Wednesday, May 23, 2012

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"Smoking Kids": Entzückend erschreckend

Warum Frieke Janssens Kinder mit Zigaretten, Pfeifen und Zigarren fotografiert, erzählt die belgische Künstlerin im Interview.

Letztes Update am 09.02.2012, 12:38


Künstlerin Frieke Janssens hat mit ihrer Fotoserie, die rauchende Kleinkinder zeigt, für Kontroverse gesorgt.

Die belgische Künstlerin Frieke Janssens, selbst ehemalige Raucherin, hat sich in ihrer kontroversiellen Fotoserie "Smoking Kids" mit kulturellen Unterschieden, Ästhetik, Retro-Charme à la "Mad Men" und der Frage beschäftigt: Hat das staatlich verordnete Rauchverbot die Menschen ihrer Freiheit beraubt oder hat es den Menschen geholfen, sich von dieser absurden Abhängigkeit zu befreien? Ein Interview.

KURIER: Was war die Idee hinter der "Smoking-Kids"-Serie?

Frieke Janssens: Dafür gab es mehrere Gründe, aber es war letztlich ein YouTube-Video von einem kettenrauchenden Kleinkind in Indonesien, das mich zu dieser Serie inspiriert hat. Das Video hat für mich die kulturellen Unterschiede zwischen westlicher und östlicher Welt hervorgehoben. Außerdem wollte ich das Rauchen, als hauptsächlich erwachsene Aktivität, hinterfragen. Erwachsene Raucher sind die gesellschaftliche Norm, mich hat aber auch der Standpunkt des Betrachters über das Rauchen an sich interessiert.

Credit: Frieke Janssens

Credit: Frieke Janssens

Credit: Frieke Janssens

Credit: Frieke Janssens

Credit: Frieke Janssens

Credit: Frieke Janssens

Credit: Frieke Janssens

Credit: Frieke Janssens

Credit: Frieke Janssens

Credit: Frieke Janssens

Credit: Frieke Janssens

Credit: Frieke Janssens

Credit: Frieke Janssens

Credit: Frieke Janssens


Die belgische Künstlerin Frieke Janssens.

Diese Kinder sind angezogen wie Erwachsene, posieren wie sie und sehen dabei auch noch so aus. Warum also Kinder?

Ich wollte eine Serie über Kontext und Widerspruch machen. Ich habe mit der Serie begonnen, weil ich von den unterschiedlichen Reaktionen auf dieses Video fasziniert war. Die westlichen Medien waren geschockt, eine normale Reaktion, wie ich finde. Die Eltern des Kleinkinds reagierten hingegen relativ gleichgültig. Wenn ich Erwachsene fotografiert hätte, wäre wohl die Persönlichkeit der abgebildeten Charaktere im Zentrum gestanden, der Betrachter würde aber das Rauchen an sich nicht in Frage stellen, weil es normal ist, einen Erwachsenen rauchen zu sehen. Ich habe das Rauchen aus diesem Erwachsenen-Kontext herausgenommen. Beim Anblick dieser Serie denkt man mehr über die Bedeutung des Rauchens nach und hinterfragt es. Zumindest ist das meine Absicht. Die Kinder posieren deshalb wie Erwachsene, weil in der westlichen Welt nur Erwachsene rauchen. Die Tatsache, dass Kinder rauchen, richtet die Aufmerksamkeit auch vielmehr auf diese typischen Posen, die Raucher eben haben. Der verträumt-nachdenkliche Blick u.s.w.

Wie wurden diese Fotos gemacht?

Am Set waren keine echten Zigaretten erlaubt. Ich habe die Kinder mit Kreide oder Käsestücken fotografiert, während Kerzen und Räucherstäbchen für den Rauch sorgten. Photoshop hat dann den richtigen Raucheffekt erledigt.

Wie waren das Shooting und die Arbeit mit den Kindern?

Mit Kindern zu arbeiten ist wesentlich einfacher, als man erwarten würde. Ich glaube sie sind schon eine Woche vor dem Shooting so aufgeregt, wie vor dem Nikolo. Wenn sie hier ankommen gibt ihnen jemand Kleidung und schminkt sie. Ziemlich aufregend, vor allem für die Mädchen.

Gab es ein spezielles Casting für diese Kinder?

