Donnerstag, 9. September 2010

» Registrieren / Anmelden

Spera: Jüdische Geschichte neu erzählt

Die langjährige "ZIB"-Lady spricht zum ersten Mal über ihre neue Aufgabe als Direktorin des Jüdischen Museums Wien. Und über dessen Geschichte.

"Dem Wiener Judentum ein neues Gesicht geben": Danielle Spera mit historischem Chanukka-Leuchter im Jüdischen Museum Wien, dessen Direktorin sie ab nächster Woche ist. "Dem Wiener Judentum ein neues Gesicht geben": Danielle Spera mit historischem Chanukka-Leuchter im Jüdischen Museum Wien, dessen Direktorin sie ab nächster Woche ist. DruckenSendenLeserbrief
kommentieren Bookmark and Share
Jetzt spricht sie wieder, Gott sei Dank. Danielle Spera hat ihre Stimme wiedergefunden, die aufgrund einer schweren Verkühlung ausgerechnet in ihrer letzten Zeit im Bild versagte. Also kann sie hier von ihrem neuen Lebensabschnitt erzählen, den sie kommende Woche antritt. Der Sprung vom Newsroom ins Museum wird nicht nur Danielle Speras Alltag erheblich verändern, sondern auch das älteste Jüdische Museum der Welt. "Hier wird vieles anders werden", sagt sie. "Erster Schwerpunkt ist eine neue Dauerausstellung, die die Geschichte der österreichischen Juden ebenso zeigt wie das heutige jüdische Leben, aber auch einen Blick ins Morgen wirft." Darüber hinaus will sie das Museum als Ort der Begegnung zwischen Juden und Nichtjuden gestalten.

Tradition

Das Jüdische Museum Wien hat eine große Tradition. Als es 1895 gegründet wurde, lebten 180.000 Juden in Wien, heute sind es gerade noch 14.000. Danielle Spera will "dem Wiener Judentum ein neues Gesicht geben". Und sie weiß als erfahrene Journalistin sehr genau, wie man für ein solches Projekt Aufmerksamkeit erregt. "Die großen Namen des Wiener Judentums werden eine wichtige Rolle spielen", sagt sie, "da kann man ja aus dem Vollen schöpfen, wenn ich an die Lebensgeschichten von Sigmund Freud, Theodor Herzl, Arthur Schnitzler oder Joseph Roth denke. Oder an die vielen Wissenschafter, Theaterleute und nicht zuletzt an die Rolle des jüdischen Humors. Die Geschichte Wiens ist auch eine jüdische Geschichte, da gibt es ein enges Zusammenspiel." Der Holocaust, meint die neue Direktorin, müsse "im Bewusstsein bleiben, aber nicht unbedingt als zentraler Punkt im Museum."

Die Nationalsozialisten schlossen das alte, in der Leopoldstädter Malzgasse untergebrachte Jüdische Museum im März 1938 und transferierten wertvolle Bücher, Gemälde und sonstige Objekte in andere Museen. Als das Jüdische Museum 1993 im Palais Eskeles in der Dorotheergasse neu gegründet wurde, fehlte die Hälfte der Bestände, sie waren von den Nazis zerstört oder geplündert worden.


Präsent sein

Danielle Spera will sich nicht in ihrem Direktionszimmer verschanzen, sondern auf die Museumsbesucher zugehen. "Ich werde präsent sein und mit ganzem Herzen und ganzer Kraft dafür sorgen, dass wir erheblich mehr Zustrom haben als bisher." Die jüdischen Museen in Berlin, London und Amsterdam beweisen, wie groß das Interesse ist, Touristen und Einheimische warten dort oft in langen Schlangen, um Einlass zu finden. Spera hat sich diese Museen in den vergangenen Monaten "mit großem Interesse angesehen". Und vorige Woche erkundete sie - am Rande des Staatsbesuchs von Bundeskanzler Werner Faymann - die wichtigen Museen Israels.

Das Jüdische Museum in Wien ist durch Ankäufe und Schenkungen um ein Vielfaches größer als es vor dem Krieg war - und es erfährt gerade in diesen Tagen eine wesentliche Erweiterung. Das Schicksal wollte es, dass drei Wochen vor Danielle Speras Amtsantritt die Witwe des Wiener Kaufmanns Max Berger starb, die dem Museum testamentarisch eine ganz außergewöhnliche Judaica-Sammlung hinterlässt. "Es wird zu meinen ersten Aufgaben gehören", erklärt Danielle Spera, "gemeinsam mit meinen Kuratoren den Nachlass von Trude Berger zu sichten und deren Kernstücke auszustellen. Ich sehe das als immense Chance für das Museum."

Schon der nach dem Tod Max Bergers 1988 erworbene erste Teil der Sammlung bildete die Grundlage des Jüdischen Museums. Max Berger, 1924 in Polen zur Welt gekommen, hatte als einziges Mitglied seiner Familie den Holocaust überlebt und sich nach dem Krieg von Wien aus auf die Spuren seiner ermordeten Verwandtschaft begeben. Dabei entdeckte und kaufte er rund 10.000 Objekte der jüdischen Alltags- und Festtagskultur.

Danielle Spera sieht in ihrer neuen Aufgabe die Erfüllung eines Traums. "Ich bin mit Leib und Seele Journalistin und werde auch weiterhin Beiträge schreiben. Aber als Kulturmanagerin in Verbindung mit dem Judentum tätig sein zu können, sehe ich als eine besondere Herausforderung."

Wurzeln

Die jüdischen Wurzeln der bisherigen Zeit im Bild -Lady finden sich in der Familie ihres Vaters - die Mutter war Nichtjüdin. Da sie zur jüdischen Religion immer eine besondere Beziehung hatte, ist Danielle Spera vor Jahren schon zum Judentum übergetreten. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren Kindern traditionell, hält die Feiertage ein und besucht die Synagoge.



22 Jahre "Zeit im Bild": TV-Legende Danielle Spera

ORF-Karriere: 1957 in Wien geboren, Studium der Publizistik und Politikwissenschaften. Ab 1978 beim ORF als Reporterin, dann als Auslandskorrespondentin in Mittelamerika, Griechenland und in den USA. Seit 1988 moderierte sie an der Seite von Horst Friedrich Mayer, Josef Broukal, Martin Traxl und Tarek Leitner die " Zeit im Bild".

Persönliches: Zwei Mal (1992 und 2007) wurde Danielle Spera von den KURIER-Lesern
als beliebteste Moderatorin mit der ROMY ausgezeichnet. Sie ist seit 1994 mit dem Psychoanalytiker Martin Engelberg verheiratet und hat drei Kinder. Seit 2000 schreibt sie für dasjüdische Kulturmagazin "Nu". Ab 1. Juli ist sie Direktorin des Jüdischen Museums Wien.

Artikel vom 26.06.2010 16:32 | KURIER | Georg Markus


Postings (Netiquette)

Um einen Artikel kommentieren zu können, müssen Sie angemeldet sein.

Die Registrierung/Anmeldung auf KURIER.at ist kostenlos, ermöglicht Ihnen aber die Nutzung praktischer Funktionen – zum Beispiel:

  • Erinnerung an den Beginn Ihrer TV-Lieblingssendungen
  • Aktivieren von Merklisten und Suchagenten für immoKURIER
  • Posten von Kommentaren
  • Teilnahme an Gewinnspielen oder
  • Empfang von Newslettern

Anmeldung


Ich bin noch nicht registriert.
Ich bin registriert, mein Passwort lautet:
» Ich habe mein Passwort vergessen


Kommentare werden geladen...


Werbung