Thomas Bernhard und seine Skandale
Unter den vielen Erregungen, die das Verhältnis Bernhards zu Österreich prägten, war das Stück "Heldenplatz" die größte.
Letztes Update am 05.12.2011, 08:42
Das Verhältnis von Thomas Bernhard zu Österreich sorgte bis über den Tod des Schriftstellers hinaus für öffentlichkeitswirksame Diskussionen. Den Kulminationspunkt erreichte die gegenseitige Hassliebe mit der Uraufführung seines Stücks "Heldenplatz" im Jahr 1988, wobei Spekulationen über den Text schon Wochen davor angeheizt worden waren. ...
Bild: Pferdemist vor dem Wiener Burgtheater.
Der damalige Burgtheater-Chef Claus Peymann (hier bei der Uraufführung von "Ritter, Dene, Voss" 1986) gab bei Bernhard ein Stück zum 100-jährigen Jubiläum der Eröffnung des Burgtheaters in Auftrag - mit dem Titel "Heldenplatz".
Bild (von links nach rechts): Bernhard, Peymann, Voss, Ritter, Dene.
Das Jahr 1988 markierte aber auch ein wichtiges Gedenk- und "Bedenkjahr" der Republik - zum 50. Jahrestag des sogenannten "Anschlusses" Österreichs an Nazi-Deutschland. Im Jahr 1938 hatte sich Hitler am Wiener Heldenplatz feiern lassen.
Bild: 4.11. 1988, vor dem Burgtheater
Nicht zuletzt wegen dieser historischen Aufladung des Stücks stand bald das ganze Land Kopf. Im Vorfeld wurden in der Kronen Zeitung und in der Wochenpresse unautorisierte, österreich-kritische Auszüge aus dem Text abgedruckt. Darauf meldeten sich zahlreiche Politiker bis hinauf zu Bundespräsident Waldheim ("eine grobe Beleidigung des österreichischen Volkes") zu Wort. Alois Mock (damals VP-Vizekanzler) fand es "unakzeptabel, diese Aufführung mit Steuergeld zu subventionieren". Unterrichtsministerin Hilde Hawlicek (SPÖ) gab er den "Rat", Burg-Chef Peymann abzusetzen, was diese ablehnte.
Zu den Kritikern gehörte u.a. Erhard Busek (ÖVP), der Hawlicek gar den Rücktritt nahelegte. Aber auch SPÖ-Granden wie Helmut Zilk und Alt-Bundeskanzler Kreisky ("Das darf man sich nicht gefallen lassen!") meldeten sich zu Wort. Befeuert wurde die Debatte von Zeitungsartikeln, in denen von "Österreich-Beschimpfung", Missbrauch von Steuergeldern und "Nestbeschmutzern" die Rede war.
"Österreich, 6,5 Millionen Debile!" betitelte die Kronen Zeitung am 7. Oktober erste Textauszüge aus "Bernhards Skandalstück", legte zwei Tage später die Schlagzeile "Steuerzahler soll für Österreich-Besudelung auch noch bezahlen!" nach, ehe Herausgeber Hans Dichand als "Cato" selbst zur Feder griff und darüber sinnierte, dass in Österreich die Sonne unterzugehen drohe, "wenn wir Österreicher uns diese unflätigen Beleidigungen von Peymann und Bernhard gefallen lassen".
Der damalige FPÖ-Bundesparteiobmann Jörg Haider legte nach und zitierte Karl Kraus: "Hinaus mit diesem Schuft aus Wien."
Dass Annemarie Düringer ihre Rolle aus nicht genannten Gründen niederlegte und von Marianne Hoppe ersetzt wurde, hatte für eine Verschiebung der Premiere vom 14. Oktober auf den 4. November gesorgt und - für ein weiteres Anheizen der Spekulationen.
Bernhard selbst soll sogar von einem Herrn "in guter Kleidung" tätlich angegriffen worden sein. Dieser habe in der Billrothstraße mit einem Spazierstock auf den Schriftsteller eingeschlagen, berichtete die Stadtzeitung Falter damals kurz vor der Uraufführung.
Zu Ausschreitungen kam es am Premierentag, dem 4. November 1988, zwar nicht, aber zu einigen Aktionen vor dem Burgtheater. So wurde etwa eine Fuhre Pferdemist vor dem Haus abgeleert.
