Die Klassik-Künstler des Jahres

FOTOPROBE: SALZBURGER PFINGSTFESTSPIELE 2012: "GIU
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Der KURIER wählte die besten Sängerinnen, Sänger, Dirigenten und Solisten 2012. Außerdem: Die besten Filme, Alben, Ausstellungen und Autoren, 2012 sowie Bühnen und Off-Theater.


Der eine war der prägende Sänger der Salzburger Festspiele mit Auftritten in drei verschiedenen Opern: Jonas Kaufmann. Die andere war nicht nur als Sängerin, sondern auch als Neo-Festspielleiterin zu erleben: Cecilia Bartoli. Ein weiterer Großer übernahm eines der wichtigsten Orchester, die Sächsische Staatskapelle Dresden, und triumphierte damit gleich bei seinem ersten Auftritt mit dem „Rosenkavalier“: Christian Thielemann. Und der Vierte im Bunde, der Intendant des Musikfestivals Grafenegg, feierte seine Rückkehr zu den Salzburger Festspielen und begeisterte auch im Wiener Musikverein: Rudolf Buchbinder.

Diese Künstlerinnen und Künstler prägten das Klassik-Jahr 2012 am intensivsten und werden auch 2013 sehr präsent sein. Sie sind die Gewinner in den einzelnen Kategorien bei der alljährlichen KURIER-Wahl der herausragenden Persönlichkeiten des Kulturbetriebes. Die Wertung erfolgte nach intensiven Diskussionen in der Kulturredaktion. Denn Musikfreunde wissen: Über weniges wird leidenschaftlicher debattiert als über Leistungen von Sängern, Dirigenten und Solisten.

