Letztes Update am 18.06.2012, 14:32
Arbeiten immer und überall: Die Technik erleichtert die Arbeit. Und macht uns zu Sklaven des Smartphones.
Mitte der 80er-Jahre zückte Michael Douglas in der Rolle des Gordon Gecko im Film "Wall Street" das Handy, um seinen Adlatus Charlie Sheen anzurufen. Douglas telefonierte vom Strand aus – das war eine der ersten filmischen Szenen des mobilen Arbeitens. Gecko war ein Privilegierter, einer mit viel Geld. Das Handy – größer als sein Kopf –, ein Motorola DynaTAC 8000X, kostete damals 3995 US-Dollar.
Keine 30 Jahre später hat das Gros der Menschen in der industrialisierten Welt eine ganze Armada an mobilen Geräten: Mobiltelefone, Laptops und Tablets. Bei der Oma im Garten werden SMS geschrieben, eMails am Sonntag beim Frühstück mit Freunden gecheckt. "Always on" ist das Schlagwort der jungen Mobilen.
Ob es Gnade oder Fluch ist, diese Frage stellt sich für diese Generation oft nicht, die Devices sind ein fixer Teil des Lebens – und der Arbeit.
Für viele ist das kein Problem, sie instrumentalisieren die Technik, um ihre Work-Life-Balance zu verbessern. Sie kommen mit der ständigen Erreichbarkeit besser zurecht als andere, die das krank macht. Die Gründe dafür: Organisation und klare Regeln. "Es hängt davon ab, wie man sich die Welt einteilt, sich selbst organisiert, aber vor allem auch, wie man organisiert wird. Der persönliche Teil schwingt immer mit, aber ich halte den Firmenteil für viel wichtiger" sagt Arbeitspsychologe Paul Jiménez. Klare Regeln zur Erreichbarkeit müssten definiert sein und Abschalten, ohne einen Nachteil davon zu haben, sei das Wichtigste. Dass den Mitarbeitern nach Dienstschluss oder an den Wochenenden wie bei VW (siehe Seite 3) keine Mails mehr zugestellt werden, hält Jimenez aber nicht für die Lösung. "Jeder muss sich auch selber in die Pflicht nehmen. Das ist eine persönliche Kompetenz." Für den amerikanischer Soziologen und Gründer der Foundation on Economic Trends Jeremy Rifkin war die Lösung: "Balance. Ein Ausgleich zwischen Effizienz und Einschränkung."
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Können aber dürfen nicht
Das Konzept eines Arbeitsplatzes, an den der Mitarbeiter örtlich gebunden ist, wird zunehmend zu einem Anachronismus. Laut einer aktuellen Studie von IT-Dienstleister CSC würden 51 Prozent der Befragten in Zukunft gerne mehr von unterwegs oder von zu Hause aus arbeiten. Zwei Drittel der Unternehmen bieten bisher die Möglichkeit, mobil auf Unternehmensdaten zuzugreifen und nur ein Viertel plant die Einführung oder Weiterentwicklung mobiler Anwendungen. CSC -Manager Norbert Haslacher kann das nicht verstehen: "Es wurden Milliarden in den Ausbau der Infrastruktur investiert. Dafür haben wir eine relativ geringe Nutzung von mobilen Anwendungen. Nur Facebook ist zu wenig." Obwohl nur wenige Unternehmen die Möglichkeit nutzen, glauben 61 Prozent der Befragten, dass Unternehmen von mobilen Anwendungen profitieren. Die Vorteile: Schneller, flexibler im Hinblick auf Kundenbedürfnisse, günstiger und ein modernes Image. "Heute hat niemand mehr Interesse an einem Nine-to-five-Job. Junge Menschen fragen heute schon bei einem Bewerbungsgespräch nach, welche mobile Infrastruktur bieten Sie mir als Arbeitgeber?", sagt Haslacher. Mobiles Arbeiten sei auch für Teilzeitkräfte und junge Mütter und Väter hilfreich, sie könnten dadurch arbeiten, wann es ihnen ins Leben passt. Mobiles Arbeiten funktioniert aber nur, wenn Vertrauen und Disziplin vorhanden sind. Tachinieren, nur weil der Chef nicht danebensitzt, fliegt eher früher als später auf. Aber nicht das mangelnde Vertrauen in die Mitarbeiter ist der Grund, warum in österreichischen Unternehmen relativ wenig mobil gearbeitet wird: Es mangelt am Vertrauen in die Sicherheit der Systeme. Interessant ist, dass 85 Prozent der Manager laut Studie mobil arbeiten (dürfen). Man vertraut sich schließlich selbst. War schon bei Gecko so.