"Der Misthaufen ist ein Kunstwerk, er wird von mir nach Abschluß der Kundgebung nicht entfernt," sagte der Initiator, der sich als "Fehderich Tausendwasser" titulierte. "Was da drinnen gespielt wird, wird ja auch nicht entfernt," fügte er hinzu und deutete auf die Burg, wo Minuten später "Heldenplatz" in Szene ging.
Drinnen ging die Aufführung mit zahlreichen Zwischenrufen (z.B. "Langweiliger Schmarren!"), aber ohne Eklat über die Bühne. Die vierstündige Vorstellung endete mit 40 Minuten Applaus, der immer wieder Pfiffe und Buhrufe übertönte. Laute Bravos gab es für Peymann und Bernhard. Aus der Hysterie, die sich über Wochen aufgebaut hatte, war ein Triumph geworden.
Kirsten Dene (Anna), Wolfgang Gasser (Robert Schuster), Elisabeth Rath (Olga)
Ein Auszug aus dem Text:
„Professor Robert:
[...] die Parteien und die Kirche / haben alles mit ihrem Stumpfsinn
zerstört / der immer ein niederträchtiger Stumpfsinn gewesen ist / und
der österreichische Stumpfsinn ist ein durch und durch abstoßender.
Wolfgang Gasser als Professor Robert, Elisabeth Rath als Olga
[...] mich wundert ja daß nicht das ganze österreichische Volk / längst
Selbstmord gemacht hat / aber die Österreicher insgesamt als Masse /
sind heute ein brutales und dummes Volk“
Die ersten Zwischenrufe, aber auch die ersten Beifallskundgebungen erfolgten bereits während der ersten der drei Szenen des Stückes. Das Bühnengeschehen wurde streckenweise von regelrechten Zuschauerdialogen begleitet.
Auch Transparente wurden auf der Galerie entrollt: "Weg mit Peymann/Hawlicek". Jugendliche im Schulalter antworteten mit "Es lebe die Frechheit der Kunst".
Der Republikanische Club - Neues Österreich (der 1986 das Holzpferd gegen Kurt Waldheim aus der Taufe hob) stellte wiederum auf einem Transparent fest: "Nestbeschmutzer aller Länder vereinigt Euch".
Suhrkamp-Verlagsschef Siegfried Unseld schrieb in seiner "Chronik": "Am Tage Demonstrationen, dann Gegen-Demonstrationen, schließlich Gegen-Gegen-Demonstrationen".
Unseld weiters: "Als Ulla und ich an der Burg ankommen eine riesige Menschenmenge und Leute der Rechten, die Mist abladen wollen. .. Im Kartenraum stauen sich Leute, die noch Karten haben wollen. Die Aufführung findet unter Polizeischutz statt."
Diskutiert wurde wie schon lange nicht über eine Theateraufführung.
Immer wieder ist es Thomas Bernhard gelungen, die Öffentlichkeit aufzuwühlen - ob aus Lust an der oberflächlichen Provokation, wie es Kritiker sahen, oder aus einem tiefen inneren Bedürfnis heraus, das oft mit einer Art Hassliebe zu Österreich beschrieben worden ist.
"Der Ignorant und der Wahnsinnige" (1972) wurde wegen einer umstrittenen Regieanweisung Peymanns, mit dem Bernhard eine langjährige spannungsreiche Freundschaft verband, nach der Uraufführung bei den Salzburger Festspielen abgesetzt.
Bernhard selbst hatte am Ende der Aufführung absolute Dunkelheit verlangt und selbst die Löschung des Notlichts gefordert. Die feuerpolizeilichen Bestimmungen ließen dies jedoch nicht zu. Es kam zum Bruch mit der Festspielleitung.
Bruno Ganz und Ulrich Wildgruber
Nicht wenige der Bernhard-Uraufführungen in Salzburg endeten mit handfesten Skandalen. Die literarischen Tiraden des Autors trafen auch immer wieder die Stadt selbst.
Nach der "Macht der Gewohnheit" (1974) kam es zu öffentlichen Auseinandersetzungen zwischen dem Autor und Festspielpräsident Josef Kaut.
Bernhard Minetti (links).
In der Woge öffentlicher Entrüstung nach dem Salzburger "Theatermacher" sprach der damalige Finanzminister Franz Vranitzky bei der Eröffnung der Wiener Messe von einem "verschmierten Spiegel", der Österreich vorgehalten werde.
