Burning Gears 2010
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Freitag, 12. März 2010

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Hochgatterer: Jedes Kind braucht diesen Vogel

Literatur Der neue Roman des Wiener Psychiaters Paulus Hochgatterer handelt von Kindesmissbrauch, Rache und Pelikanen.

Für „Die Süße des Lebens“  wurde Paulus Hochgatterer im Vorjahr der EU-Literaturpreis verliehen Für „Die Süße des Lebens“ wurde Paulus Hochgatterer im Vorjahr der EU-Literaturpreis verliehen DruckenSendenLeserbrief
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Ohne Pelikan wäre das schwer zu ertragen. Eines der nach Österreich verschleppten und hier missbrauchten indischen Mädchen, Fanni heißt es, erfindet Vogelgeschichten. Die sind zum Überleben genauso wichtig wie andere Fluchtwege, die Fanni kennt.

Und auch die Leser müssen froh sein, dass die Schwärze mitunter durchbrochen wird von einem Pelikan, der einen Elefanten zum Freund hat bzw. einen Seelöwen bekämpft bzw. zum Südpol fliegt.

D er Schriftsteller und Kinderpsychiater Paulus Hochgatterer lässt vier Jahre nach dem preisgekrönten Roman "Die Süße des Lebens" erneut zwei Figuren vor den Abgründen einer Kleinstadt irgendwo im Salzkammergut stehen:

1.) Sein Alter Ego, der Psychiater Raffael Horn; ist mit den Jahren unrunder geworden, befürchtet, dass sein Sohn Drogen nimmt und seine Cello spielende Frau einen Liebhaber hat.
2.) Kommissar Ludwig Kovacs, geschieden und Vater einer wunderbaren Tochter - mit Irokesenfrisur.

Vorerst konzentrieren sich die Ermittlungen nur darauf, dass siebenjährige Kinder auf der Straße von einer "schwarzen Glocke" geschlagen werden ...

KURIER: Haben Sie als Psychiater nicht die Pflicht, Bücher zu schreiben, die Ihre Leser ausgeglichen, ja geradezu glücklich machen?
Paulus Hochgatterer:
Nein, nein, nein, ein Weltbehübscher bin ich nicht. Mag sein, dass sich andere in dieser Rolle gefallen. Im Gegenteil: Es ist eine Funktion des Psychiaters, die Menschen mit der Realität zu konfrontieren. Die ist manchmal hübsch und lustig, aber manchmal ist sie ein Wahnsinn.

Mädchen ritzen sich die Haut auf, Burschen bringen sich um ... Könnte nicht wenigstens der Benediktinermönch im Buch normal sein?
Kann er nicht. Auch Benediktinermönche sind nicht davor gefeit, verrückt zu werden.

Warum ist er noch Mönch, wenn sein Gott eigentlich Bob Dylan ist?
Vielleicht ist auch das Mönchsein eine Krücke, die er zum Leben braucht.

Er ist ja nur eine Nebenfigur, die einem sehr ans Herz wächst. Wenn man sich das vorstellt: Selbst am Altar hat er seine ipod-Stöpsel im Ohr ...
Sie schreiben: Das Verrückte fühlt sich manchmal besser an. Das trifft wohl auf ihn zu?

Es gibt eine Haltung in der Psychiatrie, die lautet: Alles was man an Phänomenen sieht, sind Phänomene der Angepasstheit: Dass sich jemand verfolgt fühlt, dass er wirr redet, Stimmen hört ... das ist Anpassung an eine Wirklichkeit, die für die betreffende Person unerträglich geworden ist. In jedem von uns herrscht tiefe Panik: die Angst der Selbstauflösung. Das Verrücktsein macht es für diese Person besser.

Es steht auch geschrieben, ich zitiere: Bei uns vögelt man nicht so gern. Bitte um Belege!
Habe ich keine.

Ja warum steht denn das dann da?

Weil ich diese spezielle österreichische Art der Verbalerotik, die dazu dient, die exekutierte Sexualität zu verhindern, sehr mag. Diese Verzierungen, dieses Darüberreden und Witzeln, mit dem der Sexualität ausgewichen wird, ist was Österreichisches.

Der Wahnsinn, das große Thema des Romans, heißt Kindesmissbrauch.
Auch der ist real. Es gibt den Kauf und Verkauf von Kindern, auch von ausländischen Kindern, zu sexuellen Zwecken. Und es gibt das Töten von Kindern - zum Lustgewinn und zum materiellen Gewinn. Der Markt, wenn man dieses schreckliche Wort gebrauchen will, ist größer geworden.

Wie hält man das beim Schreiben aus?
Ich habe ein positives weibliches Gegengewicht gebraucht. Die Frauen im Buch sind stark. Und ich habe den Opfern und mir und den Lesern Rache gegönnt. Ein Gefühl, das angesichts dieser Taten verständlich und als Bedürfnis absolut zulässig ist.

In Wirklichkeit rächen sich Kinder aber nie.

Das stimmt. Kinder tun sich selbst schon beim Entwickeln von Rachegedanken schwer.

Sie haben die Schwärze aufgehellt mit Geschichten über einen Pelikan.
Der gehörte zu meiner ersten Leseerfahrung. In den Petzi-Büchern kommt ein Pelikan vor. Der Pelikan ist kein edler Vogel. Er ist nicht so schön wie der Adler und nicht so klug wie die Krähen. Der Pelikan ist ein mütterlicher Vogel. Und er hat eine beachtliche Flügelspannweite. Ich dachte als Kind, keiner hat eine größere. Jedenfalls wirkt er mächtig.

Jedem Kind sein Pelikan?
Ja, natürlich! Pelikane sind unverzichtbar. Jedem Kind ein Kehlsack, in dem es sich verstecken kann, wenn es notwendig ist. Jedem Kind ein mächtiger Schnabel, den es demjenigen um den Kopf hauen kann, der es bedroht. Und jedem Kind ein paar Flügel, auf denen es zumindest bis Indien fliegen kann, wenn es von der Welt, in der es lebt, schlecht behandelt wird.


Artikel vom 06.02.2010 18:04 | Peter Pisa | MH


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