Erreichbarkeit nach Dienstschluss
Ich war meist vor sieben Uhr im Office, habe gefrühstückt, war im Fitnesscenter, dann habe ich begonnen zu arbeiten. Meist bis 20 Uhr, dann habe ich zu Hause zwei Stunden mit meiner Familie verbracht und bin wieder online gegangen. Bis eins, zwei in der Früh", erzählt der ehemalige Google-Manager Doug Edwards im Interview mit dem KURIER. Gestört habe ihn das nie. "Den Google-Gründern Larry Page und Sergey Brin war es egal, wann die Arbeit erledigt wurde. Es musste nur rechtzeitig sein", sagt er.
Die Deutsche Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) würde sich die Haare raufen, im äußersten Fall vielleicht das Stromnetz lahmlegen, würde die Sillicon-Valley-Normalität in Deutschland einkehren. "Es braucht glasklare Regeln, zu welchen Uhrzeiten ich erreichbar sein muss und wann ich dafür meinen Ruheausgleich bekomme. Wann muss ich eMails checken und wann ist es okay, dass ich mich später darum kümmere?", forderte sie Anfang dieser Woche. VW lebt es vor: Eine halbe Stunde nach Arbeitsende wird die Weiterleitungen vom eMail-Server auf die Blackberry-Handys der Mitarbeiter abgeschaltet und erst 30 Minuten vor Arbeitsbeginn werden die Server wieder hochgefahren. Alles zum Wohle der Mitarbeiter. Die dadurch leicht entmündigt wirken.
Der KURIER hat vier österreichische Manager befragt, wie sie das Thema Erreichbarkeit in ihrem Unternehmen handhaben.
Studie: Im Bett mit dem Smartphone
Vor Kurzem hat iPass Inc. den Quartalsbericht über mobile Arbeitskräfte veröffentlicht: 60 Prozent der mobilen Mitarbeiter geben an, eine mehr als 50- bis 60-Stundenwoche zu haben und dass die Wochenenden die beliebteste Arbeitszeit für Telearbeit sind. Der Bericht beschreibt auch, wie mobile Mitarbeiter alles daransetzen, um drahtlos vernetzt zu sein: 30 Prozent sind mit dem Auto durch die Gegend gefahren, um verzweifelt ein freies WLAN zu finden. Außerdem meldet der Bericht, dass gegenüber 2011 die mobilen Mitarbeiter, die nachts wegen Stress aufwachen, um 16 Prozent gestiegen ist.
88 Prozent der "global mobilen" Mitarbeiter geben an, dass eine Funkverbindung für sie ebenso oder fast genauso wichtig ist wie fließendes Wasser und Strom.
Zudem ist der Anteil der mobilen Mitarbeiter, die ihr Smartphone mit ins Bett nehmen, gestiegen: In Asien geben 71 Prozent an, dass sie ihr Smartphone ins Bett mitnehmen, gefolgt von 58 Prozent der Nordamerikaner und 55 Prozent der Europäer. Als Erstes checken 38 Prozent der mobilen US-Arbeiter nach dem Aufwachen ihre Mails, gefolgt von 33 Prozent in Asien und 29 Prozent in Europa.
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