Mariss Jansons und die Wiener Philharmoniker läuten bei ihrem zweiten gemeinsamen Neujahrskonzert das Klimt-Jahr ein. Die Balletteinlage in der Choreografie von Davide Bombana widmet sich dem 150. Geburtstag Klimts mit der Nachstellung seines berühmten Gemäldes "Der Kuss" im Oberen Schloss Belvedere. Heuer waren bei der TV-Übertragung in 73 Länder rund 45 Millionen Menschen live mit dabei. 15. George Clooney räumt mit seinem Film "The Descendants - Familie und andere Angelegenheiten" bei den Golden Globes ab: Der Streifen wird als bestes Filmdrama, er als bester Schauspieler ausgezeichnet. Zur besten Schauspielerin in einem Drama wird Meryl Streep gekürt. Der französische Stummfilm "The Artist" gewinnt den begehrten Golden Globe als beste Komödie und startet so seinen Siegeszug. Die Hommage an die Stummfilm-Ära von Michel Hazanavicius feiert bei der 84. Oscar-Verleihung in Los Angeles mit insgesamt fünf Academy Awards, darunter Auszeichnungen für den besten Film, die beste Regie und den besten Hauptdarsteller (Jean Dujardin), einen Triumph. Ebenso fünf Oscars ergattert der 3D-Film "Hugo Cabret" von Martin Scorsese, allerdings fast ausschließlich in den technischen Kategorien. Meryl Streep erhält nach ihrer 17. Nominierung ihren dritten Oscar als beste Schauspielerin für die Verkörperung der britischen Premierministerin Margaret Thatcher. Karl Markovics' Regiedebüt "Atmen" war im Vorjahr der österreichische Film des Jahres. Das wird bei der zweiten Ausgabe des Österreichischen Filmpreises ausgiebig gewürdigt: Der Film wird von der Akademie des Österreichischen Films in allen sechs nominierten Kategorien geehrt und u.a. als bester Spielfilm, für die beste Regie und das beste Drehbuch ausgezeichnet. Der Film des Jahres 2012 aus österreichischer Sicht stammt wieder einmal von diesem Mann: Michael Haneke. Er wird in Cannes für "Amour" (Liebe) als erster Regisseur zum zweiten Mal mit der Goldenen Palme ausgezeichnet. Das feinfühlige Demenz-Drama räumte neben unzähligen weiteren Auszeichnungen auch beim Europäischen Filmpreis ab. Haneke wird als bester Regisseur geehrt, Emmanuelle Riva und Jean-Louis Trintignant als beste Schauspieler. "Amour" wird auch bester Film. Schließlich folgte noch eine Golden Globe-Nominierung und die Aufnahme in die Shortlist für den Auslands-Oscar. Auf der Nominierungsliste der Golden Globes steht auch wieder der Österreicher Christoph Waltz, in der Kategorie bester Nebendarsteller in Tarantinos Edelwestern "Django Unchained". Das Hollywood-Kino stand 2012 wieder im Zeichen großer Kino-Reihen: Christopher Nolans Batman-Verfilmung "The Dark Knight Rises", das neue Bond-Abenteuer "Skyfall" zum 50. Jubiläum, das Ende der "Twilight"-Saga und der Beginn der "The Hobbit"-Trilogie von Peter Jackson. Eine Trilogie besonderer Art hat der österreichische Filmemacher Ulrich Seidl geschaffen. Das Projekt "Paradies" startet erfolgreich mit einer Einladung in den Wettbewerb von Cannes für den ersten Teil "Paradies: Liebe". "Paradies: Glaube" mit Maria Hofstätter (Bild) wird in Venedig mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichnet. Und als Krönung wird der dritte Teil "Paradies: Hoffnung" im nächsten Jahr wieder auf einem A-Festival gezeigt. Bei der Berlinale. Die Viennale, Wiens internationales Filmfestival, startet mit der Premiere von Ben Afflecks Politthriller "Argo" in ihr Jubiläum. Bei der 50. Ausgabe feiern für zwei Wochen Stars wie Michael Caine (re., neben Festivalchef Hans Hurch), Marina Abramovic oder Patti Smith die Projektion von mehr als 300 Filmen. Im Fernsehen konnte Regisseur David Schalko mit der ausgezeichnet besetzten, in der niederösterreichischen Provinz spielenden Serie "Braunschlag" einen Publikumserfolg landen. Der ORF freut sich über rund eine Million Seher pro Folge. Nicholas Ofczarek (rechts) zeigt an der Seite von Robert Palfrader sein komödiantisches Talent. In dem Satire-Format "Wir Staatskünstler" parodiert der omnipräsente Burgstar Nikolaus Pelinka, Michael Häupl und Angela Merkel. Den Salzburger "Jedermann" übergibt er dafür im nächsten Jahr an Cornelius Obonya. Viel Lärm um eine Watsch'n gibt es im Oktober. Der ORF beendet die Zusammenarbeit mit Sido, dem beliebten Juror bei "Die Große Chance". Der deutsche Rapper war nach Ende der Sendung mit "Chili"-Chef Dominic Heinzl aneinandergeraten. Der Bann hält allerdings nicht lange - nach einem Aushilfseinsatz des Kabarettisten Rudi Roubinek holt der ORF Sido wenige Tage später wieder zurück. Heinzls Societyformat "Chili" hingegen soll mit Jahresende von den ORF-Bildschirmen verschwinden. Ach ja: Die zweite Staffel der "Großen Chance" gewinnt ein Hund - und seine "Dog Dance"-Trainerin. Die schwedische Sängerin Loreen gewinnt am 26. Mai den Eurovision Song Contest. Sie setzt sich mit "Euphoria" gegen ihre 25 Konkurrenten durch, Russland und Serbien landen auf den Plätzen. Die Mühlviertler Rapper Trackshittaz verpassen mit "Woki mit deim Popo" den Einzug ins Finale. Dafür waren sie mit ihrem Dialekt-Text Thema im ORF-Talk "Club 2", der übrigens mit Jahresende eingestellt wird. Thomas Gottschalk startet nach seinem Ausstieg bei "Wetten dass..?" seine mit Spannung erwartete ARD-Show "Gottschalk Live", die allerdings bereits am 7. Juni mangels Einschaltquoten wieder eingestellt wird. Auch Entertainer Harald schmied geriät ins Quotentief. Schließlich talkt er fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit beim Bezahlsender Sky. Nach monatelangem Rätselraten wird im März Markus Lanz als Gottschalk-Nachfolger bei "Wetten, dass..?" bekannt gegeben. Im Oktober feiert der gebürtige Südtiroler seine Premiere in der leicht adaptierten Kultsendung. Durchschnittlich 893.000 Österreicher verfolgen den Einstand. Nach der zweiten Ausgabe lästerte Hollywoodstar und Showgast Tom Hanks über die Sendung. "Wenn das nicht Hochqualitätsfernsehen ist", beschrieb er eine Szene, in der er eine Katzenmütze auf seinem Kopf trug und zugeguckt habe, "wie der Moderator in einem Sack um mich rum hüpft". Die Sängerin Petra Frey und der Tänzer Vadim Garbuzov gewinnen die siebte Staffel der "Dancing Stars". Im Finale setzt sich das Paar im Zuschauervoting gegen