Letztes Update am 30.08.2012, 11:21
Die Immobilienpreise in Spanien befinden sich im freien Fall und locken viele ausländische Kaufinteressenten an. Doch Vorsicht: Nicht alles, was günstig ist, ist auch gut.
Drinnen blinkende Telefone und eine Klimaanlage auf Hochtouren. Draußen 36 Grad im Schatten bei einer Luftfeuchtigkeit von 71 Prozent. Es ist früher Nachmittag in Sollér und Lorenz Ewaldsen verlässt sein Büro mit der Gelassenheit eines Mannes, dessen Geschäfte gut gehen.
Hochsommer auf Mallorca. Jetzt haben nicht nur Kellner, Putzpersonal und Taxifahrer alle Hände voll zu tun. Auch die geschätzten 2000 bis 3000 Makler auf der Insel verzeichnen zwischen Juni und September die meisten Kundenkontakte. In seiner Region, der Nordwestküste rund um die Orte Valldemossa und Sollér, gehört der gebürtige Hamburger zu den erfolgreichsten unter ihnen. Dein Traumhaus, tu casa de ensueño, es könnte hier sein.
Wir fahren die steile Bergstraße oberhalb vom Hafen hinauf, ein 40 Jahre altes Einfamilienhaus steht zum Verkauf. Meerblick, 219 Quadratmeter Wohnfläche, drei Mal so viel Grund. Kosten: 970.000 Euro . "Ein gutes Investment", sagt Ewaldsen, derartige Objekte gäbe es hier nicht mehr und wenn, dann längst nicht mehr um diesen Preis.
Natürlich geht es auch billiger. Zwei- bis Dreizimmerwohnungen sind schon ab 160.000 Euro zu haben, mit Meer- oder Hafenblick ab 240.000, so viel muss man investieren, wenn man in einer der am wenigsten verbauten Küstengegenden der Insel wohnen will.
Immobilienhandel mit Wühltischcharakter
An der Ostküste, zwischen Porto Cristo und Cap de Ferrutx, da geht es neuerdings auch schon deutlich billiger. Ab 55.000 ist man laut diversen Internetangeboten dabei, eine günstige Gelegenheit, ist da zu lesen, una oportunidad!, selbstverständlich mit Verhandlungsspielraum.
Die vielen Schilder an Hausmauern, zu verkaufen, se vende, erinnern an Kaufhaus-Wühltische. Ewaldsen winkt ab: "Schauen Sie sich die Betonburgen dort an, die Hälfte steht leer, da wollen Sie nicht wohnen und das bekommen Sie später auch kaum mehr los."
Wir können hier oben nicht direkt vor dem Haus parken, weil die Betonmischmaschinen der Nachbarvilla gerade alles verstellen – die neuen Eigentümer lassen umbauen. "Vier Millionen, aber der Grund war das wert", ruft Ewaldsen und wirft seine Autotüre zu. Vor dem Objekt, das er jetzt vermitteln soll, warten schon die Kaufinteressenten.
Das dreistöckige, in einen Hang gebaute Haus wirkt wie ein Bastlerhit auf hohem Niveau, aber natürlich, fantastischer Blick über die gesamte Hafenbucht und das offene Meer, enzianblauer Himmel, saphirglitzerndes Wasser, Postkartenidylle.
Bei der Begrüßung stehen alle auf der Terrasse, der Makler, der Eigentümer, ein Brite in den späten Sechzigern, die potenziellen neuen Eigentümer, ein österreichisches Ehepaar Mitte vierzig. Das Haus wird besichtigt, der Garten, der Pool, dann wieder die Terrasse und noch einmal einzelne Räume im Haus.
Irgendwann seufzt die österreichische Ehefrau und sagt, dass man da im Haus doch etliches machen müsse. Das ist der Moment in dem Ewaldsen zu seiner Hochform aufläuft, binnen einer Hundertstelsekunde richtet er seinen Blick mit hanseatischer Klarheit auf die Frau: "Das Haus können Sie von mir aus auch in die Luft sprengen, das ist doch ganz egal, was Sie hier kaufen ist die Lage und die Aussicht." Damit ist alles gesagt. Blitzkrieg, Sieg für den Makler. Hätte man die 970.000 und noch ein bisschen was für den Umbau, würde man jetzt möglicherweise selbst zuschlagen.
Jeder Käufer von heute sei für ihn ein potenzieller Verkäufer von morgen und umgekehrt, sagt Ewaldsen, als wir wieder im Auto sitzen. "Deshalb macht es wenig Sinn, die Leute in irgendeinem Punkt im Unklaren zu lassen."
Wahrscheinlich läuft es in der Gegend rund um Sollér auch weiterhin gut. Doch die Krise hat auch hier ihre Spuren hinterlassen. Immobilien kosten jetzt um durchschnittlich 30 Prozent weniger als noch im Jahr 2008. Nur Objekte in Top-Lagen bleiben aufgrund der regen Nachfrage unverändert.
Hausgemacht: Geplatzte Immobilienblase von gigantischem Ausmaß
Die Zeiten sind für Spanien, dieses große, vielseitige Land, gerade sehr schwierig. Die Müllabfuhr kommt in manchen Orten nur mehr sporadisch und die Straßenbeleuchtung funktioniert nicht, weil viele Gemeinden ihre Stromrechnungen nicht bezahlen können. Wie überall in Europa kämpft man mit der allgemeinen Wirtschaftskrise, ausgelöst durch eine geplatzte Immobilienblase in den USA.
