Thursday, February 23, 2012

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"Jonas": Ulmen drückt wieder die Schulbank

Ein filmisches Experiment: Der 36-jährige Christian Ulmen spielt einen 18-jährigen Schüler, der wieder in die Schule muss. Derzeit im Kino.

Letztes Update am 25.01.2012, 15:16


Christian Ulmen (36) nach seiner Verjüngungskur als 18-jähriger Schüler

Wer hat nicht schon einmal den Albtraum gehabt, noch einmal in die Schule gehen zu müssen? Laut Regisseur Robert Wilde war genau so ein Gedanke die Ausgangssituation für seinen Film "Jonas". Gemeinsam mit dem deutschen Schauspieler ("Herr Lehmann") und früheren MTV-Moderator Christian Ulmen suchte der gebürtige Österreicher nach einer neuen Herausforderung - nachdem die beiden bereits in dem Reality-TV-Format "Mein neuer Freund" diverse Kandidaten mit erfundenen Ulmen-Charakteren humorvoll hinters Licht geführt hatten.

Und so entstand die Idee, aus dem 36-jährigen Ulmen einen 18-jährigen Schüler zu machen, der an einer deutschen Gesamtschule in Brandenburg seine letzte Chance auf einen Schulabschluss bekommt und als Nachzügler neu in eine Klasse kommt - eine Schulklasse der 10. Schulstufe mit echten Schülern und Lehrern. Für den Mehrfach-Sitzenbleiber geht es darum, die Probezeit zu überstehen, um letztlich doch noch seinen Abschluss machen zu können. Also heißt es wieder Schularbeiten (ab-)schreiben, Turnen und Logarithmieren.

 

Jonas - Stell dir vor, es ist Schule und du musst wieder hin

Sechswöchiges filmisches Experiment

Regisseur Robert Wilde drehte mit "Jonas" sein Kinodebüt.

"Uns war klar, dass wir da von Anfang an mit offenen Karten spielen müssen," sagt Wilde im KURIER.at-Interview. "Wir wollten nicht `Mein neuer Freund 2` machen, wo man mit versteckter Kamera arbeiten würde und niemand außer uns eingeweiht wäre. Wir haben den Beteiligten ganz klar gesagt: Wir wollen eine Doku drehen, eine Klasse eine Zeit lang begleiten, mit einem neuen Schüler, der von einem erwachsenen Schauspieler dargestellt wird," erzählt Wilde. Von den Schülern, deren Eltern, den Lehrern bis zur Schulleitung musste jeder einzeln von dem sechswöchigen filmischen Experiment überzeugt werden. Was erfreulicherweise gelang.

Ein gewisses "Mysterium" sollte aber bei aller Offenheit erhalten bleiben, erklärt Wilde. Welche Handlungsstränge sich aus dem losen Drehbuch entwickeln würden, war den Protagonisten der musischen Paul-Dessau-Gesamtschule nicht klar. "Sicher hatten wir im Vorfeld konkrete Gedanken, wie Jonas sein sollte. Die Realität hat dann aber auch viel verändert, verbessert. Das ist ja das Spannende: Alles, was da auf dem Papier steht, kann gut funktionieren, kann aber auch gar nicht funktionieren - darauf musst du dann beim Dreh reagieren".

Verliebt in eine Lehrerin

Mondscheinsonate: Ulmen alias Jonas mit Frau Maschke

Und so ergaben sich kleine Geschichten, wie die Gründung einer Schulband (mit dem verschwurbelten Namen "JoMax T. to go"). Nicht nur beim Schließen von Freundschaften kann man Ulmen alias Jonas beobachten, auch zum Lehrkörper nimmt der unbekümmerte Neuling mehr oder weniger erfolgreich Kontakt auf. So findet er etwa an einer blonden Professorin Gefallen. "Frau Maschke war eine der Lehrerinnen, bei der ich schnell eine spezielle Aura gesehen habe," sagt Wilde. "Und dass man als Schüler für eine Lehrerin schwärmt, ist ja auch bei Christian und mir in der Schulzeit Thema gewesen. Deshalb war schnell klar: Frau Maschke ist super, in die muss man sich einfach verlieben".

Die Figur Jonas entwickelte der Regisseur gemeinsam mit Ulmen als "angstfreien, jungen Menschen mit musischen Fähigkeiten, der viel Phantasie hat, an den Menschen interessiert ist und daran, wie die Welt funktioniert". Er passe aber schlecht in ein System - als intelligenter, frecher, aber auch ein bisschen fauler Typ. "Aber wenn er etwas findet, das ihn fasziniert, dann ist er mit Begeisterung dabei." Wie eben in der von ihm gegründeten Schulband.

