Alles bleibt anders
Doris Knecht | 15.03.2010, 15:00
Was nicht besser wird, wird schlechter. Was sich nicht verändert, stagniert nicht nur, es verstaubt, verdirbt und erodiert schließlich.
Die aktuellen Beispiele, die diese These belegen: Die Kirche, der österreichische Skiverband, das Wetter. Wobei das, was im ÖSV vorgeht - oder besser: nicht vorgeht - die Österreicherinnen und Österreicher spürbar am meisten verunsichert. An der Niederlagen-Serie des heurigen Winters wird die Nation noch lange beißen, vor allem, weil er jetzt vorbei ist. Was bedeutet, dass eine neue Saison mit neuen Niederlagen auf dem Rasen droht. Aber die sind wir ja gewohnt.
Der Grund für den Misserfolg - und das gilt auch für die Kirche - ist die Erfolgsverwöhntheit. Der Umstand, dass etwas über Jahre oder Jahrhunderte prima funktioniert hat, verleitet natürlich leicht zu der Annahme, dass das Festhalten an den bewährten Strukturen, Regeln und Personen weiteren Erfolg garantiere. Leider: nein. Leider im Gegenteil.
Schuld sind wieder einmal: die Menschen, vor allem die Außen-Menschen. (Im Falle des ÖSV speziell die ausländischen Menschen, die frecherweise immer besser werden und sich nicht an die österreichischen Maßstäbe zu halten gewillt sind.) Dauernd verändern sich die Menschen, verändern ihre Kommunikationsformen, ihre Vorlieben, ihre Einstellungen, ihr Tempo, ihre Leidensbereitschaft, ihre Wünsche, ihre Leben.
Die Kirche ignoriert das eisern, schottet sich ab und gewöhnt sich halt an ihre Entmenschlichung - und ihre Musealisierung. Ob der ÖSV diesem Beispiel folgen wird, ist noch offen.
Denn nur, was sich erneuert, kann auch besser werden. Und das gilt jetzt bitte auch für das Wetter.
Kandidat sticht Partei
Doris Knecht | 12.03.2010, 16:00
Direkt wählen zählt in Niederösterreich mehr.
Ihre Kolumnistin lernt gerade die Eigenheiten ihrer schönen Nebenwahlheimat Niederösterreich kennen. Und ist, siehe letzte Kolumne, ein wenig verwundert über die Direktwahl-Besonderheiten bei den Gemeinderatswahlen: die Kandidaten können Direktwahlstimmzettel mit nur ihrem Namen darauf ausgeben, auf denen man nichts mehr anzukreuzen braucht und die den amtlichen Stimmzettel ersetzen.
Was Leser-Reaktionen bewirkte: Einige zeigten sich über die niederösterreichischen Demokratie-Spezialitäten gleichfalls irritiert: das sei "obskur", und "verunsichernd". Andere schimpften mich "ahnungslos", reimten mir "Gepolter" an und begrüßten die Regelung: Das sei bitte die niederösterreichische Wahlordnung und gut so, und jegliche Verwunderung darüber sei höchst unangebracht.
Demokratie, leicht gemacht
Doris Knecht | 10.03.2010, 15:00
Post aus NÖ: "Mit dem beiliegenden Stimmzettel ist es möglich, mich direkt zu wählen."
So, zugeklebt, fertig, muss nur noch in die Post. Ihre Autorin, Neben-Niederösterreicherin, hat gerade gewählt: Entschied sich für eine von zwei Parteien und vergab ihre Vorzugsstimme.
In vielen niederösterreichischen Gemeinden wird einem diese Entscheidung erleichtert. Leser R. aus Langenlois etwa erhielt einen Brief seines Bürgermeisters: Es sei kommenden Sonntag eine wichtige Entscheidung für die nächsten fünf Jahre zu treffen, man habe viel geleistet.
Vater sein dagegen sehr
Doris Knecht | 09.03.2010, 16:00
Es ist nicht nur die Schuld der Väter, dass die Väter-Karenz so unpopulär ist.