Traugott Buhre (rechts) als "Theatermacher" Bruscon.
Für "Nachspiele" und heftige außerliterarische Auseinandersetzungen sorgten auch häufig Bernhards Prosawerke.
Einen Höhepunkt bildete die Beschlagnahme von "Holzfällen" 1984, auf die der Autor mit der Anweisung an seinen deutschen Verleger reagierte, keines seiner Bücher mehr nach Österreich auszuliefern - beides war nur kurz wirksam. Bei "Holzfällen", mit dem Untertitel "eine Erregung", war der Komponist Gerhard Lampersberg darauf aufmerksam gemacht worden, daß er sich verunglimpft fühlen und vor den Kadi ziehen müsse.
Nach dem Roman "Alte Meister" (1985), in dem der Musikkritiker Reger, der sich vorzugsweise im Kunsthistorischen Museum aufhält, im Rundumschlag gegen Adalbert Stifter und die österreichische Kulturtradition ausholt, diagnostizierte der damalige Unterrichtsminister Herbert Moritz den Autor als Fall für die Wissenschaft und provozierte damit wütende Proteste der Schriftstellervereinigungen und auch von VP-Politikern wie Erhard Busek.
Auch bei Preisverleihungen zeigte sich immer wieder Bernhards schwieriges Verhältnis zu Österreich. Bei seiner "Dankrede" zur Verleihung des kleinen Staatspreises für Literatur am 4. März 1968 verließ Unterrichtsminister Theodor Piffl-Percevic aus Protest gegen die Äußerungen des Autors den Festsaal. Unter anderem sagte Bernhard über Österreich: "Wir brauchen uns nicht zu schämen, aber wir sind auch nichts und wir verdienen nichts als das Chaos."
In dem Buch "Meine Preise" (2009 bei Suhrkamp erschienen) beschreibt Bernhard, wie Piffl-Percevic damals mit erhobenen Fäusten auf ihn zugegangen sei, ihn als "Hund" bezeichnet habe und anschließend mit seinem Gefolge den Saal verließ.
Die ebenfalls 1968 angesetzte Verleihung des Anton-Wildgans-Preises wurde abgesagt. Die Auszeichnung erhielt Bernhard mit der Post.
Bild: Foto aus dem Parlament
In "Meine Preise" kritisiert Thomas Bernhard in einem 1981 geschriebenen Text auch Kreiskys legendäre Wissenschaftsministerin Hertha Firnberg wegen ihres Verhaltens bei der Verleihung des Grillparzer-Preises 1972. Firnberg habe während der Zeremonie sogar leise geschnarcht und später gefragt: "Wo ist er denn, unser Dichterling?" Bernhard gibt zu Protokoll, sich im Festsaal nicht zu erkennen gegeben zu haben.
Bild: Foto aus dem Parlament
Nur wenige Monate nach der Uraufführung von Heldenplatz starb Thomas Bernhard am 12. Februar 1989 in Gmunden an Herzversagen, er wurde in aller Stille auf dem Grinzinger Friedhof in Wien beigesetzt.
Mit seinem Testament sollte Bernhard noch einmal für Aufregung sorgen, weil er ein allgemeines Aufführungs- und Publikationsverbot aller seiner Werke innerhalb der Grenzen Österreichs verfügt hatte. Jedoch sollte sein Universalerbe Peter Fabjan später Ausnahmen erlauben, so dass ab 1999 Neuinszenierungen von Bernhards Dramen möglich wurden.
Während Bernhard in Österreich zu Lebzeiten immer wieder Anfeindungen ausgesetzt war, fiel das Urteil im Ausland ganz anders aus: "Eine Katastrophe für die Literatur!" reagierte die französische Literaturwelt auf die Todesnachricht, wo in allen Nachrufen ein Jahrhundertschriftsteller gewürdigt wurde. Der (laut Marcel Reich-Ranicki) "deutschen Literatur düsterster Poet und bitterster Prophet", der mit seiner österreichischen Eigenart in die literarische Universalität gelangte, wurde von den Franzosen ob seines Lachens, seiner "großen Fröhlichkeit", ja "Lebenslust" gefeiert. In Italien wurde der "große Hasser der Dummheit" betrauert. Der britische Guardian überschrieb seinen Nachruf mit "Die Geißel Wiens".
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Artikel vom 04.09.2010 12:00 | KURIER.at, apa | Peter Temel | « zurück zu Kultur


