Von Monstern und Maiden

Früher wurden Frauen auf Händen getragen - Von King Kong, Dracula und Robotern.

Heutzutage werden Frauen maximal über die Türschwelle getragen. Und das auch nur, wenn vorher die Kirchenglocken geläutet haben. Höchst selten also. Im Kino der 30er bis 50er Jahre war das noch ganz anders. Da trugen wahlweise Roboter, Menschenaffen oder Graf Dracula Frauen höchstpersönlich praktisch überall hin. Vom Glücksmoment der Hochzeitsnacht spürten die Maiden aber nichts. Als wehrlose Opfer fügten sie sich in die Arme ihrer Retter. Was uns das über das damalige Frauenbild sagt? Wunderschön und wehrlos. Ob hinterm Herd oder in den Armen ihrer Retter - so wurden die Frauen nicht nur in billig produzierten B-Movies der 60er und 70er-Jahre dargestellt. So wie hier im Horror-Trash-Streifen "Necrophagus" aus dem Jahr 1972. Auch in dem Sci-Fi-Horrorspektakel "Man-Made Monster" aus dem Jahr 1941 wird die (einzige) weibliche Rolle auf Händen getragen. Ganz ihrem Schicksal ergeben ist sie auf dem Plakat bewusstlos in den Armen des verrückten Wissenschaftlers Dr. Rigas. Man muss kein Monster sein, um Frauen auf den Arm zu nehmen. Heldenhaft wie kein zweiter trug Humphrey Bogart in "Arzt im Zwielicht" 1953 June Allyson vom Schlachtfeld des Koreakriegs. Die schöne Allyson spielte - wie konnte es damals anders sein - die Krankenschwester des Feldarztes. Meist sind es aber durchgedrehte Monster, die ihre sexuelle Zuneigung an hilflosen Frauen nicht anders auszudrücken zu wissen, als sie ganz allein für sich zu haben - konkret heißt das dann entführen, fesseln, einsperren. "Der Koloss von New York" brachte 1958 Tod, Zerstörung und auf seinen Händen Mala Powers in die Metropole. Hilflose Frauen hatten also System: 1955 bemächtigte sich dieses Ungeheuer in "Revenge of the creature" der Hauptdarstellerin Lori Nelson. Die meist billig produzierten Filme stehen zwar nicht in derselben Riege mit den großen Hollywood-Produktionen. Ehe Audrey Hepburn mit "Frühstück bei Tiffany" 1961 das Frauenbild Hollywoods revolutionierte, waren solche Filme aber an der Tagesordnung: "Frankenstein's Tochter" aus dem Jahr 1959. Aber auch in "Vom Winde verweht" konnten sich die Designer des Filmplakats nicht verkneifen Scarlett O'Hara (Vivien Leigh) devot als schmachtende Eroberung Rhett Butlers (Clark Gable) darzustellen. "Breakfast at Tiffany's" hatte mit der Romanvorlage von Truman Capote zwar nur noch wenig zu tun. Aus der Prostituierten war ein charmanter Flirt geworden. Aus Sex Liebe. Aus einem tragischen Ende ein Happy-End. Dennoch war der Film für damalige Verhältnisse ein Meilenstein.
Auch in dem Film Noir "In a Lonely Place" musste Gloria Grahame in den Armen von Humphrey Bogart liegen. Ob es die Handlung verlangte oder nicht. Was zeigen diese Bilder? Frauen als Objekt der Lust, das es zu besitzen gilt? Sex durfte in den rigiden 50ern, wenn überhaupt, nur angedeutet werden. Hollywood steckte Mitte des vergangenen Jahrhunderts noch fest im Griff der Moralhüter. Übrig blieb verkappte Sexualität à la King Kong. Der Filmklassiker aus den 30er-Jahren wurde in unzähligen Remakes und Adaptionen (hier: "Jungle Blue" aus dem Jahr 1978) neu aufgelegt. Zuletzt (2005) brachte "Hobbit"-Macher Peter Jackson mit Naomi Watts in der (weiblichen) Hauptrolle die Geschichte in die Kinos. In "Nabonga" ("Die Rache des Gorilla) aus dem Jahr 1944, wird Julie London im tiefen Dschungel Afrikas von einem Gorilla entführt. Der Gorilla als böser Aggressor: Dieses Propagandaplakat aus dem Ersten Weltkrieg gehört zu den wertvollsten Plakaten, die in der Auktion der Swann Gallery versteigert werden: "Zerstöre diesen verrückten Barbaren" (1917) ist über einem Gorilla mit Maid und Pickelhaube zu lesen. Geschätzter Wert: 12.000 - 18.000 US-Dollar. Die "Schöne und das Biest" ist vielleicht der klassischste Stoff der Monster-Liebe. "Schlock - das Bananenmonster" von John Landis war 1973 jedenfalls eines der ersten Monster-Musicals. Auch die starke Sophia Loren wurde in "Hochzeit auf italienisch" 1964 auf Händen getragen. Letztlich spiegeln die historischen Exponate die aktuell in der "Swann Auction" versteigert werden auf plakative Weise den Zeitgeist einer Epoche wieder. 
Bild: "Morocco" mit Marlene Dietrich und Gary Cooper aus dem Jahr 1930. Filmplakat aus "Der Tag, an dem die Erde stillstand". 2008 wurde der Klassiker aus dem Jahr 1951 mit Keanu Reeves neu verfilmt. "Der Schrecken vom Amazonas" (1954). Comic statt Ungeheuer: Auch in den 80igern fanden sich noch vereinzelt Frauen in den Händen diverser Bösewichte auf Filmplakaten. Hier wirft sich Hulk in Pose (1980). "Der Gorilla von Soho" (1968). "Frankenstein trifft den Wolfsmenschen" (1963). "Matango" (1973). "Dracula" (1958) mit Christopher Lee als Dracula und Melissa Stribling in seinen Armen. Werner Herzogs Remake des Horrorklassikers mit Klaus Kinski aus dem Jahr 1979. "Dracula" (1958) Es geht aber auch umgekehrt: Auch Frauen können Männer auf Händen tragen. Leider nur in dem Horrotrash-Film mit Softporno-Anleihen "The Vampire's Night Orgy" (1974). Plakat des spanischen Films "Das Blutgericht der reitenden Leichen" aus dem Jahr 1975. Auch eine Mumie kann kräftig zupacken: "Der Fluch der Mumie" (1967). "The Evil of Frankenstein" (1964). "Die dreizehn Sklavinnen des Dr. Fu Man Chu (1967). "Forbidden Planet" (1956). "Tochter der Wildnis" (1923). "Tobor, der Große" (1954).

Da konnte Fay Wray noch so viel schreien und boxen - den übergroßen Gorillapranken war sie hilflos ausgeliefert. Eine klassische Szene. Der Original-King Kong aus dem Jahr 1933 ist nur ein Beispiel von vielen. Ob Godzilla oder Dracula, Frankenstein... oder Humphrey Bogart: Wehrlose Frauen wurden auf Händen wahlweise bis in den Sarg oder auf die Spitze des Empire State Buildings getragen. Diese Filmplakate liefern den Beweis aus der kruden Vorzeit.

Das Auktionshaus "Swann Auction Gallery" versteigert nun die ungeheuren Filmplakate, in der Monster noch Helden und Frauen noch wehrlos waren. (Hier geht es zur Auktion).

(KURIER) Erstellt am

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