Anlässlich des Frauentags las der Kollege H. im KURIER diesen Satz der ÖVP-Parlamentarierin Silvia Fuhrmann: "Wenn ein Mann einfach nicht in Karenz gehen will, kann auch die Politik nichts tun." Und er erzählte dann Folgendes:
Im Jänner bekamen der Kollege und seine Freundin ihr erstes Kind: einen Sohn. Und gleich, nachdem dieser auf die Welt kam, bekamen die beiden schon im Krankenhaus eine Sozialberatung der Wiener Mag 11, auch bekannt als: Amt für Jugend und Familie.
Wie Missbrauch am besten funktioniert
Doris Knecht | 08.03.2010, 15:00
Hermetisch geschlossene Systeme sind der Nährboden für Kindesmissbrauch.
Das gab's immer schon. Und jetzt wird - wenn nötig auch gegen den Widerstand der Kirche, - endlich auch darüber geredet, was in deutschen katholischen Internaten vorgefallen ist. Und vermutlich noch immer vorfällt.
Ein Mal im Jahr
Doris Knecht | 07.03.2010, 16:00
Wieso der Frauentag abgeschafft gehört.
Aus der ÖVP-Aussendung einer österreichischen Ortschaft: "Die Kandidatinnen für die Gemeinderatswahl 2010 laden herzlich ein zum Frauentag am Donnerstag den 11. März 2010 um 19 Uhr: So mache ich mehr aus meinem Typ."
Muss man zum Tag der Frau mehr sagen? Ja: Auch wenn man den Frauentag nicht so gründlich missversteht, ist er trotzdem ein Irrtum. Der Frauentag gehört abgeschafft. Er ist kontraproduktiv. Ein Tag im Jahr: Trommelwirbel, Magazincover, TV-Talks. Frauengeschichten. Statistiken und Zahlen, die jedes Jahr wieder beweisen, dass all die Frauentage der letzten Jahrzehnte nichts bewirkt haben, dass es immer schlimmer, die Schere immer größer und das Leben am 9. März weitergehen wird wie zuvor. Wieder wird jede Quotenforderung, jeder Versuch, die Gleichstellung der Frauen in Österreich endlich Realität werden zu lassen, von den zuständigen Stellen aus pragmatischen, finanziellen und organisatorischen Gründen abgeblockt werden. Und die auch zu diesem Frauentag nicht beantwortete Frage, warum es z. B. keine einzige österreichische Uni-Rektorin gibt, wird man 364 Tage lang gar nicht mehr stellen. Ist halt so.
Zudem impliziert so ein Tag der Frau, dass Frauen etwas Extraordinäres seien: wie eine seltene Spezies, die man sich im Zoo anschaut: Da schau, arm! - und jetzt zu Wichtigerem. Und genau das ist systemstabilisierend. Ein Mal im Jahr ein schlechtes Gewissen: das korrigiert nicht den Lauf der Dinge. Korrigierend wirken dagegen die Menschen, die Frauen, die das ganze Jahr dafür kämpfen, dass sich schritt-, ach: trippelweise doch etwas ändert und bessert. Der Frauentag tut das definitiv nicht.
Älter, milder, bärtiger
Doris Knecht | 05.03.2010, 16:00
Glück bedeutet manchmal auch einfach, Käse zu produzieren.
Weil wir gestern übers Speiben sprachen: Das provokative Kokettieren einer Präsidentschaftskandidatin mit rechtsextremem Gedankengut verlängert den Brechreiz weit über die virale Infektion hinaus. Es ist das alte Dilemma: Einerseits kann man derartige Ungeheuerlichkeiten nicht unerwidert lassen, anderseits signalisiert jede Reaktion auch Gesprächsbereitschaft ... Es ist ein ewiges Elend, dass diese Strategie immer wieder Erfolg hat.
Auch deshalb dachte ich diese Woche lieber über Alex James nach. James war - und ist es bei Bedarf noch - Bassist der britischen Band Blur, die das Lebensgefühl, mit dem meine Generation erwachsen wurde, präzise, politisch und extrem erfolgreich in Popmusik übersetzte. (Oasis gaben die dumpfen, begabten Bauchmenschen, Blur die wachen, sensiblen Schlauköpfe.) Blur waren so etwas wie der kürzeste Weg von Punk zu Pop, mit allen exzessiven Begleiterscheinungen, die der Rock-'n'-Roll-Lifestyle so im Repertoire hat.