Viel mehr noch allerdings hält die Bevölkerung seit vier Jahren die spezielle spanische Krise in Atem, eine geplatzte Immobilienblase von gigantischem Ausmaß, hausgemacht durch Banken, Staat und leichtsinnige Kleinanleger. Jetzt locken die fallenden Eigentumspreise Käufer aus aller Welt. Immobilien sind die Geldanlage der Stunde, die stabile Währung schlechthin. Mehr denn je macht es da auch Sinn, sich für eine Ferienwohnung zu interessieren. Doch Vorsicht ist geboten: Nicht alle Regionen in Spanien garantieren eine stabile Wertanlage – vor allem in den Touristenhochburgen entlang der Costa Blanca und der Costa Brava, die während des unkontrollierten Bau-Booms der 1970er- bis 1990er-Jahre entstanden, sehen viele einen Kauf als Kapitalvernichtung.
"Das ist nicht viel wert, weil es keine guten Lagen sind, weil es an Infrastruktur fehlt und weil die Qualität der Bausubstanz sehr oft zu wünschen lässt", betont der Makler José Luis Jiménez. In dritter Generation betreibt er ein Büro in El Puerto de Santa Maria, im Süden Andalusiens in der Provinz Cadiz. Die Gegend, wo Mittelmeer und Atlantik zusammenkommen, gilt als vielversprechendes Entwicklungsgebiet.
Vierzehn Kilometer lange Sandstrände und ein auch über den Sommer durchwegs mildes Klima locken seit jeher vermögende Großbürger aus Madrid, Sevilla und Jerez als Urlaubsgäste an. Ganz tolle Ferien, vacaciones fenomenal. Jetzt will man auch im Ausland auf sich aufmerksam machen. "Vieles wird davon abhängen, ob die strengen Denkmalschutzbestimmungen wie vorgesehen ab Herbst endlich etwas gelockert werden", sagt Jiménez. Dann würde es auch hier endlich in Richtung Verhandlungsspielraum gehen.
Das Leben in Andalusien ist wesentlich günstiger als oben im Norden und um ein vielfaches günstiger als auf den Jet-Set-verwöhnten Balearen. Wer nicht nur einen Strand mit Schlafmöglichkeit sucht, sondern sich für das echte Spanien interessiert, findet in den Küstenorten mehr ursprüngliche Kultur und Lebensgefühl als in den meisten anderen Regionen des Landes.
Stierkampf und Flamenco sind hier gelebte Alltagskultur und nur am Rande auch Touristen-Folklore. Dazu kommt eine einzigartige historische Bausubstanz – die momentan in vielen Gemeinden zum Teil verfällt, weil das Geld zur Renovierung fehlt.
So stehen etwa in El Puerto, wie man den Ort verkürzt nennt, etliche Stadtpaläste aus dem 17. und 18. Jahrhundert zum Verkauf. Allein, unter den derzeitigen strengen Denkmalschutzbestimmungen wollen sich das die wenigsten Investoren antun. Doch man scharrt in den Startlöchern. Alles wird von der angekündigten Gesetzesänderung abhängen und dann gibt es hier schon Pläne für Hotels, Day Spas und elegante Wohnkomplexe.
Auch der in Madrid lebende Journalist Joaquín Rábago besitzt in El Puerto seit einigen Jahren ein Ferienapartment. Wie man in einem so großen Land den richtigen Ort für die eigene Urlaubswohnung findet? "Sie könnten es so machen wie ich. Ich bin gemeinsam mit einer Freundin die ganze Küste zwischen Murcia und Huelva abgefahren. Schauen Sie sich die unterschiedlichen Ortschaften, ihre Bausubstanz, ihre Infrastruktur und ihre Umgebung an. Man spürt, wo es richtig ist."
Die Arbeitslosigkeit wird noch weiter ansteigen, glaubt Buchautor Borja Mateo, und mit ihr die Probleme. In der Immobilienbranche brummt es trotzdem: Der Sohn des Präsidenten vom Fußballclub Real Madrid baut im nahe gelegenen Puerto Sherry gerade 19 Einfamilienhäuser, die Ende kommenden Jahres zum Verkauf stehen werden. Laut Plänen soll es moderne Architektur vom Feinsten sein, geschmackvoll und lässig, so wie man das vor allem in Spanien sehr gut kann. Auch in Zeiten der Krise.
Durch Andalusien fegt gerade el Levante, jener heiße Wüstenwind aus Afrika, der auch hier die Temperaturen tageweise in Richtung 40 Grad treibt. "Manche leiden unter ihm, aber so bleiben auch die Gebäude in Meeresnähe trocken", sagt José Luis Jiménez.
Zur selben Zeit ist Lorenz Ewaldsen in Mallorca damit beschäftigt, sich einen alten VW-Bus herzurichten. Von Statussymbolen hält er im Gegensatz zu einigen seiner Kunden nichts. " Mit dem fahre ich dann Interessenten zu den Top-Villen und trage Flip-Flops dabei."
Für Ende September hat sich eine chinesische Investorengruppe bei ihm angesagt. "Auch bei denen werde ich Flip-Flops tragen, da kenne ich nichts."
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Hintergrund
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