Vom :) bis :( Happy Birthday, Emoticon!

Das Emoticon wird 30 Jahre alt. Zeit für eine Rückschau, die bis in die Zeit Abraham Lincolns reicht ;)

Für manche gilt Abraham Lincoln nicht nur als jener Präsident, der der Sklaverei in den USA ein Ende gesetzt hat – sondern auch als heimlicher Erfinder des Emoticons. Denn wie ein Historiker des Digital-Archiv Proquest herausfand, war in einer in der New York Times erschienenen Rede des 16. US-Präsidenten ein Zwinker-Smiley - ;) – lesen. Das Erscheinungsdatum: 1862. Allen Verschwörungstheoerien zum Trotz: Hierbei dürfte es sich wohl um einen typographischen Fehlern handeln – dies sieht auch Allan M. Siegal, ehemals als Standards Editor bei der NYT beschäftigt. Zurück zum eigentlichen Ursprung des Emoticons also... ... den findet man im Jahre 1881: Das US-Satiremagazin Puck veröffentlichte damals ein "Set" an Emotions-Zeichen – betitelt mit "Freude, Melancholie, Gleichgültigkeit und Erstaunen". Ohne größeren Erfolg allerdings. Mitte des 20. Jahrhunderts fand das Smiley dann größere Verbreitung: Harvey Ball, freier Grafiker, wurde 1963 von einer Versicherungsgesellschaft mit der Erfindung eines Symbols zur Aufheiterung der Angestellten betraut. Das Ergebnis nach zehn Minuten Denkarbeit: Das allseits bekannte Smiley. Ball erhielt damals 45 Dollar für die Grafik – und danach nie wieder was. Kurz danach sprach auch einer der großen Autoren des 20. Jahrhunderts von der Notwendigkeit eines universellen Zeichens für das Lächeln. Gefragt, wo er sich unter den großen Autoren der Welt einordne... ... antwortete Wladimir Nabokow mit: "Ich denke oft, es sollte ein spezielles typographisches Zeichen für ein Lächeln geben; eine Art konkaves Zeichen, eine runde Klammer, die ich nun als Antwort auf Ihre Frage zeichnen möchte." Die elektronische "Übersetzung" der Smiley-Grafik datiert allerdings einige Jahre später – 1982, um genau zu sein: Am 19. September postete der Wissenschaftler Scott Fahlmann auf der Online-Pinnwand der Abteilung Computer-Wissenschaften eben jenen Text (siehe oben) – und erfand damit das heute gängige Emoticon.
Die Typograhie verbreitete sich schnell – diverse Variationen wurden erfunden, darunter auch einige von Emoticon-Vater Fahlmann selbst. Einige von ihnen kamen auch im ersten jemals publizierten Zeitungs-Artikel vor, der in der Headline ein Emoticon verwendete: Die New York Times hat in einem Artikel über die Ausdruckvielfalt von Twitter das Wort "happy" vergangenes Jahr durch ein simples :) ersetzt.
Fahlmann, der Internet-Emoticon-Erfinder, hat übrigens anlässlich des 30ers seiner Kreation diverse Interviews gegeben – und spricht zumeist davon, dass die meisten neu entstandenen Emoticons "hässlich und unattraktiv" seien. "Sie machen die Herausforderung zunichte, mit den Standard-Tasten einen cleveren Ausdruck für Gefühle zu finden." Wir sagen dennoch Happy Birthday, :)

Scott E. Fahlman ist ein Informatik-Professor an der Carnegie Mellon Universität. Die Nachwelt wird sich seiner aber nicht wegen Beiträgen zu künstlicher Intelligenz oder neuronalen Netze erinnern, sondern wegen drei Anschlägen auf der Computertastatur: ":-)". Vor 30 Jahren beendete der Forscher einen Disput über das korrekte Zeichen für Scherz mit der Anweisung: "Lest es seitwärts".