Ex-Fußballer Frenkie Schinkels mit Profipartnerin Roswitha Wieland durch. Auf dem Kunstsektor war Gustav Klimt der Jahresregent. Genau zu seinem 150. Geburtstag wird in Kammer am Attersee am 14, Juli ein dem Jugendstilmeister gewidmetes Dokumentationszentrum eröffnet. Das "Klimt-Jahr 2012" wird von unzähligen Ausstellungen, prächtigen Büchern und so manchem Touristen-Kitsch begleitet. Das Bild "Der Schrei" des norwegischen Malers Edvard Munch erzielt am 2. Mai in New York einen Rekorderlös. Das Meisterwerk wird bei Sotheby's für 119,9 Millionen Dollar (91,3 Mio. Euro) verkauft und ist damit das teuerste, jemals bei einer Auktion verkaufte Kunstwerk der Welt. Nach monatelangem Streit um seine Amtsführung tritt Gerald Matt am 23. März als Direktor der Kunsthalle Wien zurück. Im Juni wird der Deutsche Nicolaus Schafhausen zum neuen künstlerischen Leiter ab Oktober gekürt. Im Dezember stellt die Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft das Verfahren gegen Matt ein. Gegen ihn war wegen des Verdachts der versuchten verbotenen Intervention sowie des Verdachts der Untreue ermittelt worden. In Prüfberichten wird der großzügige Vertrag Matts kritisierr, es konnte aber kein unrechtmäßiges Verhalten feststellen werden. Im November gelangt der Rohbericht des Rechnungshofs zum Museum für Angewandte Kunst (MAK) in die Medien, zunächst im KURIER. Darin werden unter anderem manipulierte Besucherzahlen, verschwundene Objekte sowie die umfangreichen Dienstreisen des Ex-Direktors Peter Noevers kritisiert. Noever, der 2011 nach 25-jähriger Amtszeit wegen der Ausrichtung privater Geburtstagsfeiern bzw. falscher Abrechnungen entlassen worden war, teilt mit, dass er die Vorwürfe jederzeit entkräften könne. In Kassel findet die 13. documenta statt. Unter der Leitung von Carolyn Christov-Bakargiev wartet die weltweit wichtigste Schau zeitgenössischer Kunst unter anderem mit Experimenten des österreichischen Physikers Anton Zeilinger, der auch als Berater der Schau fungiert, "Tierkultur" und einem riesigen Baum aus Bronze mit einem Felsbrocken in der Krone auf. Mit 860.000 Besuchern und mehr verkauften Dauerkarten denn je, stellt die 13. documenta Rekorde auf und erzielt auch großteils positiven Kritiken. Künstlergruppen und Agitprop-Aktivistinnen zeigen die Brüchigkeit der Demokratie in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion auf. Weltweit bekannt wurde die russische Band Pussy Riot. Mit einem "Punk-Gebet" in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale prangern sie die Allianz zwischen Kreml und Kirche an. In dem umstrittenen Prozess spricht ein Gericht in Moskau drei Gegnerinnen von Präsident Putin wegen Rowdytums schuldig. Eine Aktivistin wird im Berufungsverfahren auf Bewährung freigelassen, die anderen beiden müssen für zwei Jahre ins Straflager. Zahlreiche internationale Stars fordern "Freiheit für Pussy Riot" - so auch Popstar Madonna. Im Juli gastiert sie mit ihrer knalligen MDNA-Show im Ernst Happel Stadion. Die früheren Pop-Hits sind Heavy Metal-Gewittern gewichen: laut, aggressiv, düster, verstörend. Weitere Großkonzerte in Österreich: Star-DJ David Guetta in der Wiener Krieau, Bruce Springsteen mit neuem Album "Wrecking Ball" im Ernst-Happel-Stadion, US-Megastar Lady Gaga erfreut in der Wiener Stadthalle ihre jungen Fans. Einen besonders emotional bewegenden Auftritt hatte George Michael in Wien: Ein Dreivierteljahr nach seiner lebensbedrohlichen Lungenentzündung tritt der Popstar zweimal in der Wiener Stadthalle auf. Im Publikum finden sich zahlreiche Mitarbeiter des naheliegenden AKH, die vom Briten zum Dank für seine Genesung mit Freikarten bedacht wurden. Das Nova Rock eröffnet Anfang Juni die Sommerfestivalsaison. Bands wie die Toten Hosen, Metallica (Bild) und Billy Talent begeistern in Nickelsdorf drei Tage lang je 50.000 Musikfans. Überschattet wird das Festival von schweren Gewittern, die zu einer Evakuierung des Geländes führen und der Tod eines 24-Jährigen. Erstmals viertägig ist das Frequency-Festival in St. Pölten. Bei hochsommerlichen Temperaturen und Konzerten von The Cure, Korn, Bush oder Tocotronic sorgt einzig der krankheitsbedingte Abbruch des Placebo-Konzerts am zweiten Tag für getrübte Stimmung. Bei den Grammy Awards in Los Angeles räumt die 23-jährige britische Sängerin Adele, die heuer auch den Bond-Titelsong "Skyfall" sang, ab und gewinnt sechs Preise, darunter für die "Platte des Jahres" und das "beste Lied des Jahres". Die zweiten Sieger des Abends sind die Foo Fighters, die fünf Grammophone mit nach Hause nehmen können. Andreas Gabalier und Hubert von Goisern sind die zwei großen Gewinner der nach eineinhalbjähriger Pause wieder vergebenen Amadeus Austrian Music Awards. Zu den dialektfreudigen Preisträgern zählen auch der Holstuonarmusigbigbandclub und die Formation Krautschädl. Der selbsternannte "Volks Rock 'n Roller" Gabalier (Bild) setzt seinen Siegeszug in österreichischen und deutschen Hallen fort und ist 2012 omnipräsent. Zum absoluten Internet-Phänomen wurde das Video zum Dance-Hit "Gangnam Style" des koreanischen Sängers Psy. Seit 21. Dezember ist es das erste Video, dass mehr als eine Milliarde Mal auf Youtube angeklckt worden ist.Bei den MTV Europe Music Awards wurde der Clip mit dem verrückten Pferdetanz zum "Video des Jahres" gewählt. Die Salzburger Osterfestspiele finden zum letzten Mal unter der künstlerischen Leitung von Simon Rattle (Bild) und den Berliner Philharmonikern statt. Für die Veranstaltungen, darunter die Opernpremiere von Bizets "Carmen", werden rund 16.000 Karten verkauft. In der sogenannten "Osterfestspiel-Affäre" wird im Dezember gegen drei der Beschuldigten Anklage erhoben - wegen des Verdachts der Untreue und wegen des Verdachts des gewerbsmäßigen schweren Betrugs. Die Wiener Festwochen verzeichnen eine Rekordauslastung von 96,9 Prozent bei 51.838 verkauften Karten. Zu den Höhepunkten zählen Gastspiele des Theatre du Soleil, des Regisseurs Simon McBurney und der Schauspielerin Cate Blanchett (Bild). Shermin Langhoff legt "aus familiären Gründen" das Engagement als stellvertretende Intendantin zurück. Sie hätte ab 2014 neben Intendant Markus Hinterhäuser