezu jeder aus dem Ensemble einen Theorie-Vortrag halten. Da darf Ofczarek schadenfroh grinsend noch jede Menge weitere Monologe ankündigen. Da darf Minichmayr Anspielungen auf ihr Vorleben als Salzburger Festspiel-Buhlschaft anbringen und sogar auf Fjordpferd Kaspar ihre Reitkunst beweisen. INFO: "Kasimir und Karoline"
Volksstück von Ödön von Horváth in einer Bearbeitung von Frank Castorf, Regie: Frank Castorf, Bühne: Hartmut Meyer, Kostüme: Jana Findeklee + Joki Tewes; mit Götz Argus, Bibiana Beglau, Mai-Thy Hoang, Shenja Lacher, Tatjana Lindl, Birgit Minichmayr, Nicholas Ofczarek und Jürgen Stössinger, Residenztheater München, Nächste Vorstellungen am 31.10., 2., 7., 11., 14., 21.11.; www.residenztheater.de

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(apa / tem) Erstellt am
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