Letztes Update am 27.04.2012, 08:19
7. Berlin Biennale: Kunst mit Anarcho-Image.
Die 7. Ausgabe der Berlin Biennale geht von 27. April bis 1. Juli über die Bühne. Kurator Zmijewski will dem "Teufelskreis der kreativen Ohnmacht" den Kampf ansagen.
Ende April wird die Bundeshauptstadt wieder zur Bühne für zeitgenössische Kunst aus aller Welt. Die 7. Auflage der renommierten Berlin Biennale (27.4. bis 1.7.) verspricht so politisch zu werden wie bisher keine der für ihre Widerborstigkeit bekannten Kunstschauen: ...
... Der polnische Kurator Artur Zmijewski hat dem "Teufelskreis der kreativen Ohnmacht" den Kampf angesagt. "Wir haben nach einer Kunst gesucht, die in effektiven Veränderungsprozessen handelt und so bleibenden Einfluss auf die Realität hat", sagt der 46-jährige Künstler.
Die Kulturstiftung des Bundes trägt mit 2,5 Millionen Euro erneut den Löwenanteil der Kosten und unterstreicht damit den Leuchtturmcharakter der Kunstschau, die alle zwei Jahre vom Berliner KW Institute for Contemporary Art organisiert wird.
"Die Berlin Biennale ist eine der wichtigsten Biennalen weltweit und in Deutschland ein einzigartiges Forum für junge Künstlerinnen und Künstler", sagt Stiftungsdirektorin Hortensia Völckers.
Schon lange vor Beginn sorgte eine Sammelaktion des umstrittenen Buches "Deutschland schafft sich ab" von Ex-Bundesbanker Thilo Sarrazin für politischen Wirbel.
Der tschechische Künstler Martin Zet hatte im Jänner angekündigt, die von ihm gesammelten Exemplare des Buches während des Festivals zu einer Installation zu verarbeiten - zu "recyceln", wie es anfangs hieß.
Obwohl Kritiker sich an die Bücherverbrennungen der Nazis erinnert fühlten, hält Zet an seiner Aktion fest. Statt der erhofften 60.000 Exemplare sind bisher allerdings weniger als zehn Bücher bei ihm eingegangen.
Neben Migrationsfragen wie etwa in Sarrazins Buch geht es den Ausstellungsmachern vor allem um antidemokratische Entwicklungen in Osteuropa und den Umbruchprozess im Nahen Osten.
Zmijewski hat gemeinsam mit seiner Co-Kuratorin Joanna Warsza mehr als 50 Projekte aus zwei Dutzend Ländern geladen, die sich mit diesen Herausforderungen künstlerisch auseinandersetzen.
"Wir holen nicht einzelne Kunstwerke nach Berlin, sondern jedes Projekt ist ein Prozess, der aus einem konkreten Kontext stammt und sich während der Biennale entwickelt", sagt Warsza, die als Gründerin der polnischen Laura-Palmer-Stiftung mit performativer Kunst Erfahrung hat.
Beispiel in Berlin ist etwa die israelisch-niederländische Künstlerin Yael Bartana, die eine Bewegung zur Rückkehr von mehr als drei Millionen Juden nach Polen gegründet hat. Ihre Organisation Jewish Renaissance Movement in Poland kommt bei der Biennale zu ihrem ersten politischen Kongress zusammen.
Gleichzeitig stellt der Palästinenser Khaled Jarrar seine Passstempel-Aktion für den nicht-existierenden Staat Palästina vor.
Die Bewohner des palästinensischen Flüchtlingslagers Aida präsentieren einen neun Meter langen und eine Tonne schweren Schlüssel, der ihren Anspruch auf Rückkehr in die Heimatorte ihrer Vorfahren symbolisieren soll.
Andere Projekte sind direkt in Berlin angesiedelt. So hat der dänische Starkünstler Olafur Eliasson angeboten, an seinem Institut für Raumexperimente an der Universität der Künste einen Politiker als Stipendiaten aufzunehmen, um die Auseinandersetzung zwischen Kunst und Politik anzukurbeln. Und eine Vertreterin der Roma will an dem seit Jahren nicht fertiggestellten Denkmal für verfolgte Sinti und Roma in der Nähe des Reichstags eine Unterstützerkampagne starten.
Eine ganze Reihe der Aktionen sind im Internet schon angelaufen; mit einer Zeitung und einem Buch ("Forget Fear" - Vergiss die Angst) haben die Ausstellungsmacher auch die von ihnen erhoffte Debatte bereits eröffnet. Sie fühlen sich mit ihrem Konzept vor allem der ersten Biennale 1998 verbunden, als der heute am New Yorker MoMA tätige Kurator Klaus Biesenbach mit zwei Weggefährten die Kunstschau ins Leben rief - als Antwort auf die Stromlinienförmigkeit der kommerziellen Galerieszene.
Nur Angst könne die Kunst davon abhalten, sich ihrer Verantwortung für die reale Welt zu stellen, schreibt Zmijewski in dem Buch. "Auch ich fürchte mich, aber ich versuche, die Angst zu vergessen."
7. Berlin Biennale for Contemporary Art27. April - 1. Juli 2012
(APA/moe)
Erstellt am 26.04.2012, 12:33