als Chefkuratorin fungieren sollen. Im August wird die renommierte belgische Festivalmacherin Frie Leysen zur künftigen Schauspieldirektorin designiert. Die 92. Salzburger Festspiele sind die bisher längsten in ihrer Geschichte. Die Zuschauer-Gesamtzahl von fast 279.000 bedeutet absoluten Rekord. Die Auslastung sinkt jedoch um fünf auf 90 Prozent. Als künstlerisch herausragend gelten die Zimmermann-Oper "Die Soldaten" sowie eine Neufassung der "Ariadne auf Naxos" durch Sven-Eric Bechtolf (im Bild neben Helga Rabl-Stadler), der allerdings von der Presse für sein Schauspielprogramm noch mehr gescholten wird als der neue Intendant Alexander Pereira. "Ich fühle mich mehr geohrfeigt als ich es verdient habe", zieht Pereira Bilanz. Nachdem es beim abschließenden Festspielball zu einem Eklat mit dem polternden Schauspieler Ben Becker kam, gibt es im Herbst noch einmal Brösel: Franz Welser-Möst legt seine Operndirigate bei den Salzburger Festspielen zurück. Er hätte einen dreijährigen Mozart-Da Ponte-Zyklus dirigieren sollen. Als Grund für seinen Rücktritt nennt er die schlechten Aufführungskonditionen für die Sänger mit zu wenigen Pausen zwischen den Vorstellungen. Intendant Pereira, bedauert die Entscheidung, findet aber mit Christoph Eschenbach bereits drei Tage später Ersatz. Die 101. Richard-Wagner-Festspiele in Bayreuth beginnen mit einem Eklat: Evgeny Nikitin, als Sänger für die Titelpartie in der Oper "Der Fliegende Holländer" vorgesehen, muss auf Druck der Festspielleitung seine Auftritte kurzfristig wegen des Tragens von Nazi-Tattoos absagen und wird ersetzt. Der dominierende Künstler dieser Saison ist einmal mehr Christian Thielemann, der neben dem "Holländer" auch den "Tannhäuser" dirigiert. Aber alles wartet schon gespannt auf den "Jubiläums-Ring" zum 200. Geburtstag von Richard Wagner 2013, den Frank Castorf inszenieren wird. Auch bei seiner letzte Premiere als Intendant der Seefestspiele Mörbisch bleibt Harald Serafin der Regen nicht erspart. Das Publikum zeigte sich von Helmuth Lohners "Fledermaus"-Inszenierung dennoch begeistert. Insgesamt zählen die Festspiele in der 20. und letzten Saison Serafins 139.000 Operetten-Fans. Ab 2013 leitet die Sängerin Dagmar Schellenberger die Geschicke des Festivals. Die Eröffnungspremiere der 67. Bregenzer Festspiele gilt der Uraufführung der Auftragsoper "Solaris" des deutschen Komponisten Detlev Glanert. Bis 18. August werden rund 147.000 Besucher gezählt, rund 20.000 weniger als im Vorjahr. Die Reprise der Revolutionsoper "Andre Chenier" auf der Seebühne bringt es nur auf 74 Prozent Auslastung. Die Grazer Opernintendantin Elisabeth Sobotka (46) wird zur Nachfolgerin von Intendant David Pountney (BIld, li.) bestimmt. Nachfolger von Günter Rhomberg (re.) als Festspielpräsident wird der Vorarlberger Unternehmer Hans-Peter Metzler. Aufgrund "unüberbrückbarer Auffassungsunterschiede über die künstlerische Ausgestaltung und Umsetzung des Programms" hatten die Bregenzer Festspiele ihre Zusammenarbeit mit Roland Geyer beendet, noch bevor sie begonnen hat. Dieser hätte 2015 nach Vorarlberg wechseln sollen und bis 2016 parallel dazu das Theater an der Wien betreut. Nun bleibt er bis 2018 Intendant an der Wien, wo es dieses Jahr zu Unstimmigkeiten mit Hollywood-Regisseur William Friedkin kam, der bei der Adaption seiner Inszenierung von "Hoffmanns Erzählungen" seinen Namen zurückzog. In einer Gala im Wiener Museumsquartier werden die Nestroy-Preise verliehen. Als beste Schauspielerin wird Dörte Lyssewski (Bild) ausgezeichnet, bester Schauspieler ist Joachim Meyerhoff (re.). Der Preis für beste Regie geht an Stephanie Mohr. Den Nestroy für sein Lebenswerk erhält Karlheinz Hackl. Mit dem Nestroy-Spezialpreis wird die Wiener Mittelbühne Garage X ausgezeichnet. Daniel Kehlmann (li.) bekam den Dramatikerpreis für "Geister in Princeton". Das im Schauspielhaus Graz uraufgeführte Stück wurde auch zur besten Bundesländeraufführung gekürt. Günter Grass übt in dem in mehreren Zeitungen veröffentlichten Gedicht "Was gesagt werden muss" heftige Kritik an der Politik Israels und löst damit eine internationale Welle der Empörung aus. Israel verhängt über den Literaturnobelpreisträger ein Einreiseverbot. Der chinesische Autor Mo Yan erhält den Literaturnobelpreis 2012. Der 57-jährige Bauernsohn setzt sich in seinen Werken meist mit dem harten Landleben auseinander. Dennoch wird die Entscheidung des Stockholmer Komitees von einigen Beobachtern wegen zu großer Staatsnähe des Dichters als Kotau vor den Machthabern in Peking kritisiert. Die Frankfurter Buchmesse öffnet mit 7.300 Ausstellern aus mehr als 100 Ländern ihre Tore, darunter mit 139 Verlagen aus Österreich. Am Ende steht - nicht zuletzt dank medienwirksamer Auftritte wie dem von Arnold Schwarzenegger - ein kleines Plus von 0,6 Prozent auf 282.000 Besucher. Gastland 2012 ist Neuseeland (Bild). Ursula Krechel gewinnt den Deutschen Buchpreis für ihren im Salzburger Verlag Jung und Jung erschienenen Roman "Landgericht". Der 29-jährige Grazer Autor Clemens J. Setz schafft es bereits zum zweiten Mal auf die Shortlist. Fünf Jahre nach dem letzten "Harry Potter"-Band erscheint unter großem Rummel der erste Erwachsenenroman der britischen Bestsellerautorin Joanne K. Rowling. Bis zum Erscheinungstermin blieb das Werk "Ein plötzlicher Todesfall" ("The Casual Vacancy") absolute Verschlusssache. Rowlings Roman verkauft sich aber weit nicht so gut wie "Harry Potter". Zum weltweiten Bestseller-Phänomen werden hingegen die Softporno-Bücher "Shades Of Grey" der Senkrechtstarterin E L James. Folgende Künstler haben die Bühne für immer verlassen: Jazz-Legende Dave Brubeck (91), Architekt Oscar Niemeyer (104), Moderator Dirk Bach (51), Sitar-Guru Ravi Shankar (92), Kabarettistin Cissy Kraner (94), Literatur-Nobelpreisträgerin Wislawa Szymborska (88), Kammersänger Heinz Holecek (74), "Beastie Boy" Adam Yauch (47), "Mundl"-Autor Ernst Hinterberger (80), "Bee Gee" Robin Gibb (62), SciFi-Autor Ray Bradbury (91), Komponist Hans Werner Henze (86), "Dallas"-Star Larry Hagman (81). Weltweite Bestürzung löste im Februar der frühe Tod der Souldiva Whitney Houston (48) aus.
Sängerinnen