Schule als Wissensweitergabe von Älteren an Jüngere hält Wilde grundsätzlich für ein "tolles System", schränkt aber ein: "In der Gesellschaft wird oft mit Angst gearbeitet, das wird auch in der Schule gemacht". Da werde Schülern manchmal eingeredet: "Wenn du diese Prüfung nicht schaffst, ist dein Leben vorbei". Im Idealfall sei Schule aber etwas, das Lust aufs Leben mache, wo man herausfinde, wer man selber ist, und was einem Freude macht.

"Was hat dich bloß so ruiniert", singt die Hamburger Band die Sterne am Anfang der amüsanten Semi-Doku. Spezielle Statements zum Zustand des Schulsystems wollten die Macher mit dem Film allerdings nicht abgeben. Wilde: "Es ging grundsätzlich darum, aufzuarbeiten, wie wir unsere eigene Schulzeit erlebt haben, und darum, nachzuschauen, was sich da seitdem verändert hat - losgelöst von aktuellen Debatten".

Zweieinhalb Stunden in der Maske

webfreetv

Zwischen Wilde und Ulmen passt offenbar die Chemie, auch wenn die gemeinsam entwickelten Undercover-Formate oft Grenzgänge seien. "Aber in diesen Grenzgängen zeigt sich halt viel. Und das fasziniert uns beide daran".

Zu einer Art Grenzgang wurde auch Ulmens Wiedersehen mit dem Mathematik-Unterricht. In einem Interview sagte der Schauspieler: "Der Moment, an dem ich an der Tafel stand, Logarithmus-Aufgaben rechnen sollte und keinen Plan von gar nichts hatte, war furchtbar. Ich hatte mir vorher immer wieder gesagt ‚Du bist erwachsen. Du hast die Schule hinter Dir. Und es kann Dir völlig egal sein, wenn Du etwas nicht weißt.‘ – das hat überhaupt nicht funktioniert. Es war ganz genau wie früher, einfach unendlich peinlich."

Damit Ulmen glaubwürdig einen 18-jährigen Jugendlichen darstellen konnte, musste der TV-Star ein paar Kilos abspecken und jeden Tag bis zu zweieinhalb Stunden in der Maske verbringen. Bei einem Schulbeginn um 7:45 Uhr musste das Filmteam da oft schon um vier Uhr Früh auf den Beinen sein.

Ulmen bringe bei der Entwicklung seiner Verwandlungsrollen viel Detailverliebtheit ein. So habe man ursprünglich auch mit einem dunklen Haar-Look mit Emo-Touch experimentiert. Ob Christian Ulmen auch eine gewisse Grund-Naivität für seine Charaktere mitbringe? Wilde: "Das spielt eine ganz große Rolle. Ich belege `Naivität` sehr positiv, im Sinne von `unvoreingenommen`.

"Das hätte auch schiefgehen können"

Die Schüler hatten offenbar auch viel Spaß im gefilmten Schulalltag.

Die Schüler hätten sich schnell an die Kameras im Klassenzimmer und am Schulhof gewöhnt und den verkleideten Ulmen als einen der ihren akzeptiert. "Das Thema war schnell erledigt für die. Das waren halt Spielregeln, an die sich sich gehalten haben. Wenn man in einem Spiel drinnen ist, dann will man ja mitspielen. Sie wollten sich selbst etwas beweisen und Teil dieses Films sein." Die Teilnahme an dem Projekt habe bei den Schülern auch Energien freigesetzt, die Noten hätten sich laut dem Schuldirektor sogar verbessert, meint Regisseur Wilde. Ihn freut auch, dass, als nachhaltige Folge des Experiments, auch ein Video-Schneideraum an der Schule eingerichtet worden sei.

Nachhaltiger Eindruck könne auch auf die Lehrer ausgeübt haben, sich selbst bei der Arbeit beobachten zu können. "Die werden eh dauernd geprügelt von allen," meint Wilde. "Natürlich machen sie auch Fehler". Zum Beispiel habe eine Lehrerin, die zunächst skeptisch gewesen sei, nach dem Film-Screening gesagt: Sie habe zum ersten Mal gesehen, wie sie in einer Stresssituation auf einen Schüler reagiert. Sie habe daraus geschlossen, dass der Schüler da gerade keine Belehrung, Strafe, Argumente gebrauch hätte - sondern einfach eine gewisse Emotion.

Wilde räumt ein, dass ihm bewusst war, dass das ganze Unternehmen auch schiefgehen hätte können: "Wir hätten da auch nach einer Woche rausfliegen können." Da es aber zum Glück ganz anders gekommen ist, ist das Ergebnis derzeit in den österreichischen Kinos zu sehen.


Letztes Update am 25.01.2012, 15:16


Artikel vom 25.01.2012 01:47 | KURIER | Peter Temel | « zurück zu Kult


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