Zur mobilen Ansicht wechseln »
KURIER
„Der Himmel in den Fenstern ergraute jetzt vollends, ein Licht wie Zementwasser, grau und immer grauer. In einer halben Stunde muss man die Lampe einschalten, dachte Alfred. Und Sally dachte ganz etwas anderes, einer wusste es nicht vom anderen.“ - Arno G - Foto: Kurier

Letztes Update am 15.02.2012, 16:35

Alles über Sally - Von Arno Geiger. Wechselnden Stile – lakonisch, witzig und kunstvoll. Arno Geiger findet eine mitreißende Wortmagie für ein Paar in den Fünfzigern, die gerade in ihrer Vielfalt lebendig sind und treffen.

Sally und Alfred sind ein ganz normales Paar, zusammengeschmiedet durch fünfundzwanzig Ehejahre: drei Kinder, abgesicherte Akademikerberufe, Alfred Ende und Sally Anfang Fünfzig. Er ein ewig Tagebuch schreibender Museumsangestellter mit Stützstrümpfen gegen seine Krampfadern an den Beinen, sie eine hart an der Desillusionierung kreuzende Lehrerin, die ihr eigenes Leben und ihre „Midlife-Crisis“ mit wachsendem Abscheu betrachtet. Sallys Affäre mit Alfreds bestem Freund ist vorhersehbar, der Ehealltag erstickend und banal. Denkt man. Fürchtet man.

Aber dann dreht Arno Geiger auf, lässt nicht so sehr die Geschichte auf Touren kommen, sondern seine Sprache. So alltäglich diese Partnerschaft auch sein mag, so wirbelnd mitreißend ist die Wortmagie des Autors. Geiger bleibt neutral, kommentiert und verurteilt nicht. Er beschreibt, schreibt „Alles über Sally“, ihre Sehnsüchte, Träume und Wünsche. Arno Geiger schreibt in wechselnden Stilen – lakonisch, witzig und kunstvoll. Er findet tatsächlich Worte für dieses Paar in den Fünfzigern, die gerade in ihrer Vielfalt lebendig sind und treffen. Der gebürtige Vorarlberger und seit 1993 Wahlwiener nutzt eine Stilpalette, die von „Anna Karenina“ bis zum „Ulysses“ führt, und seine Farben leuchten erstaunlich stark.

„Alles über Sally“ – 2010 im Carl Hanser Verlag veröffentlicht – beginnt am Ende eines Urlaubs: Das Paar erhält die Nachricht von einem Einbruch zu Hause, missmutig brechen sie ihre Ferien ab, schockiert kehren sie heim in ihr Haus in der Wiener Vorstadt. Diese Irritation verarbeiten beide unterschiedlich: Sally sieht in der Verwüstung das Zeichen für einen Aufbruch und beginnt eine Liebschaft. Alfred dagegen zieht sich noch mehr zurück. Als er entdecken muss, dass seine alten Tagebücher besudelt wurden, schreibt er die beschmierten Blätter neu. Ein raffinierter Kunstgriff Geigers, der auf diese Art in das exotische Kairo der Siebziger Jahre führt, wo Sally und Alfred sich kennenlernten: eine spannende Passage, ein großartiger Schreibtrick für diese Rückblende. Das vorletzte Kapitel lässt den Tagebuchschreiber dann in einem vierzig Seiten langen Satz sein Denken kundtun, ein an James Joyce geschulter Monolog, ein Stilbruch, der fragen lässt: Darf der das?

Kurier
Johanna Rachinger - Foto: Kurier

Arno Geiger darf, kunst- und reizvoll passen die unterschiedlichen Schreibvarianten zusammen, der Roman wirkt auf erstaunliche Weise einheitlich. Der Autor versucht sich an einem großen Ehedrama unserer Zeit und – es gelingt ihm. Die Irrungen und Wirrungen von Sally und Alfred, ihre unterschiedlichen Ängste und Sehnsüchte, sie werden von Geiger so behutsam wie gekonnt porträtiert. Hoch ist ihm auch anzurechnen, dass er am Ende nicht ins Drama abgleitet, das einem Roman des 19. Jahrhunderts eher entsprechen würde. Im Gegenteil: „Alles über Sally“ ist ein Plädoyer für die Treue, für gegenseitiges Verständnis und Vertrauen, eine Fürsprache des Miteinanderlebens.

Arno Geiger, Jahrgang 1968, nahm nicht nur zwei Mal am Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt teil, sondern gewann 2005 mit „Es geht uns gut“ den erstmals ausgeschriebenen Deutschen Buchpreis auf der Frankfurter Buchmesse. Fünf Jahre hat er sich Zeit gelassen, bis 2010 sein nächster Roman „Alles über Sally“ erschien – das Warten hat sich gelohnt.

(KURIER/Johanna Rachinger) Erstellt am 15.02.2012, 12:57

Stichworte:


Diskussion

Kommentare aktualisieren