Bartoli, Petersen und Netrebko

Anna Netrebko begeistert derzeit wieder das Publikum
Foto: AP

Platz 1: Cecilia Bartoli

Die römische Mezzosopranistin und Chefin der Pfingstfestspiele begeisterte als Cleopatra in Händels „Giulio Cesare“ in Salzburg, brachte mit „Mission“ eine großartige Barock-CD heraus und ist auf der Bühne ein absolutes Energiebündel.

Platz 2: Marlis Petersen

Die deutsche Sopranistin zählt zu den aufregendsten Singschauspielerinnen der Gegenwart. Im Theater an der Wien sang und gestaltete sie alle drei Frauenrollen in Offenbachs „Hoffmanns Erzählungen“ – das können in dieser Perfektion nur die ganz Großen. 2013 singt Petersen endlich an der Wiener Staatsoper auch Giuseppe Verdis „La Traviata“; im Theater an der Wien wird sie in Mozarts „Idomeneo“ zu erleben sein. Man darf sich auf jeden weiteren Auftritt dieser Künstlerin freuen.

Platz 3: Anna Netrebko

Ja, sie ist und bleibt die Primadonna Nummer 1 der Klassikwelt. Nicht nur, was den Glamourfaktor angeht. Anna Netrebko war bei den Salzburger Festspielen eine überragende Mimì (trotz einer mäßigen Inszenierung) in Giacomo Puccinis „La Bohème“. Konzertant durfte man die Sopranistin immerhin als Tschaikowskys „Iolanta“ erleben. 2013 singt Netrebko an der Wiener Staatsoper Tatjana in Tschaikowskys „Eugen Onegin“ und in Salzburg die Titelpartie in Verdis „Giovanna d’Arco“.

Sänger

Kaufmann, Beczala und Pape

SALZBURGER FESTSPIELE 2012: FOTOPROBE "ARIADNE AUF
Foto: APA/BARBARA GINDL

Platz 1: Jonas Kaufmann

Der deutsche Tenor vereint wie kein zweiter das heldische Fach mit dem lyrischen und auch dem italienischen. Er begeisterte in Salzburg in „Ariadne auf Naxos“, „Carmen“ und als Einspringer in „La Bohème“ sowie an der Scala als Lohengrin.

Platz 2: Piotr Beczala

Vom Linzer Landestheater in den Opern-Olymp: Der polnische Tenor Piotr Beczala setzt in vielen Partien Maßstäbe. So auch als Rodolfo in Puccinis „La Bohème“ – eine Partie, mit der Beczala bei den Salzburger Festspielen und an der Wiener Staatsoper brillierte. Dass sich Beczala auch für Operette einsetzt, ehrt den großartigen Künstler sehr. 2013 kommt ein Richard-Tauber-Album; im Haus am Ring ist Beczala als Rodolfo und als Gounods „Roméo“ zu erleben. 2014 singt er in Wien den Hoffmann (Offenbach).

Platz 3: René Pape

Egal, ob als tragisch-getriebener Philipp II. in Verdis „Don Carlo“ oder als wahrhaft majestätischer König Heinrich in Richard Wagners „Lohengrin“ – der Bassist macht vokal wie darstellerisch stets gute Figur. Denn René Pape zählt schon längst zu den besten Sängern seiner Generation, beeindruckt in all seinen Partien. Am Ring als Philipp II.; an der Mailander Scala zuletzt als König Heinrich. Dieser Sänger steht in der Tradition der ganz Großen wie Nicolai Ghiaurov oder auch Thomas Quasthoff.

Dirigenten

Thielemann, Jansons und Welser-Möst

Christian Thielemann uebernimmt "Tannhaeuser"-Diri
Foto: AP/Kerstin Joensson

Platz 1: Christian Thielemann

Er hat die Salzburger Osterfestspiele künstlerisch gerettet, ein fabelhaftes Buch über Wagner geschrieben und die Sächsische Staatskapelle Dresden als Chef übernommen. Wenn Thielemann dirigiert, wird das Außergewöhnliche Realität.

Platz 2: Mariss Jansons

Am 14. Jänner feiert der charismatische Lette seinen 70. Geburtstag, natürlich auch in Wien. Als Chef des Amsterdamer Concertgebouw und des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks setzt Mariss Jansons Maßstäbe. Und natürlich auch am Pult der Wiener Philharmoniker – sein Neujahrskonzert 2012 wird in Erinnerung bleiben.

Platz 3: Franz Welser-Möst

Er war 2012 omnipräsent. Franz Welser-Möst nimmt sein Amt als Generalmusikdirektor der Wiener Staatsoper ernst und dirigiert im Haus am Ring nicht nur Premieren, sondern auch Repertoire-Vorstellungen. Viele davon auf höchstem Niveau. 2013 leitet der Chef des Cleveland Orchestra zum zweiten Mal das Neujahrskonzert.

Solisten

Buchbinder, Kovác und Grimaud

Anna Netrebko begeistert derzeit wieder das Publikum
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Platz 1: Rudolf Buchbinder

Ob als Solist, Kammermusiker oder mit Orchester – der Ausnahmepianist sorgte wieder für unzählige Sternstunden. In Wien, bei den Salzburger Festspielen und in Grafenegg. Also bei jenem Festival, das Rudolf Buchbinder so exzellent leitet.