Ich habe Kinder gecastet mit denen ich bereits gearbeitet hatte, habe einen Aufruf über Facebook gestartet und bei Agenturen und Freunden nachgefragt. Mit einem Wort, ich habe überall geschaut. Auf meiner Shortlist waren über 150 Kinder.

Die runde Form der Bilder und der gesamte Style geben den Bildern einen gewissen Retro-Charme. Was war die Idee dahinter?

Aus gesundheitlichen Gründen wurde bereits in zahlreichen Ländern das Rauchen verboten. Dadurch hat die Rauchkultur mittlerweile schon fast einen gewissen Retro-Touch. Man fühlt sich in die Zeit von "Mad Men" zurückversetzt, als man im Flugzeug oder im Restaurant noch rauchen durfte. Eine gewisse Ästhetik des Rauchens, die Art der Raucher mit den Händen zu gestikulieren und ihre spezielle Körperhaltung lassen sich nicht leugnen. Aber neben Assoziationen von Glamour und Jazz gibt es eindeutig auch weniger schöne. Raucher werden an der Rand der Gesellschaft gedrängt. Die Balance zwischen Schönheit und Hässlichkeit hat mich ebenfalls interessiert.

Auf den ersten Blick sind die Fotos einfach nur schön, aber auf den zweiten fühlt es sich schon sehr komisch an, diese Kinder so zu sehen…

Man weiß, dass Rauchen schädlich ist und viel Geld kostet und dennoch tut man es. Ich wollte diesen Widerspruch mit dem Untertitel unterstreichen: "The Beauty of an ugly addiction" (Die Schönheit einer hässlichen Abhängigkeit). Die Idee war, wenn Leute diese Bilder sehen, sollen sie sie schön finden. Andererseits ist es irgendwie surreal, diese Kinder rauchen zu sehen. Der Grat zwischen Schönheit und Hässlichkeit des Rauchens ist schmal.

Rauchen Sie?

Ich habe geraucht. Ich habe aufgehört, während ich die "Smoking Kids"-Serie gemacht habe. Aber ich wollte ohnehin aufhören. Das hat jetzt nichts mit der Serie an sich zu tun. Aber es ist einer der Gründe, warum ich die Serie gemacht habe.

Was denken Sie über das Rauchverbot in Bars und Restaurants?

Ich glaube jeder ist glücklich über das Rauchverbot in Restaurants. Ich glaube sogar, Menschen können es sich gar nicht mehr vorstellen, in Restaurants zu rauchen. Als ich 2009 in Tokio war, habe ich mich so frei gefühlt, in einem Restaurant rauchen zu dürfen. Aber andererseits konnte ich es nicht mehr wirklich genießen.

Als das Gesetz im Juni letzten Jahres in Belgien erlassen wurde, hat da die Regierung die Menschen ihrer Freiheit beraubt? Oder hat es den Menschen geholfen, sich von dieser absurden Abhängigkeit zu befreien? Nach einem halben Jahr ist mir aufgefallen, dass Gesellschaftsraucher (Leute, die nur in Gesellschaft rauchen) guter Dinge sind. Die Versuchung wurde reduziert. Und einige starke Raucher rauchen jetzt weniger.

Ich habe vor kurzem einen Artikel über das Nachtleben in Gent gelesen (Hauptstadt der belgischen Provinz Ostflandern), wonach Nichtraucher (hauptsächlich Studenten) mit ihren Raucherfreunden aus dem Lokal auf die Straße gehen, damit diese rauchen können. Manche Nichtraucher passen sich demnach fast mehr an als die Raucher. Diese gesellschaftlichen Veränderungen sind sehr spannend! Aber um bei der Frage zu bleiben: Ich bin eigentlich froh über das Rauchverbot, die Welt verändert sich, auch wenn die Vergangenheit, wo alles erlaubt war, in diesem Zusammenhang romantisch wirkt.

Ironischerweise wurde in Belgien das Rauchverbot in Bars zeitgleich mit der Vernissage von "Smoking Kids" durchgebracht. Es gab einen öffentlichen Aufschrei über staatliches Einmischen, das Gefühl, dass die persönliche Freiheit verletzt wurde und dass, Erwachsene wie Kinder behandelt würden.


Letztes Update am 09.02.2012, 12:38


Artikel vom 09.02.2012 11:02 | KURIER | Stella Reinhold | « zurück zu Kult


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