Dafür wird man irgendwann zu alt und zu gescheit. (Naja, die meisten; Oasis nicht.) Damon Albarn, der geniale Blur-Frontman, rannte in die Welt hinaus und nahm von überall Sounds mit, die er in verschiedenen Formationen einbrachte. Gitarrist Graham Coxon wandelte solo und in der Kunst. Und Alex James wandte sich ab und zog aufs Land. Zog aufs Land, bekam fünf Kinder und begann auf seiner Farm Käse zu produzieren. Und schrieb darüber ein Buch, dessentwegen er jetzt Interviews gibt, und das Konzentrat ist: Der Mann hat wieder den richtigen Ort zur richtigen Zeit gefunden, den Ort, an dem er ungestört älter, milder und bärtiger werden kann. Der Mann ist glücklich. Und er weiß, warum.
The Sound of Frühling
Doris Knecht | 04.03.2010, 15:00
Sich entleerende Mägen und Vogelgezwitscher - die schüchternen Anzeichen auf den Frühling.
Um fünf Uhr Früh spieb das Kind zum vierten Mal, und als es wieder schlief, ging ich hinaus auf den Balkon, frische Luft atmen. Und dann hörte ich es. Die Vögel. Die Vögel sind wieder da.
Wenn die Vögel wieder da sind, ist der Winter vertragsgemäß vorbei. Leider kommt der Lenz heuer nicht nur mit dem Geräusch zwitschernder Vögel, sondern mit (Vorsicht! Ab hier 50%iges Gustiositätsgefälle!) einem weiteren: Dem Sound von plötzlich sich entleerenden Mägen. Jeder um mich herum speibt, hat gespieben - oder wird demnächst speiben, weil er schon angesteckt wurde.
Ich habe es gerade hinter mir und trachte jetzt, während ich das Kind versorge und tröste, allmählich meinen Kreislauf wieder ... (Kurze Unterbrechung. Die Schule hat angerufen. Das andere Kind sähe so aus, als würde es gleich speiben und sei deshalb pronto abzuholen. Bin gleich wieder da.) Bin wieder da. Die Kinder sehen fern, um sich vom Bauchweh abzulenken, und wenn ich das oben erwähnte Geräusch vernehme, laufe ich los, um mütterlichen Beistand zu leisten und dann eiskaltes Wasser in klitzekleinen Schlucken zu verabreichen, wie es die Hausärztin meines Vertrauens empfohlen hat. Sie händigte mir zudem ein Rezept für eine Rossi-Kur aus (¼ l Schwarztee , ¼ l frischen Orangensaft, ¼ l abgekochtes Wasser und eine Prise Salz mischen, im Tiefkühlfach kühlen und eiskalt löffelweise über den Tag verteilt verabreichen), aber das akzeptieren meine nicht einmal, wenn ihnen brechschlecht ist. Hoffentlich wird es auch so besser.
Dann geh ich hinaus auf den Balkon, nehme meinen Kreislauf langsam wieder in Betrieb und seh mir den Frühling an. Vielleicht zeigt sich ja ein Vogel.
Kundendienst, so und anders
Doris Knecht | 03.03.2010, 15:00
Schön, dass es Unternehmen gibt, die es sich noch leisten können, auf Kunden zu verzichten.
Klara K. startet ihr MacBook neu: graue Fläche. Nichts. Bei dem Apple-Händler am Getreidemarkt, bei dem sie das MacBook vor zwei Jahren und drei Monaten gekauft hat, erklärt ihr ein Herr, der Kostenvoranschlag koste 66 Euro, und nein, keine Ahnung, was das Gerät haben könnte, aber vor in zwei Wochen sei nichts zu machen. Klara K. erklärt dem Mann, ihre Erwerbstätigkeit hänge von dem Gerät ab. Der Mann zeigt professionelles Desinteresse. Ob es denn einen Expressdienst gäbe? Ja, das koste 59 Euro extra. Der Mann ruft einen Techniker an, legt sein Ohr ans Gerät und bescheidet Frau K. dann: derzeit kein Expressdienst. Frau K. erklärt, dass sie in diesem Laden bereits zwei iBooks für je 1000 Euro gekauft habe, was dem Mann nicht gleichgültiger sein könnte. Klara K. zieht ab: Schön, dass es Unternehmen gibt, die es sich noch leisten können, auf Kunden zu verzichten.