Platz 2: Tibor Kovác

Als Mitglied der Wiener Philharmoniker und des Staatsopernorchesters ist der Geiger für viele großartige Erlebnisse quasi mitverantwortlich. Als Mastermind des Ensembles The Philharmonics aber setzt Tibor Kovác zusätzliche Akzente. Diese sensationelle Truppe kann alles und spielt alles – jedes Konzert erreicht Kultstatus, auch dank Kovác.

Platz 3: Hélène Grimaud

Sicher: Die französische Pianistin polarisiert. Und das ist auch gut so. Denn Hélène Grimaud sucht in der Musik stets das Absolute. Unbeirrbar und kompromisslos geht Grimaud ihren künstlerischen Weg. Das Ergebnis sind oft Sternstunden, die ganz neue Sichtweisen auf scheinbar Bekanntes eröffnen. Eine Künstlerin von Weltformat.

Filme

Cronenberg, Bonello und Gombes

SALZBURGER FESTSPIELE 2012: FOTOPROBE "ARIADNE AUF
Foto: APA/BARBARA GINDL

Platz 1: David Cronenberg:  "Cosmopolis"

Der kühnste Film des Jahres: David Cronenberg setzt sich mit Robert Pattinson als bleichem Vampir des Kapitalismus auf die Hinterbank einer Limousine und steigt lange nicht aus. Draußen tobt die Weltwirtschaftskrise. Rares radikales Kino. Zur Kritik.

Platz 2: Bertrand Bonello: "Haus der Sünde"

Man badet in Blut und Sekt: ein Sittengemälde, das Bertrand Bonello so wunderbar wie virtuos skizziert. Ein Pariser Nobelbordell um die Jahrhundertwende als Ort der Verführung, an dem sich Mächtige mit Ohnmächtigen vergnügen; an dem parfümierte Lügen auf blutige Wahrheiten treffen. Der Film folgt keiner klassischen Dramaturgie, es ist ein komponiertes Mosaik und eine Parabel auf das Kino zugleich. Zum Interview mit dem Regisseur

Platz 3: Miguel Gombes: "Tabu"

Ein echtes Kino-Kunststück des Jahres: Einer Geschichte des Alterns in der Gegenwart von Lissabon folgt die zugehörige Geschichte der Jugend im kolonialen Afrika. Am Ende steht ein Liebesdrama, eine Dreiecksgeschichte in schwarz-weißen Bildern, betörend schön. Miguel Gomes’ preisgekrönter Film ist großer Popsong und kleine Sinfonie, Melodram und Abenteuerfilm und pure Poesie. Zur Kritik inklusive Trailer und Interview mit dem Regisseur.

Pop-CDs

Soap & Skin, The xx und Alex Clare

Christian Thielemann uebernimmt "Tannhaeuser"-Diri
Foto: AP/Kerstin Joensson

Platz 1: Soap & Skin „Narrow“

Mit der zweiten CD hat die Steirerin Anja Plaschg den Tod ihres Vaters verarbeitet, macht die Verzweiflung, Lähmung und Not, die sie danach empfand, körperlich spürbar. So, dass es fast weh tut. Und fasziniert wie sonst nichts in diesem Jahr. Zur Kritik

Platz 2: The xx „Coexist“

Noch ein zweites Album, noch ein intensives. Das britische Trio The xx bleibt damit auf den Spuren der Sounds des drei Millionen Mal verkauften Debüts von 2009. Die minimalistische Gitarre von Sängerin Romy Madley Croft verschmilzt mit dem zarten Bass von Oliver Sim und raffiniert gesetzten Sound-Akzenten und Percussion-Beats von Produzent Jamie Smith. So muss Pop anno 2012 klingen.

Platz 3: Alex Clare „Lateness Of The Hour“

Mit „Too Close“ rangierte der Newcomer aus England wochenlang in den Austria-Top-40. Doch auch der Rest seines Debütalbums „The Lateness Of The Hour“ ist hörenswert. Denn der Ex-Freund von Amy Winehouse hat mit einer Symbiose aus Dubstep-Verfremdungen, Gitarren, Klavier und souligem Gesang einen innovativen Sound kreiert, der aber niemals Song und Melodie übertrumpft.

Ausstellungen

Albertina, mumok, Neue Galerie Graz

Anna Netrebko begeistert derzeit wieder das Publikum
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Platz 1: Maximilian I. und die Dürerzeit

Albertina: Das Musterbeispiel einer musealen Zeitreise: 500 Jahre alte Werke, allen voran der „Triumphzug“, wurden hervorragend restauriert und präsentiert und machen Geschichte auf einzigartige Weise lebendig. Noch bis 6.1.2013.

Bilder der Ausstellung:

Ein Triumphzug in der Albertina: Die Schau "Kaiser Maximilian I. und die Kunst der Dürerzeit" trägt zwar Dürer im Titel, im Zentrum steht aber ein anderes Werk - Albrecht Altdorfers Triumphzug. Egal ob verloren oder gewonnen - Kaiser Maximilian ließ alle seine Schlachten als Siege malen. Und sich, wie hier, von Albrecht Dürer porträtieren. Ein Triumphzug, der nie stattgefunden hat, in einem Wagen, den es nie gab. Ein Detail aus Albrecht Altdorfers Triumphzug, der im Zentrum der Albertina-Schau steht: nach dreijähriger Restaurierung ist erstmals der ursprünglich 100 Meter lange Pergament-Fries im verbliebenen Ganzen zu sehen, also jene 54 Meter, die nicht verschollen sind. Hier zu sehen: "Die deutschen Fürsten", ebenfalls als dem Altdorfer-Triumphzug. An einem roten Vorhang entlanggezogen, ist das Werk der optische Höhepunkt der Schau. Zur Selbstinzenierung gehören natürlich auch Familienporträts, hier eines von Bernhard Strigel. Dürer ist - selbstredend - mit zahlreichen Werken in der Ausstellung vertreten, darunter ein Reiter... ... und ein Helmvisier-Entwurf für einen Silberharnisch Kaiser Maximilians I. Von Hans Burgkmair d. Ä. wird der "Verkünder des Triumphes aus dem Triumphzug Kaiser Maximilians I." gezeigt. Im Tod dann eine letzte mediale Inszenierung Maximilians als Büßer: Er verfügte, dass sein Leichnam - nach dem Reißen aller Zähne - ausgepeitscht werden solle, um Gott als einfacher Mensch entgegentreten zu können.

