Samstag, 21. November 2009 | Schriftgröße: AAA

» Registrieren / Anmelden

Ist er wirklich ein Krimi-Autor?

Der schwedische Schriftsteller Håkan Nesser spricht über Gott, schlechte Bücher und will nicht in eine Genre-Schublade gepresst werden.

Der schwedische Autor Nesser war in Wien. Vielleicht schreibt Håkan Nesser demnächst einen Wien-Roman? DruckenSendenLeserbrief
kommentieren Bookmark and Share
"Das ist also eine Wiener Melange." Håkan Nesser hebt die Kaffeetasse mit dem Meinl-Mohren, nimmt einen Schluck, stellt die Tasse kommentarlos ab.
Mag er Wien nicht?

"Doch. Wien ist eine wundervolle Stadt." Der Schwede lehnt sich im Sessel in der Hotellobby zurück. Auf dem Gürtel fahren die Autos vorbei. Es ist grau und laut. Man glaubt ihm trotzdem. "So viele große Bücher spielen in Wien", schwärmt er. "Und wer weiß, vielleicht wird es ein Schauplatz für eines meiner Bücher."



London folgt

Soeben ist "Das zweite Leben des Herrn Roos" , der dritte Fall für Inspektor Barbarotti, auf Deutsch erschienen. Nesser aber arbeitet längst am nächsten Werk: Nach einem New-York-Roman - Nesser lebte zwei Jahre dort - soll nun ein Roman über London erscheinen.

Derzeit wohnt er in der britischen Hauptstadt, die Geschichte darüber lässt sich von überall schreiben. "Ich muss natürlich Recherchen machen, der Rest ist unabhängig", sagt er im KURIER-Gespräch. "Als ich in New York wohnte, sagten alle: ,Du musst nach Brooklyn, nach Park Slope.' Dort leben Paul Auster und all die anderen Autoren. Doch warum sollte ich dort besser schreiben?"

Viel mehr ist es die idyllische Einsamkeit, die Nesser inspiriert. Gemeinsam mit seiner Frau besitzt er ein Sommerhaus auf Gotland, einer Insel im baltischen Meer. "Ich liebe es, dort mit dem Hund zu spazieren. Mag sein, dass es mich beim Schreiben fördert", sagt er in makellosem English. Ein Buch pro Jahr schreibt Nesser im Schnitt. "Ich bin nicht diszipliniert, nur schnell." Zehn Seiten pro Tag sind typisch.
Der Sinn des Schreibens liege darin, sich den Fragen des Lebens zu stellen. Der Tod beschäftige ihn, aber viel mehr interessiere ihn der Glaube an Gott. "Die Kirche hat so viele Fehler gemacht. Gott kann nichts dafür." Ein Thema, dem sich auch Inspektor Barbarotti stellen muss. "Noch ist sein Umgang mit Gott spielerisch", sagt Nesser. "Im vierten und fünften Teil soll die Auseinandersetzung intensiver werden."


Etikett

Im fünften Teil? "Ja, ich habe gerade beschlossen, dass es nun doch fünf statt geplanter vier Bände geben soll. Ich habe Barbarotti noch nicht dort, wo ich ihn haben will. Aber dann ist es definitiv aus."

Schluss mit der Krimi-Reihe, die eigentlich keine ist. Nesser will nicht immer in eine Schublade gepresst werden. "Immer wieder fragt man mich ,Welche Art Autor sind Sie? Ein Krimi-Autor?' Meine Antwort ist eine einfache: Ich bin ein guter Autor!", sagt Nesser. Viele seiner Bücher sind Romane, und doch entkommt er dem Etikett "Schweden-Krimi" nur schwer. "Was soll das?", ärgert er sich. "Ein Henning Mankell und ich schreiben doch völlig unterschiedlich."

Diese Aufregung um den skandinavischen Krimi führt er mitunter auf den deutschsprachigen Leser zurück. "Ihr liebt Blockhütten, Astrid Lindgren und eben auch Krimis aus Schweden", sagt Nesser. Eine erfreuliche Nachfrage, die aber auch zum Missbrauch des Genres geführt habe: "Im Vorjahr wurden über 70 Krimis in Schweden veröffentlicht. Nur eine Handvoll ist gut. Die anderen hätten nie gedruckt werden dürfen", sagt Nesser. Er signiert sein Buch. "Ich hoffe bloß, dass Sie hier in Österreich an die guten Krimis kommen. "

Zur Person: Erfolg kam mit Krimi Nr.1

Debüt 59 ist er. AHS-Lehrer war er. 1993 debütierte er erfolgreich mit Band eins seiner "Van Veeteren"-Krimiserie ("Das grobmaschige Netz"), die Håkan Nesser bis 2003 fortsetzte und die fürs TV verfilmt wurde. Sein Roman "Kim Novak badete nie im See Genezareth" ist in Schweden Schullektüre. 2006 startete er die Reihe um Inspektor Gunnar Barbarotti.

Neues Buch "Das zweite Leben des Herrn Roos" (Bild), eben in Übersetzung von Christel Hildebrandt bei btb erschienen, ist Band drei der neuen Serie. Herr Roos ist ein Langweiler. Thermoskannen produziert er. Als er im Toto gewinnt, beginnt sein Doppelleben. Er lernt eine Ausreißerin kennen, dann geschieht ein Mord. Wie immer bei Nesser: Es ist nicht "nur" ein Krimi.

INFO: Håkan Nesser liest am 6.11. im Rahmen von "Mörderisches Europa" im Posthof in Linz.

Artikel vom 20.10.2009 16:50 | KURIER | Emily Walton


Kommentare werden geladen...


Werbung