Dienstag, 16. März 2010 | Schriftgröße: AAA

» Registrieren / Anmelden

Der redlich erworbene Kanzler-Malus Zum Hauptartikel

    Alfred Gusenbauer ist das Amt des Regierungschefs eine Nummer zu groß.

    DruckenSendenLeserbrief
    Der Kanzler-Bonus ist nur dann einer, wenn man ihn nicht verspielt. Wer dazu Näheres wissen wollte, zum Beispiel weil er gerade Kanzler ist, bräuchte nur bei Wolfgang Schüssel nachzufragen.

    Der ehemalige Schweigekanzler war in vielem unbestritten souverän. Aber er hat, wenn er sprach, mit der Überheblichkeit des Besserwissens die Befindlichkeiten der Bevölkerung vom Tisch gewischt (Stichwort: "Kein Pflegenotstand"). Damit hat er sich im Herbst 2006 selbst um den Kanzler-Bonus und den sicher scheinenden Wahlsieg gebracht.

    Dass Schüssel daraus gelernt hat, lässt sich aus seinen Auftritten nicht ablesen.
    Dass sein Nachfolger im Kanzleramt daraus lernen könnte, lässt sich schon aus zwei Gründen ausschließen: Alfred Gusenbauer hat den Kanzler-Bonus noch gar nicht. Und ihm fehlt, das zeigen auch die Tage nach den Auftritten zu „Ein Jahr ich“, jegliche Souveränität.

    Von Beginn weg

    Es ist zugegeben schwierig, mit großen Wahlversprechen in eine Große Koalition zu gehen und gut auszusteigen. Noch schwieriger ist es, wenn man einen Partner hat, der es darauf anlegt, den Regierungschef schlecht aussehen zu lassen. Das Umfaller-Image war von Beginn weg der Kanzler-Malus des Alfred Gusenbauer.

    Dennoch wäre ihm niemand im Weg gestanden (außer er selbst), sich als Macher zu positionieren. Hätte er sein eigenes Team führen und der Regierung, dem Land einen Kurs vorgeben können. Hätte er Kompetenz zeigen müssen, nicht nur selbstverliebt bei Rotweinen.

    Stattdessen sonnt sich der Kanzler seit jeher auf Society-Events wie Kitzbühel oder Schladming (wo er sich inzwischen auspfeifen lassen muss), sagt zu wichtigen Themen entweder gar nichts (wie zum SPÖ-Debakel in Graz) oder "Schwamm drüber" (wie bei der über Monate vergurkten Pflege-Lösung).
    Und in grenzenloser Selbstüberschätzung ist dem SPÖ-Chef nicht annähernd bewusst, dass sich ein dubioses Flug-Upgrading und abenteuerlich-patscherte Erklärungsversionen dazu mit der selbst reklamierten "Spitze der Moralpyramide" nicht vereinbaren lassen.

    Derweil schütteln die Roten an der Basis längst den Kopf. Gusenbauer hat die Partei wider Erwarten zur Kanzlerschaft geführt. Aber die Kanzlerschaft droht für die Partei bei kommenden Wahlgängen zur größten Bürde zu werden, schwache Landeskandidaten hin oder her. Sich von Wolfgang Schüssel nur den Schweigekanzler abzuschauen, um sich damit über den Tagesstreit zu heben, ist zu wenig. Hie und da von der "sozialen Handschrift" zu fabulieren und davon, dass alles besser werden müsse, reicht auch bei der eigenen Klientel nicht einmal in Schönwetterzeiten für ein Strahle-Image.
    Stimmt schon: Alfred Gusenbauers Gegner dürfen seine Nehmerqualitäten und seine Hartnäckigkeit nicht unterschätzen. Am hartnäckigsten ist er zurzeit aber beim Unterschätzen seines in einem Jahr redlich erworbenen bzw. ausgebauten Kanzler-Malus.

    Artikel vom 28.01.2008 16:41 | KURIER | Andreas Schwarz