Platz 2: Claes Oldenburg: The Sixties

mumok.Das Frühwerk des US-Künstlers, von den Kuratoren des Wiener Museums hervorragend aufbereitet, bot einen neuen Blick auf die scheinbar so glatte Pop-Art: Bei Oldenburg wurde mit den Symbolen des Konsums gekleistert und gematscht, das Populäre wurde dreckig – und anziehend. Dass die Schau vom New Yorker MoMA übernommen wurde, unterstreicht die Qualität der geleisteten Arbeit.

Platz 3: Lassnig: Der Ort der Bilder

Neue Galerie Graz: Eine so ausführliche und aufschlussreiche Würdigung des Werks von Maria Lassnig suchte man in Wiens Kunsttempeln bis zuletzt vergebens: In der Zusammenschau von teils unbekannten Werken seit den 1940er-Jahren wird die unglaubliche Beharrlichkeit deutlich, mit der die Malerin und Kurzfilm-Macherin bildnerische Ideen fand, verfeinerte und ausformulierte. Noch bis 28.4.2013.

Bilder der Ausstellung:

Sciencia (1998) Auge in Gefahr (1993) Be-ziehungen I (1992) Große Knödelkonfiguration (1960/61) Körperteilung (1960) Selbstporträt als Ungeheuer (1964) Selbstporträt mit Stab (1971) Dreifaches Selbstporträt (New York, 1972) Harte und weiche Maschine (1988) Kleines Science Fiction-Selbstporträt (1995) Zwei Arten zu sein (Doppelselbstporträt - 2000)

Autoren

Ransmayr, Seethaler und Setz.

AUSZEICHNUNG AN CHRISTOPH RANSMAYR
Foto: APA/Roland Schlager

Platz 1: Christoph Ransmayr

Erscheint ein Buch des Welsers, ist es immer ein Ereignis. Heuer legte er den „Atlas eines ängstlichen Mannes“ vor, aus dem sich die Welt mitsamt dem ganzen Leben erhebt. Ransmayr geht und denkt, auf den Osterinseln, in China, am Himalaja ...

Platz 2: Robert Seethaler

Bitte nicht stören. Der in Berlin lebende Wiener Robert Seethaler, ein bescheidener, großer Erzähler vom Jahrgang 1966, hat heuer eine Gefühlsgeschichte vorgelegt, die den Bauch wärmt und im Kopf klopft. „Der Trafikant“ heißt sie und spielt in Wien 1938. Der Franzl kommt vom Land und lernt Sigmund Freud kennen. Der 17-Jährige und der 81-Jährige reden über die Liebe. Das verdient ganz viele Leser.

Platz 3: Clemens J. Setz

Zwar gab es heuer – ausnahmsweise – keinen großen Literaturpreis für den 30-jährigen Grazer. Doch stellte er mit dem Roman „Indigo“ ein Rätsel, das man nicht vollständig lösen muss, ja gar nicht lösen soll, weil das Rätsel selbst das Beste ist. Kinder machen krank, Männer gehen nur schnell Zigaretten holen und gelangen in eine unterirdische Welt, Tiere werden gefoltert ... Setz war noch nie so wild und so gut.

Theaterwelt

Die besten Schauspieler, Bühnen und Off-Theater

Christian Thielemann uebernimmt "Tannhaeuser"-Diri
Foto: AP/Kerstin Joensson

Ein bemerkenswertes Theaterjahr geht zu Ende. An den großen Wiener Bühnen, aber auch in den Bundesländern und in der Off-Szene gab es bis zuletzt spektakuläre, kluge Inszenierungen in großer Zahl. In einer Branche, in der das Geld – wie überall – immer weniger wird, ist nach wie vor ein großes Potenzial an Kreativität vorhanden, und auch die Besucherzahlen sind allerorts erfreulich.

Der KURIER wählte – auch heuer wieder streng subjektiv – die besten Schauspieler und Schauspielerinnen, die besten Regisseure und Regisseurinnen, die besten Theater und die besten Off-Bühnen. Was für die eingangs aufgestellte These spricht: Die Wahl fiel so schwer wie schon lange nicht.  Denn es gäbe auch andere Theatermacher, die spannende Arbeiten ablieferten. So blieb die Suche nach Außergewöhnlichem. Sei’s eine Bühnen-Newcomerin, die die Kolleginnen glatt an die Wand spielte, oder ein Theater, das sich traute, drei Monate lang nur ein Stück zu bringen. Unsere Hoffnung: Dass Ende 2013 die Wahl wieder so schwer fällt. 

Schauspieler(innen)

Christiane von Poelnitz (links) und Catrin Striebeck.

Anna Netrebko begeistert derzeit wieder das Publikum
Foto: AP

Platz 1: Christiane von Poelnitz

REUTERSActors Christiane von Poelnitz (L) and Adina Vetter perform on stage during a dress rehearsal of Hugo von Hofmannsthals play "Era" at  at Burgtheater in Vienna October 22,2. Tlay lay is directed by Michaichael Thalhammer and will premiere on Octobe Foto: REUTERS Christiane von Poelnitz (rechts) und Adina Vetter. "Handwerk und harte Arbeit“, so definiert die Burgschauspielrin ihren Beruf. Wer sie auf der Bühne sieht, weiß, dass sie sich nichts schenkt. Wie zuletzt als „Elektra“, unterstützt von den kongenialen Catrin Striebeck und Adina Vetter.

