Lang lebe der Esterházykeller!
Bernhard Degen, 18.01.2009, 22:00
Ein Viertel um 2,50 Euro! Wo gibts das sonst noch in der Innenstadt?
DruckenSenden
Nicht, was du trinkst, mein Freund, bedenk auch wo
Willst du Musik und wilden Freudentrubel,
Weiber, Gesang und Rausch, kurz tollen Festtagsjubel.
...
Damit dich seine guten Geister rufen,
Dann steig herab die siebenundzwanzig Stufen.
(Auszug aus der Ballade vom Esterházykeller)
In den 80er-Jahren war ich oft im Esterházykeller. Für Jugendliche mit schmalem Geldbeutel war der Keller ein beliebter Ausgangspunkt für Innenstadt-Touren. Die Weinqualität war zweitranging, die Wirkung war damals wohl wichtiger. Ein Freund glaubt sich erinnern zu können, dass der Doppler Schlosswein damals 80 Schilling gekostet hat. Das Achterl somit 5 Schilling, umgerechnet ca. 35 Cent. Das waren Zeiten!
Ich war neugierig, was aus dem Weinkeller geworden ist, in dem sich seit dem 17. Jahrhundert die Wiener das eine oder andere Achterl genehmigen. Legendär schon der Abgang, 27 Stufen auf denen der markante Kellergeruch immer stärker wird. Auf den ersten Blick hat sich nichts verändert. Nur ein Fernseher bei der Schank ist dazu gekommen. Ich probiere bewusst den Schankwein und nicht die guten Bouteillen vom Weingut Esterházy.
Ein Vierterl weißer Schlosswein kostet 2,50 Euro. Ist zwar schon bisserl mehr als früher, aber immer noch ein guter Preis. Wo gibts das schon in der Innenstadt? Und schmeckt gar nicht schlecht, ein anständiger Trinkwein, nur säureempfindlich sollte man nicht sein. Dann probiere ich den Blaufränkisch von der Schank. Na ja, trotz hoher Motivation und nostalgischem Schwelgen war der nur schwer runter zu bekommen.
Die Bedienung hat sich auch ein wenig geändert, ich kann mich noch an resolute Mittvierzigerinnen mit Dirndl erinnern. Diesmal bediente uns ein Tunesier. Zwar nicht im Dirndl, aber mit mehr Schmäh als so manche Wiener Kollegen. Das Essen am Buffet ist sehr deftig, so soll es aber auch sein, die Qualität ist wirklich in Ordnung. Der Esterházykeller muss wohl auch in verschiedenen Reiseführern als typisch Wienerisch vermerkt sein, damals wie heute finden viele Touristen den Weg in die Kellergewölbe. Die handgemachten Ziegel sind noch im Originalzustand und herrlich grindig. Gottseidank nicht etepetete sandgestrahlt, das würde das Flair zerstören.
Und wie früher habe ich mit meinen Freunden einen sehr vergnüglichen Abend im Esterházykeller verbracht. Ich hoffe der Keller bleibt auch in Zukunft so wie er ist.
1 Kommentar zu "Lang lebe der Esterházykeller!"
Kommentar schreiben


Bernhard Degen steckt seine Nase gerne in vinophile Angelegenheiten und erzählt im Blog, was er dabei erlebt. Provokant, polemisch & polarisierend. 



Sie sprechen mir aus der Seele! Wo der Bürgermeister neben dem Arbeiter in der "Schwemm" sein Achterl geniesst, fühlt man sich wohl. Mit jedem ausländischen Geschäftsfreund gehe ich dort hin, allen hat es gefallen. Hoffentlich bleibt er uns auch weiterhin erhalten, nur der deutsche Schankbursch könnte freundlicher sein....:-)