Nur a b'soffene Gschicht
Doris Knecht | 26.02.2010, 15:00
Man kann in Wien jetzt auch beim Wirten heiraten.
Beim Wirten!? Man kann in Wien jetzt auch beim Wirten heiraten. Nette Idee, aber warum eigentlich? An überlasteten Standesämter kann's nicht liegen, weil die Standesbeamtin oder den Standesbeamten braucht es trotzdem. Aber für die Brautpaare und ihre Gäste ist es kommod: Man erspart sich einen Weg und kann die ganze Zeremonie aus Jawort und Feierlichkeiten gleich aufs Mal erledigen.
Jeder ist ein "Künstler"
Doris Knecht | 24.02.2010, 16:00
Auch H.C. Strache.
Der unverzichtbare Anspruch auf volle innere und äußere Freiheit der Kunst wird nur durch die allgemeingültige Rechtsordnung eingeschränkt."
So steht es im Parteiprogramm der Freiheitlichen. Und: "Eine begriffliche Festlegung würde den Anspruch der Kunst auf volle innere und äußere Freiheit einengen." Und so steht es in einer FPÖ-Aussendung zur aktuellen Ausstellung in der Secession (ja, die mit dem Swingerclub): "Die Rathaus-SPÖ muss schon völlig durchgeknallt sein, wenn sie öffentlichen Gruppensex mit 90.000 Euro, die der Umbau für die Realisierung der verschwitzten Phantasien eines 'Künstlers' aus der Schweiz verschlungen hat, unterstützt." Abgesehen davon, dass die Ausstellung sich selbst finanziert: Wenn man sich mit der "begrifflichen Festlegung" schwer tut, engt man den Begriff der Kunst und des Künstlers einfach mit Anführungzeichen ein.
Was machen die da den ganzen Tag?
Doris Knecht | 23.02.2010, 16:00
Ist eine Klinik für Sexsüchtige ein Pfadfinderlager für Große?
Und jetzt zu etwas ganz anderem. Einer Sache, über die im Freundinnenkreis seit einiger Zeit diskutiert wird, ohne schlüssiges Ergebnis. Die Tiger-Woods-Geschichte nämlich, der Aufenthalt in der Sex-Klinik, diese traurige TV-Beichte, dieses mea culpa am Medien-Pranger.
Tatsächlich ist so ein öffentlicher Kniefall doch etwas, was man sich in einer religiösen Diktatur erwarten würde, aber doch nicht im Land of the Free. Dem Land mit der blühenden Porno-Industrie. Und es ist schon absurd, dass etwas, das sich zwei erwachsene Menschen doch an und für sich untereinander ausmachen müssten, coram publico vor dem nationalen Moral-Gericht verhandelt wird.
Was uns allerdings mehr interessiert: Was genau machen diese Männer in der Sex-Klinik? Sitzen die den ganzen Tag in Therapien, die sie mit der Idee versöhnen sollen, dass ein Leben ohne ständigen Sex mit wechselnden Partnern einen Sinn hat? Lernen sie Meditationstechniken, die ihnen zur besseren Kontrolle ihres primären Geschlechtsorgans verhelfen sollen? Wird ihnen Brom verabreicht? Testosteron abgesaugt?
Der Freundinnenkreis ist zum Schluss gekommen: Wahrscheinlich spielen die Sexsüchtigen den ganzen Tag Karten. Und PlayStation. Und Golf. Trinken mit den neuen Haberern und unterhalten sich über die geilsten Automodelle. Spechteln auf YouPorn. Üben gemeinsam eine schöne Sex-Beichte ein. Und trainieren den schuldsatten Blick der Läuterung, unter viel Schenkelgeklopfe der anderen Sexsüchtigen. Wir stellen es uns als eine Art Pfadi-Lager für große Buben vor.
Haben wir hierzulande nicht. Hierzulande kann ein ÖVP-Bundespräsident eine Geliebte haben, ohne dass es seinen Ruf übermäßig beschädigt. Und das ist uns, ehrlich gesagt, lieber.


Jetzt erst Knecht: Doris Knechts Kolumne online. 