Platz 2: Johannes Krisch

Er ist in Nebenrollen verlässliche Stütze jeder Burg-Produktion. Er schmückt jede Film-Besetzungsliste. Und auch in niveauvollen Fernseh-Produktionen macht er sich prächtig. Wie außergewöhnlich gut dieser Schauspieler aber sein kann, das zeigte er zuletzt in „Der Alpenkönig und der Menschenfeind“ am Burgtheater. Als Alpenkönig ist er ein packender, unheimlicher, wilder Erdgeist, in den Verwechslungsszenen sehr komisch, obendrein singt er auch noch fantastisch. Mehr davon!

Platz 3: Jessica Schwarz

schwarz_ap.jpg Foto: ap

 Man kennt sie aus Film und Fernsehen, als Tony Buddenbrook oder als Romy Schneider. Diesen Dezember gab Jessica Schwarz ihr Bühnendebüt. Am Landestheater Niederösterreich spielte sie in der Krimikomödie „Acht Frauen“ das sexy Kammerkätzchen Louise – auf Augenhöhe mit ihren langgedienten Theaterkolleginnen. Denen streute Schwarz im KURIER-Interview Rosen: „Ich gestehe, ich hatte Angst, live vor Publikum aufzutreten, aber ich werde von allen toll unterstützt.“

Regisseur(Innen)

Platz 1: Stefan Bachmann

Dass Theater eine Extremsportart ist, bewies der Schweizer mit seiner Inszenierung von Elfriede Jelineks „Winterreise“ am Akademietheater. Auf 45 steiler Bühne rodelten die Schauspieler durch die Textmassen. Bravo fürs Bravourstück!

Platz 2: Alexandra Liedtke

Die aus Dortmund stammende Regisseurin hatte in Wien keinen leichten Einstand – immer wieder wurde ihr unterstellt, sie profitiere beruflich von ihrer Ehe mit Burgchef Matthias Hartmann. Vergessen wurde dabei, dass Liedtke seit Jahren an bedeutenden Bühnen in Deutschland erfolgreich arbeitet. Spätestens mit ihren Josefstadt-Inszenierungen von „Blackbird“ und „Hedda Gabler“ ist auch in Wien klar: Hier arbeitet eine hervorragende, sehr uneitel und klar inszenierende Regisseurin.

Platz 3: Michael Thalheimer

Der aus Frankfurt stammende, vor allem in Berlin tätige Regisseur debütierte 2011 mit Brechts „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ an der Burg – und fiel sofort mit seinem kraftvollen Stil auf. Seine Inszenierung von Hugo von Hofmannsthals „Elektra“ am Burgtheater ist eines der Top-Ereignisse dieser Saison: Zur Gänze in einer schmalen Spalte im Bühnenbild (Olaf Altmann) spielend, artifiziell, radikal gekürzt, gnadenlos intensiv – wunderbar unterstützt von der Musik von Soap & Skin.

Häuser

Platz 1: Burgtheater

Ja, es ist unfair – welches Theater verfügt über vergleichbare Ressourcen? Aber die Wahrheit ist: Matthias Hartmanns Burgtheater bliebt konkurrenzlos. Neue Glanzleistungen: „Alpenkönig“, „Kassandra“, „Onkel Wanja“...

Platz 2: Schauspielhaus Graz

Seit Jahren macht Intendantin Anna Badora spannendes Theater, holt Stars ans Haus und baut ein gutes Ensemble auf. Theater sei gerade in der Krise unverzichtbar und für sie eine Sache des Herzens, so Badora. Deshalb bringt sie das Publikum zum Nachdenken („Hakoah Wien“) und Lachen („Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs“).

Platz 3: Schauspielhaus Wien

Na, der traut sich was. Schauspielhaus-Chef Andreas Beck zeigt von Saisonbeginn bis Jahresende ein Stück. Das dafür in vier Teilen: „Der seidene Schuh“ von Paul Claudel, eine Herzschmerz-Abenteuerstory zur Zeit des spanischen Königs Philipp II. Ein Spektakel mit 70 Rollen. Das Ergebnis: hinreißend. Das Ensemble: wie immer top.

Off-Bühnen

Platz 1: TAG

Das Theater in der Gumpendorfer Straße ist die interessanteste Off-Bühne Wiens: Schräge, kluge, spannende, immer nahe am Publikum gebaute Produktionen (allen voran Gernot Plass’ Klassiker-Überschreibungen), und das fast ohne Geld.

Platz 2: Theater Nestroyhof Hamakom

Der Jugendstilsaal im zweiten Wiener Bezirk, 1938 von den Nazis geschlossen, dann ein Supermarktlager, ist ein Kleinod. Hausherr Frederic Lion setzt auf ambitionierte Produktionen, die mit der Geschichte des Orts zu tun haben. Etwa „Ich und Ich“ von Else Lasker-Schüler“ oder „Wir sind die neuen Juden“ mit Hubsi Kramar.

Platz 3: Theater zum Fürchten

Der Name ist nicht Programm. Denn Bruno Max macht sowohl im Stadttheater Mödling als auch in der Scala auf der Wieden (und im Sommer im Mödlinger Luftschutzbunker) Theater, das Freude macht. Nicht zu konventionell, nicht zu experimentell. In der Mitte liegt Max’ Glück. Derzeit mit der Satire „Der Selbstmörder“.

Info: Den zweiten Teil der Bestenliste lesen Sie an dieser Stelle am Freitag.

(KURIER) Erstellt am

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