Damit war das "Seitwärts-Smiley" geboren, der Vorläufer jener animierten und blinkenden Minigrafiken, die als Grinser, Hundeaugen, Flaggen, Yin-Yang-Symbole die Chat-Programme bevölkern.

Aber auch Fahlmans Tasten-Symbol und seine Abwandlungen ";–)" und ":-(" haben die Jahrzehnte überdauert. In eMails und SMSen sind sie heute allgegenwärtig. Ein typischer Facebook-Dialog gefällig?

"XD" (breites Grinsen) .

":P" (herausgestreckte Zunge).

Außerdem existieren zahlreiche kreative Abwandlungen wie ":-L" (Vampir, dem ein Zahn fehlt) oder "};->" (Teufel; von der Co-Autorin dieses Berichts gern benutzt), die allerdings nicht häufig sind. Eine eigene Emoticon-Kultur ist in Japan entstanden: Die asiatischen Emoticons für Freude "(^_^)" oder für Ärger "(_)" werden im Westen nicht verwendet.

"Der Erfolg der Emoticons beruht auf ihrer Einfachheit. SMS sind nach wie vor häufig in Verwendung. Die Kurznachrichten bieten relativ selten die Möglichkeit echte Smileys zu machen. Außerdem haben sie nur 160 Zeichen zur Verfügung und es ist schwer, damit die richtigen Worte zu finden. Die Emoticons bieten die Möglichkeit, schnell ein Zwinker-Smiley oder ein lächelndes Smiley zu machen. Es wäre langwierig zu schreiben: Das finde ich lustig/witzig, ich musste soeben darüber schmunzeln/lachen", erläutert Mario Lehenbauer, Psychologe und Experte für Neue Medien.

Die wahre Funktion der Emoticons ist es aber, das Fehlen von Mimik, Gestik und Tonfall in elektronischen Nachrichten auszugleichen. Ein gravierendes Kommunikationsproblem, sagt Lehenbauer. "Wenn über SMS oder Chatnachricht zehn Minuten nach meiner Frage eine Antwort kommt, habe ich keine Information darüber, ob das Gegenüber nun zehn Minuten für die Antwort benötigte, oder ob es neun Minuten waren, die mit anderen Aktivitäten verbracht wurden, und die Antwort nur eine Minute gedauert hat."

Eines können Emoticons ganz sicher nicht: Spontane Emotionen und Zwischentöne vermitteln. Ob sich das Gegenüber öfter mit der Hand durchs Haar fährt oder nervös mit dem Bleistift spielt, wird nicht ausgedrückt. Facebook-Nutzer Isaac, ansonsten ein großer Emoticon-Fan, beschreibt diesen Mangel in einem vollständigen deutschen Satz: "Leute, sucht euch echte Freunde, mit denen ihr über alles reden könnt."

Interview: Wozu brauchen wir Emoticons überhaupt?

Mario Lehenbauer ist Psychologe an der Universität Wien. Der Forscher ist überzeugt, dass der Erfolg der Zeichen auf ihrer Einfachheit beruht und der Möglichkeit, missverständliche Textpassagen zu entschärfen oder zu betonen.

KURIER: Herr Lehenbauer, sind Emoticons geeignet, Gefühle auszudrücken?

Mario Lehenbauer: :–)

Sollten Menschen, die sich adäquat schriftlich auszudrücken wissen, nicht auf Emoticons verzichten?

:–(

Sind die Emoticons eine reine Spielerei, eine Angelegenheit der jungen Internet-Generation und der SMS-Verschicker?

:-((

Wird es auch in 20 Jahren noch Emoticons geben?

:–/

Okay, Sie sind also kein Prophet, aber zumindest Sie selbst werden Emoticons weiterhin benutzen, auch in Ihrer Online-Beratungstätigkeit?

:–))

Vielen Dank, Herr Lehenbauer.

(kurier / Martin Burger, Inrid Teufl, Adam Kehrer) Erstellt am

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