Letztes Update am 20.07.2012, 14:51
Sind Nazis Pop?.
Mit NS-Ästhetik beschäftigt sich die Popkultur nicht erst seit Rammstein und Marilyn Manson. Im Kinofilm "Iron Sky" sind Nazis derzeit sogar im Weltraum aktiv.
Kantige Gesichter, schneidige Uniformen, blitzende Stiefel, oder: "Hart wie Kruppstahl". So inszenierten sich die Nationalsozialisten, und so kann sie das Publikum weltweit in dutzenden Filmen sehen – von Hollywood über Independentproduktionen. Die Bosheit der Nazis wurde zum Klischee. Losgelöst vom historischen Kontext, stehen sie für das stilisierte Böse.Zum Durchklicken ...
In dem trashigen Science-Fiction-Film "Iron Sky" (derzeit im Kino) versuchen Weltraumnazis, die 1945 auf die dunkle Seite des Mondes geflüchtet waren, die Weltherrschaft an sich zu reißen. Von ihrem Hauptquartier in Hakenkreuzform aus, wollen sie mit ihren "Mondscheiben" die ganze Erde erobern.
Christoph Waltz spielte 2009 in Inglourious Basterds von Quentin Tarantino einen der charismatischsten Bösewichte der Kinogeschichte – den SS-Offizier Hans Landa. Seine Darstellung brachte ihm sogar den Oscar für den besten Nebendarsteller ein.
2009 fand die norwegische Trashkomödie Dead Snow weltweit eine große Fangemeinde und spielte mehr als 40 Millionen Dollar ein. Um das ultimative Grauen zu erschaffen, ließ Regisseur Tommy Wirkola Zombies in Naziuniformen auf das Kinopublikum los.
Aber nicht nur Filmregisseure, auch Musiker bedienen sich des Nazi-Looks.Bild: Motörhead mit Frontmann Ian „Lemmy“ Kilmister.
Marilyn Manson spielt seit Beginn seiner Karriere, besonders aber seit seinem 2003 erschienenen Album "The Golden Age of Grotesque", mit der dunklen Ästhetik des Verbrecherregimes. Seine Initialen, die auch als Bandlogo dienen, erinnern stark an die SS-Runen.
"Nazis sind Pop": Stil-Elemente aus der Nazizeit sind schon seit langem Bestandteil der Populärkultur und helfen offenbar auch, Platten und Filme zu verkaufen. Die provokante These "Nazis sind Pop" stammt von dem deutschen Journalisten Burkhard Schröder: In seinem gleichnamigen Buch kam er bereits im Jahr 2000 zu diesem Schluss, nachdem er Medien und Populärkultur auf ihre Anfälligkeit für Nazikitsch und –Stereotypen hin durchleuchtet hatte. "Iron Sky" und weitere Beispiele aus der jüngeren Vergangenheit verleihen Schröders Befund neue Aktualität.
Rollendes "R" und ironisierendes Spielen mit Sex und Gewalt: die deutsche Band Rammstein.
Der deutsche Filmwissenschaftler Marcus Stiglegger nennt dieses Phänomen "Nazi-Chic". Im Interview mit KURIER.at definiert er diesen als die "Kontinuität in der Selbstdarstellung des `Dritten Reiches`." Das betreffe also Uniformen, Waffen, Architektur und Symbole.
Bild: Hauptquartier der Nazis auf der dunklen Seite des Mondes in "Iron Sky".
"Nazi-Chic" sollte aber nicht unbedingt mit Verherrlichung oder gar nationalsozialistischer Ideologie verwechselt werden. Niemand würde etwa Marilyn Manson ernsthaft unterstellen, mit der Ästhetik des dritten Reiches auch dessen Ideologie übernommen zu haben.
Mit der Adaption und der Zitation der Symbolik und Ästhetik fand eine Dekontextualisierung und Umcodierung statt. Filme wie die Komödie "Mein Führer", mit Helge Schneider als tollpatschiger Adolf Hitler, sind auch erst dadurch möglich geworden.
Bild: Helge Schneider 2007 in "Mein Führer: Die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler".
In seinem Buch "Nazi-Chic & Nazi-Trash. Faschistische Ästhetik in der populären Kultur" erklärt Marcus Stiglegger auch, dass die meisten Mediennutzer Nazi-Chic gar nicht erkennen würden, wenn sie damit konfrontiert wären. Denn oft fehlten stigmatisierende Symbole wie Hakenkreuz oder SS-Runen.
Bild: Scarlett Johansson 2009 als "Silken Floss" in der Verfilmung des Frank Miller-Graphic Novels "The Spirit".
"So kann sich der Nazi-Chic als Teil der populären Kultur schon lange halten und steht inzwischen nicht mehr für den Nationalsozialismus und seine Verbrechen, sondern wurde umcodiert, in die Hybris des Popstars oder gar ...
