Der Mann, der James Bond neu erfindet
Peter Morgan, Drehbuchautor von Weltruf, wohnt jetzt in Wien und arbeitet an Schnitzlers Reigen und am neuen Bond.
Der Judenplatz: Einer von Morgans Lieblingsplätzen in Wien.
DruckenSendenLeserbrief
kommentieren
D er neue Bond entsteht in Österreich. In der Schottengasse in der Wiener Inneren Stadt. Und auf der Turracher Höhe im Dreiländereck Steiermark, Salzburg, Kärnten.
Peter Morgan, englischer Drehbuchautor von Weltruf, ist mit seiner Frau Lila Schwarzenberg und den vier Kindern im Sommer nach Wien gezogen, mit im Gepäck einen Hauch Hollywood. Dabei will er den Rucksack lieber sofort als später loswerden. "Es gibt keine direkte Flugverbindung nach Los Angeles, die Reise dauert 14, 15 Stunden und dazu die Zeitverschiebung - das will ich nicht mehr. Ich will kein doppeltes Leben führen." Also Wien statt London, Turracher Höhe statt Hollywood Hills. Und James Bond.
Von Juli bis Oktober hat er daran geschrieben. Von der Handlung darf er nichts verraten, nur so viel: "Es ist eine schockierende Geschichte." Und: "Das ist eine Hysterie, das hab' ich vorher nicht gekannt, ein Magnet für Publicity - jeder will wissen, was mit dem neuen Bond ist." Allerdings: seit der US-Filmverleih Metro-Goldwyn-Mayer in die Zahlungsunfähigkeit geschlittert ist, ist auch der 23. Bond auf Eis gelegt - bis Februar zumindest.
Schnitzler
Morgan hat die Zwangspause genutzt, um in die österreichische Kultur- und Geistesgeschichte einzutauchen. Arthur Schnitzlers "Reigen" hat er für ein ORF-Drehbuch vom 19. Jahrhundert in die Gegenwart verlegt und "radikal neu interpretiert". 2012, zu Schnitzlers 150. Geburtstag, soll der Fernsehfilm kommen. "Jetzt, wo ich hier lebe, wollte ich unbedingt etwas mit Österreich-Bezug machen." Morgan sucht bewusst den Kontakt zu heimischen Produzenten, um unabhängiger zu sein. "Ich bin sehr glücklich im Moment, Amerika nicht in meinem Leben zu haben."
Als Big Player im Filmgeschäft sieht er sich nicht. Dabei hat er
schon mehrfach unter Beweis gestellt, dass er zu Recht einer der gefragtesten Drehbuchautoren der Zeit ist. "Der letzte König von Schottland", "Queen" und "Frost/Nixon" haben ihm nicht nur Kinoerfolge beschert, sondern auch einen Golden Globe und zwei Oscar-Nominierungen.
Morgans Spezialität: Schonungslos legt er die Widersprüche von Machtmenschen offen, zeigt sie in ihrer Eitelkeit und Zerrissenheit. Die Queen, die sich nach dem Unfalltod Dianas als unfähig erweist, Mitgefühl zu zeigen. Oder der seines Amtes enthobene US-Präsident Richard Nixon, der rhetorisch unantastbar scheint und am Ende als verletzt, gedemütigt und einsam entlarvt wird.
An zwei Regeln hält sich Morgan eisern: "Zehn Jahre warten, bis ich über ein Ereignis schreibe, sonst fehlt die Distanz. Und nie die Personen, die im Stück vorkommen, kennenlernen."
Eigene Wahrheit
Die Suche nach einer historischen Wahrheit nimmt er sehr ernst, auch wenn er aus dramaturgischen Gründen Abläufe verändert oder Ereignisse dazu erfindet. "Bei den Recherchen höre ich von der einen Seite, wie es war, und von der anderen Seite eine ganz andere Version und frage mich: Moment, die waren beide im Zimmer und haben eine ganz andere Version? Wo ist da die Wahrheit? Da kann eine dritte Person eine eigene Wahrheit schaffen, die zwar nicht genau ist, aber trotzdem eine Wahrheit ist."
Zurzeit verfilmt Clint Eastwood Morgans Drehbuch "Hereafter" mit Cécile de France und Matt Damon, eine "sehr traurige und romantische Geschichte". "Eastwood hat das Drehbuch genommen und wollte schon drehen", erzählt Morgan, "das ist herrlich für mich, aber auch besorgniserregend, weil ich gewohnt bin, mit dem Regisseur lange am Drehbuch zu arbeiten".
Vor zwei Wochen haben sie sich am Set getroffen: "Die Vorstellung, dass ich Clint Eastwood treffe, war für mich völlig verrückt. Ich lache immer, wenn die Leute glauben, dass ich berühmt bin."
Umso mehr genießt er jetzt sein Leben zwischen der Einsamkeit der Turracher Höhe und dem - im Vergleich zu London - überschaubaren Trubel in Wien.
Zur Person: "Froh, kein Schauspieler zu sein"
Privat Peter Morgan wird am 10. April 1963 in London geboren. Seine Mutter war als katholische Polin vor den Sowjets geflüchtet, sein Vater als deutscher Jude vor den Nazis. Morgan studiert in Leeds Englisch und Kunst. Weil er mit Lampenfieber nicht umgehen kann, beendet er seine Schauspielkarriere früh und beginnt Drehbücher zu schreiben. Morgan ist mit Lila verheiratet, einer Tochter von Karl Schwarzenberg. Sie haben vier Kinder.
Karriere In den 1980ern und 90ern arbeitet Morgan vor allem fürs Fernsehen. Seine Beschäftigung mit Machtmenschen beginnt 2003 mit "Henry VIII." und findet mit "The Deal" seine Fortsetzung, wo er das Abkommen zwischen Tony Blair und Gordon Brown thematisiert. 2006 schreibt er das Drehbuch zu "König von Schottland", 2007 "Queen", und erhält dafür einen Golden Globe. Frost/Nixon bringt ihm eine Oscar-Nominierung ein.
Kommentare werden geladen...





