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Zwei "No Pants"-Teilnehmerinnen in London.<br />
Foto: <a href="http://www.gabitorres.com">Gabi Torres</a>
Zwei "No Pants"-Teilnehmerinnen in London.
Foto: Gabi Torres - Foto: Photos by Gabi Torres

Letztes Update am 16.01.2013, 11:18

Eine U-Bahn voller Unterhosen. Beim "No Pants Day" vergangenen Sonntag bewegten sich Tausende Menschen in der Unterhose durch die Stadt.

Stellen Sie sich vor, sie sitzen in der U-Bahn. Es ist Mitte Jänner, ringsum sind die Menschen in dicke Winterjacken gehüllt. Die Tür geht auf und ein neuer Passagier steigt ein. Auch er trägt eine Winterjacke, aber keine Hose. Darauf angesprochen, meint er nur: „Die hab ich heute morgen vergessen“. Stirnrunzelnd wenden Sie sich wieder ihrer U-Bahn-Zeitung zu. Da steigt ein weiterer Hosenloser ein. Ebenso in der nächsten Station. Mehr und mehr füllt sich der Wagon mit Boxershorts. Sie wollten schon immer wissen, wer diese getupften Scheußlichkeiten trägt? Hier ist der Beweis.


Was als kleiner Aktionismus im Jahre 2002 begann, ist in New York inzwischen zu einem jährlichen Ritual geworden: Der No Pants Subway Ride. Diesen Jänner waren es 4000 Fahrgäste, die sich ohne Hose in New Yorks U-Bahn bewegten. Menschen jeden Alters, jeden Geschlechts und jeder Hautfarbe, die unten (fast) ohne eine U-Bahnfahrt antraten. Fahrschein ja, Hose nein.

Organisierter Protest? Hosenknappheit als Zeichen der Wirtschaftskrise? Mitnichten. Hinter dieser und anderer Aktionen steckt die Performance Gruppe Improv Everywhere. Ihr Motto: We cause scenes!

"Was wir machen", erklärt Gründer Charlie Todd, "ist ein bisschen wie versteckte Kamera. Aber bei uns gibt es keine Opfer. Wir wollen nur außergewöhnliche Situationen in einer per se nicht außergewöhnlichen Umgebung erzeugen. Wenn die Menschen dadurch kurz aus ihrem Alltagstrott aufsehen, verdutzt sind und unweigerlich lächeln müssen – dann haben wir gewonnen.“ Mission accomplished, heißt es dann im Improv-Everywhere-Jargon.

Erlebnis

Ein weiterer Unterschied zu all den lähmenden Streichen mit versteckter Kamera ist, dass die fiktive Situation niemals gebrochen, die Absurdität nie aufgeklärt wird. Anwesende Passanten müssen sich schon selber einen Reim auf das machen, was ihnen da eben widerfahren ist. „Wir möchten den Zuschauern ein unvergessliches Erlebnis verschaffen“, sagt Todd, „Sie sollen nachher zu ihren Freunden gehen und sagen. Du wirst nicht glauben, was mir soeben passiert ist…!“

Um das zu erreichen, lässt sich Improv Everywhere (kurz: IE) einiges einfallen. In einer Buchhandlung organisierten sie eine Autorenlesung: Anton Tschechov signiert seinen „Kirschgarten“. Kaum jemand störte sich daran, dass der russische Dramatiker bereits 1904 verstarb.

Im Springbrunnen des Washington Square Parks ließ Todd 26 seiner „Agenten“ als New Yorker Synchron-Schwimmteam auftreten und für die Olympischen Sommerspiele trainieren: „Leider sind alle Schwimmbecken der Stadt heute besetzt, deshalb müssen wir hierher ausweichen.“ – „Aber gibt es nicht nur weibliche Synchronschwimmerinnen?“ – „Äh…“

Legendär auch die „Mission“ in einem Laden der Elektronik-Fachmarktkette Best Buy. Die Uniform der Angestellten besteht hier aus khakifarbener Hosen und königsblauem Hemd. Was lag also näher als ca. 80 „Undercover Agenten“ in ebendiesem Outfit ins Geschäft zu schleusen. Ein wahrer Verkäufer-Overkill – und in klassischer IE-Manier eine Szene des Chaos und der Verwirrung. Das wurde Best Buy dann doch zuviel und es kam – wie des öfteren bei Todds Missionen zu Hausverweis und Klagsdrohung. Stimmt, die Burschen und Mädels schrammen immer knapp an die Legalitätsgrenze. Wirklich passiert ist aber noch nie etwas.

Im Gegenteil: Durch die konsequente Entkopplung des Konzeptes „Lausbubenstreich“ von Demütigung und Blamage, haben Improv Everywhere inzwischen die Unterstützung einer weltweiten Fanbase auf ihrer Seite. Spätestens seit ihrem Stunt am New Yorker Hauptbahnhof. Wer heute „Grand Central“ googelt, stößt unweigerlich auf das Adjektiv „frozen“. Charlie Todd: „Dabei war die Mission eine unserer kleinsten und einfachsten. Mit dem Ausmaß der Reaktionen hat keiner von uns gerechnet.“ Am 24. Februar 2007 lässt Todd 207 „Agenten“ den Bahnhof infiltrieren und mitten in der Bewegung „einfrieren“ – für genau fünf regungslose Minuten, danach läuft alles wieder weiter als wäre nichts geschehen.

Todd stellt das Video auf YouTube – und der virale Dominoeffekt nimmt seinen Lauf. Bis zum heutigen Tag haben über 18 Millionen Menschen „Frozen Grand Central“ gesehen. Noch besser: Tausende haben es nachgemacht. In über 200 Städten trafen sie sich zum Einfrieren; von Peking bis Kuala Lumpur, von Bloomington bis Brünn, von Malmö bis Wien. Sogar die ewigen Krisenherde Beirut und Tel Aviv wurden von der universellen Faszination erfasst und hatten ihre „frozen moments“. Damit hat Todd so ziemlich alles erreicht, was er wollte: Dass die Menschen aus dem monotonen Trott ausbrechen, aufschauen und von der Welt Notiz nehmen. Mit einem Lächeln.

(KURIER) Erstellt am 16.01.2013, 11:18


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