Bild: Sucker Punch (2011)
... als Inbegriff einer universalen Ästhetik des Bösen." Das sei zweifellos eine Enthistorisierung der Nazi-Ästhetik, ob es um Verharmlosung gehe, müsse aber von Fall zu Fall entschieden werden.
Bild: Dead Snow
Kann man zum Beispiel Timo Vuorensola, dem finnischen Regisseur von "Iron Sky", vorwerfen, durch die sexy Inszenierung einer jungen SS-Offizierin die Verbrechen der Nazis zu überdecken?
Bild: Die deutsche Schauspielerin Julia Dietze als Renate Richter.
Auch im Mainstreamkino Hollywoods finden sich deutliche Anleihen: Der Helm Darth Vaders erinnert an die deutsche Wehrmacht. Und in "Indiana Jones" von Steven Spielberg sind Nazis ohne jeglichen historischen Bezug auf der rücksichtslosen Jagd nach der Bundeslade.
Natürlich kann der Begriff "Nazi-Chic" nicht auf jede künstlerische Darstellung der Nazizeit angewendet werden. Vor allem bei Filmen, die Wert auf eine historisch korrekte Darstellung legen.
Ein guter Indikator dafür, ob "Nazi-Chic" betont werde, ist laut Stiglegger die Farbe der SS-Uniform. Denn wer sich mit den Uniformen der Nazizeit beschäftige, stoße auf eine unglaubliche Uniformvielfalt...
Bild: "Operation Walküre" 2008 mit Tom Cruise.
..."Während auch bei der SS vor allem in der Kriegszeit die graue Uniform dominierte, taucht in Trash-Filmen fast immer die unheimliche schwarze Ausgehuniform der SS auf, die eigentlich historisch eher selten war", erläutert Stiglegger. Mit ihrem Totenkopf stehe sie für die extremste ästhetische Aura des Bösen.
Bild: Schwarze Nazitroopers in "Iron Sky".
Historisch um Authentizität bemühte Spielfilme wie "Der Pianist", "Schindlers Liste" oder "Operation Walküre" zeigen daher die unspektakuläre graue Uniform,...
Bild: Der Pianist (2002) von Roman Polanski.
...während in Trash-Filmen wie "Ilsa – She-Wolf of the SS", "Dead Snow" oder dem "Grindhouse"-Trailer "Werewolf-Women of the SS" die schwarze zu sehen sei.
Bild: Udo Kier als Franz Hess in dem Trailer zu Grindhouse von Rob Zombie
Die Wurzeln des "Nazi-Chic" finden sich in den 60er und 70er Jahren des 20. Jahrhunderts. Einer breiteren Öffentlichkeit kaum bekannt, wurden B-Movies mit so klingenden Namen wie "Last Orgy of the Third Reich" (ITA, 1977),...
Bild: "Isla, She-Wolf oft the SS" (USA, 1975)
... "The Black Gestapo aka Ghetto Warriors" (USA, 1975) zu Insidertipps unter Cineasten und besitzen auf DVD Kultstatus. "Iron Sky" und "Inglourious Basterds" zitieren diese Filme. Sie sind die Wurzeln des "Nazi-Chic" ...
...Am deutlichsten werden diese in Rob Zombies "Grindhouse"-Trailer "Werewolf-Women of the SS". (Bild)Auch die Surfer nahmen sich der Nazis an. Zu sehen im Trash-Trailer: "Surfnazis Must Die." (Link)
Was heute Zitat ist, war damals der Versuch einer Aufarbeitung. Filmwissenschaftler Stiglegger erklärt sich diese Filme durch den Einfluss der von Wilhelm Reich inspirierten Faschismustheorie, die den Nationalsozialismus im Rahmen von sexual politics und body politics erklärt habe. Die italienischen Filme "Die Verdammten" (1970) von Lucchino Visconti,...
Bild: "Private House of the SS", im italienischen Original: "Casa privata per le SS" (ITA, 1977)
... "Der Nachtportier" (1973) von Liliana Cavani und "Die 120 Tage von Sodom" (1975) von Pier Paolo Pasolini können als gelungene Beispiele dieser sexualisierten Perspektive auf den Nationalsozialismus betrachtet werden.
Da in diesen Jahren die Grenzen der Zensur fielen, spielte man im kommerziellen Film gerne mit Tabus und kopierte erfolgreiche Vorläufer wie die genannten. So entstanden in der Mitte der 1970er Jahre vor allem in Italien, aber auch Frankreich und Spanien, die Nazi-Trash-Filme, in denen Nationalsozialismus und sadomasochistische Softerotik zur Unterhaltung inszeniert wurden. Diese Filme funktionierten über den Tabubruch und waren ein zeitlich stark begrenztes Phänomen, das aber bis heute seine Fans findet.
Bild: Der Nachtportier (1973)
(kurier)
Erstellt am 10.04.2012, 17:46