Letztes Update am 30.07.2012, 08:57
Living Architecture: Nachhilfe im Wohnen.
Der britische Philosoph Alain de Botton lässt moderne Ferienhäuser von Star-Architekten bauen und vermietet sie zum Studententarif.
Schlösser, Backstein-Fassaden und Cottages im Rosamunde-Pilcher-Stil: Wenn es ums Wohnen geht, sind die Briten konservativ. Auch wenn London Zentrum für Design und Mode ist – moderne Architektur ist selten in England. Der Philosoph und Autor Alain de Botton will das ändern. Beim Schreiben des Bestsellers "Glück und Architektur" kam dem gebürtigen Schweizer die Idee, anspruchsvolle Bauweise und Design einem breiten Publikum zugänglich zu machen.
Alain de Botton gründete das Unternehmen "Living Architecture" und beauftragte internationale Architekten, Ferienhäuser in verschiedenen Gegenden Englands zu entwerfen.
Fünf Objekte sind derzeit im Angebot. Vermietet werden sie zum Preis einer Jugendherberge. Das Ziel: Jeder soll moderne Architektur erleben können.
Im Interview mit dem Magazin Architektur & Wohnen sagt de Botton: "Living Architecture soll den Geschmacksstandard heben. Wenn man sieht, wie schnell das beim Kochen ging, bin ich sehr optimistisch. ...
... In kürzester Zeit haben Konsumenten gelernt, sich kritisch nach Salz- und Kaloriengehalt von Nahrungsmitteln zu erkundigen. Ich hoffe, dass Living Architecture eine ähnliche Debatte darüber anheizt, was qualitätsvolles Wohnen bedeutet."
Ob die Übernachtungsmöglichkeiten für jeden leistbar sind, kommt darauf an, wie viele Personen sich das Haus teilen: Der Preis für drei Nächte im "Dune House" beträgt rund 1240 Euro.
Sind alle neun Betten belegt, beläuft sich der Tarif pro Person auf etwa 45 Euro pro Nacht.
Einzeln kann man die Räume nicht mieten. Der Andrang ist trotzdem groß und freie Termine sind rar.
Die silberfarbene Riesenwippe „Balancing Barn“ stammt vom Rotterdamer Architekturstudio MVRDV. Sie hängt über dem Abgrund und in der Fassade spiegeln sich Himmel und Erde wider.
Bodentiefe Fenster zu allen Seiten geben den Blick auf die Natur frei. Der 30 Meter lange Gebäuderiegel steht nur zur Hälfte auf festem Boden und ist exakt ausbalanciert:
Sobald sich Menschen darin bewegen, beginnt der schwebende Teil zu schwingen. Der futuristische Hangar in Suffolk ist das Aushängeschild der Initiative und eine wahrlich bewegende Erfahrung.
Ein Naturerlebnis bietet das "Dune House". Das Strandhaus in Thorpeness – ebenfalls in Suffolk – hat einen rundum verglasten Sockel.
Die Panoramafenster machen das Haus zu etwas Besonderem: Sie integrieren drinnen und draußen. Von den Schiebetüren führt der Weg direkt zum Meer. Das Dach wirkt, als schwebe es darüber.
Im oberen Stock bringen asymmetrische Fenster viel Licht in die Räume. Die Nischen bieten einen tollen Ausblick und dienen als Sitzbank. Die Idee zu diesem Entwurf stammt vom norwegischen Architekturbüro Jarmund/Vigsnæs.
Ein Schiff über den Dächern Londons ist der jüngste Neuzugang. Der „Room for London“ steht auf dem Dach der Queen Elizabeth Hall.
In der Kajüte genießt man einen spektakulären Ausblick auf die Skyline Londons, weshalb das Hausboot heillos ausgebucht ist.
In einer Bucht bei Dungeness (Grafschaft Kent) haben NORD Architecture das "Shingle House" errichtet.
Die Form erinnert an einfache Fischerhütten. Außen ist es mit schwarzen Holzlatten verkleidet, innen sind die Wände im ganzen Haus weiß.
Es besitzt drei Doppelzimmer und einen Wohnraum mit offener Küche.
Kirche oder Scheune? Das "Long House" in Norfolk (Hopkins Architects) ist eine Mischung aus beidem.
Die lang gestreckte Form erinnert an einen Stadel, innen finden sich sakrale Elemente wieder:
Das sechste Domizil wird derzeit in Devon gebaut. Der Beitrag kommt vom Schweizer Peter Zumthor, einer der weltweit besten zeitgenössischen Architekten. In Österreich ist der Pritzker-Preisträger mit dem Kunsthaus in Bregenz vertreten.
Er ist bekannt für stimmungsgeladene Bauwerke, intensive Lichtspiele und eine bewusste Auswahl der Materialien. Für das "Secular Retreat" wird er etwa ursprünglichen Stampfbeton verwenden. Zwar gibt es bisher nur Modelle, doch das Ergebnis soll ein Ort der Stille, ähnlich einem Kloster, werden.
Nachhilfe in Sachen Wohn-Kultur lautet das Credo von Alain de Botton. Ab kommendem Jahr wird diese auch im "Secular Retreat" gegeben. Weitere Bilder...
Statische Meisterleistung: "The Balancing Barn" ist ein 30 Meter langer Gebäuderiegel, der über dem Abgrund schwebt. An dessen Spitze baumelt eine Schaukel. Im Boden des Wohnzimmers ist ein Fenster eingelassen.
Beim Eintritt in "The Balancing Barn" gelangt man direkt in die Küche.
Von dort führt ein Gang zu den Schlafzimmern. Die Einrichtung hat der niederländische Designer Jurgen Bey ausgewählt und zum Teil selbst entworfen.
Gläserner Sockel, massives Dach:
Das Untergeschoß im "Dune House" ist rundum verglast.
Im oberen Stock sorgen asymmetrische Fenster für viel Licht. Die Badewanne befindet sich direkt in den Schlafzimmern.
Im Wohn- und Esszimmer dominieren die Farben Braun und Grau.
In London ankert ein Hausboot auf dem Dach der Queen Elizabeth Hall: Die Idee dazu hatten David Kohn und die Künstlerin Fiona Banner.
Vom Big Ben bis zur St. Paul’s Kathedrale: Von den Decks hat man einen grandiosen Blick auf London. Das Miniaturhotel ist als temporäre Installation für ein Jahr geplant.
Es bietet Platz für zwei Personen und ist nur für eine Nacht buchbar. Für 2012 gibt es keine freien Zimmer mehr, aber vielleicht bleibt das Hotel auch im kommenden Jahr bestehen.
Acht Personen finden im "Shingle House" Platz. Die Fassade ist mit dunklem Holz verkleidet.
Innen herrscht schlichte Eleganz. Große Fenster lassen sich zu allen Seiten öffnen.
Die Form des "Long House" erinnert an eine Scheune, während die Wendeltreppe dem Aufgang einer Kanzel gleicht.
Die Empore im Obergeschoß ist rundum verglast.
(kurier)
Erstellt am 27.07.2012, 17:00