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Neil Harbisson bei einem seiner Vorträge im Juni 2012.
Neil Harbisson bei einem seiner Vorträge im Juni 2012. - Foto: Neil Harbisson

Letztes Update am 23.12.2012, 18:55

Dieser Mann kann Farben hören. Neil Harbisson sieht die Welt in Schwarz-Weiß. Dafür hört er sie in ihren prächtigen Farben..

Was klingt als wäre es einem LSD-Traum entsprungen, ist Realität. Neil Harbisson kann tatsächlich Farben hören. Seit seiner Geburt ist der 30-Jährige farbenblind – kann seine Umwelt nur in schwarz-weiß Schattierungen wahrnehmen. Achromasie nennt sich diese seltene Krankheit.  

Im Alter von 20 Jahren entwickelte Neil Harbisson deshalb den Eyeborg. Dieses kleine elektronische Hilfsmittel transformiert die Lichtwellen der Farben in Schallwellen. „Das ganze Farbspektrum passt innerhalb eine Oktav“, erklärt Neil Harbisson im Gespräch mit dem KURIER die Funktionsweise seiner Erfindung. „Insgesamt kann ich mehr als 360 verschiedene Farbtöne unterscheiden. Die Töne sind nicht beliebig zugeordnet – sie entsprechen der physikalischen Umsetzung von Licht- in Schallwellen.“

"Mozart deckt die gesamte Farbpalette ab."


„Ich kann also tatsächlich Farben hören“, zeigt sich Harbisson, der in seiner Heimat Barcelona Klavier studierte, selbstbewusst. Wenn Harbisson Musik hört, bilden sich Gemälde vor seinem inneren Auge. „Die Musik von Mozart ist meine liebste. In seinen Kompositionen nutzt er die ganze Farbpalette.“ Eine Lieblingsfarbe hat der Katalane mit britischen Wurzeln natürlich auch: „Dunkellila – das entspricht einem D auf der Tonleiter.“

Erster staatlich anerkannter Cyborg

Der Eyeborg veränderte nicht nur die Wahrnehmung Harbissons, er rückte auch die Idee der Cyborgs in das Zentrum seiner Welt. 2004 erreichte Harbisson, dass er mit dem nicht gerade dezenten Gerät auf seinem britischen Passfoto zu sehen ist. Kopfbedeckungen auf Passbildern sind eigentlich nicht erlaubt – außer man kann wie Niko Alm Jahre später mit seinem Nudelsieb religiöse Gründe dafür ins Feld führen. „Der Eyeborg  ist aber Teil meines Körpers. Für mich war das ganz selbstverständlich.“ In Zeitungsberichten wird Harbisson deshalb gerne als erster staatlich anerkannter Cyborg bezeichnet.

Die Mission Cyborg

Obwohl er sich im Interview gegen diese Bezeichnung wehrt, die Idee des Cyborgs verfolgt der Katalane mit erbittertem Eifer. Harbisson ist kein Synästhetiker – erst sein Eyeborg verleiht ihm diese spezielle Wahrnehmung. Synästhetiker nehmen zwei physikalisch getrennte Bereiche - etwa Farbe und Temperatur - gekoppelt wahr. Synästhesie kann vererbt werden, ist eine häufige Begleiterscheinung bei Schizophrenie - oder kann durch halluzinogene Drogen wie LSD hervorgerufen werden.

 


Im Jahr 2010 gründete Harbisson gemeinsam mit seiner Kollegin Moon Ribas die Cyborg Foundation. „Wir wollen allen Menschen helfen Cyborgs zu werden.“, klärt Harbisson über das ehrgeizige Ziel dieser „gemeinnützigen Organisation“ auf. Auf weltweiten Vorträgen (siehe Video unten) stellt er sich und seine Organisation vor und verbreitet die Idee seiner Cyborg Foundation.

Von der Raumfahrt in die Tierwelt

Doch was genau sind eigentlich Cyborgs? Ursprünglich stammt der Begriff aus der Raumfahrt. Dort tauchte er in den 1960ern erstmals in einem Aufsatz des australischen Wissenschaftlers Manfred Clynes auf. Er schlug darin die technische Anpassung des Menschen an die Umweltbedingungen des Weltraums, als Alternative zur Schaffung einer künstlichen erdähnlichen Atmosphäre innerhalb von Raumschiffen vor.
„Das 20. Jahrhundert hat den ursprünglichen Begriff zerstört.“ In Science-Fiction Filmen seien Cyborgs als Mischung aus Roboter und Mensch mit übernatürlichen Kräften vorgekommen, bedauert Harbisson. Der Cyborg des 21. Jahrhunderts habe damit nichts zu tun. „Wir wollen keine Superkräfte erfinden.“

Im Gegenteil: „Ziel der Cyborg-Gesellschaft ist es Techniken zu entwickeln, die den Menschen helfen ihre Sinne zu erweitern.“ Seine Partnerin Moon Ribas trägt Ohrringe mit Infrarotsensoren, die vibrieren, wenn sie Bewegung wahrnehmen. So kann sie auch hinter sich blicken ohne sich umzudrehen.

Die Bandbreite der Möglichkeiten scheint unendlich. Inspiration holen sich Harbisson und seine Kollegen dabei aus dem Tierreich. Er nennt Haie als Vorbilder, weil sie elektromagnetische Felder wahrnehmen und sich damit orientieren können. Die Fähigkeit mancher Vögel, ultraviolette Strahlung wahrzunehmen, sei ebenfalls nützlich.

"Was man mit der Technik macht, liegt in der Verantwortung eines jeden einzelnen."

Ohrringe und der Eyeborg sind dabei erst der Beginn. Die Cyborg Foundation hat Implantate im Sinn. Die Gefahr des Missbrauchs dieser Technik sieht Harbisson nicht. „Es liegt in der Verantwortung eines jeden einzelnen. Es ist wie bei einem Messer. Der eine verwendet es nur dafür Brot zu schneiden, jemand anderer tötet damit. Man kann alles auf eine schlechte und eine gute Art nutzen. Das kann man nicht kontrollieren.“ Dass er damit implizit ein gefährliches Potenzial dieser Technik zugibt, scheint Harbisson nicht weiter zu kümmern. Die Technik soll jedenfalls nicht Menschen mit Seh- oder Hörbehinderung vorbehalten sein.  „Jeder soll diese Technik verwenden können. Für mich gibt es nur zwei Arten von Menschen. Jene die ihre Sinne erweitern wollen und jene, die das eben nicht wollen.“

Dass er seine Sache äußerst ernst nimmt, wird Harbisson Ende Jänner diesen Jahres beweisen. Dann wird er sich in Barcelona einer Operation unterziehen. Dabei soll sein Eyeborg fix in seinem Schädelknochen verankert werden. „Die Ärzte werden drei Löcher in meine Schädeldecke bohren. Ein Loch für den Chip, eines für die Antenne und das dritte für den Audio-Input.“ Für seine Wahrnehmung selbst wird sich dabei nur wenig ändern. Die Schallwellen werden auch künfitg über den Knochen übertragen werden. Delfine hören so seit Millionen von Jahren.

Die Operation hat eine andere Bedeutung. Mit der dauerhaften Integration der Technik in seinen Körper wird Harbisson dem Ideal des Cyborg einen Schritt näher sein.


Video

TED-Talk

Neil Harbisson bei einem seiner Vorträge.

Weiterführende Links
ted.com

Cyborg Foundation

(KURIER) Erstellt am 23.12.2012, 18:55

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