Letztes Update am 08.04.2012, 10:07
Glorreich gebaut: Die modernsten Kirchen der Welt.
Auch vor Gotteshäusern macht moderne Bautechnik nicht halt. Der Emporis-Award kürte zehn Beispiele, die mit der Norm brechen – von Hainburg bis Tokio.
Kirchen brauchen keine Glockentürme, detailverliebte Fresken oder bunte Fenster. Auf der ganzen Welt stehen mittlerweile Gebetshäuser, die eine moderne Sprache sprechen. Emporis, ein Unternehmen das jährlich Gebäude wie Hochhäuser oder Einkaufszentren für ihre Architektur auszeichnet, hat nun christliche Neubauten bewertet.
Zur Auswahl standen Kirchen, die nach dem Jahr 2000 gebaut wurden. Beurteilt wurden Design, Materialien und zukunftsweisende Bautechniken. Die zehn Spektakulärsten findet man in Japan und den USA, an der Elfenbeinküste und in Europa – von Italien über Portugal bis nach Finnland. Und in Österreich.
Im Bild: Holy Rosario Catholic Church. St. Amant, Louisiana, USA/Trahan Architects/2004.
Die Form herkömmlicher Kirchen wird durch den Turm, das Kirchenschiff und Kreuz bestimmt. „Immer mehr moderne Kirchen brechen mit althergebrachten Formen – das Aussehen der heiligen Stätten verändert sich“, sagt Matthew Keutenius, Architektur-Experte von Emporis.
Im Bild: Christ Resurrection Church. Mailand, Italien/Cino Zucchi Architetti/2004.
Heimisches Siegerprojekt ist die „Martin Luther Church“ im niederösterreichischen Hainburg. Sie wurde von Coop Himmelb(l)au im vergangenen Jahr an der Stelle errichtet, wo bis zum 17. Jahrhundert schon einmal eine Kirche stand. Die würfelige Gebäudeform erinnert an einen Tisch: Vier Stützen tragen das Dach, das aus gewölbten, 23 Tonnen schweren Stahlplatten, besteht. Durch drei schneckenförmige Öffnungen wird das Gebäude von oben beleuchtet.
Im Bild: Martin Luther Kirche. Hainburg, Österreich/Coop Himmelb(l)au/2011
Das Raumkonzept ist variabel: Mittels Faltwände können der Gottesdienstraum, die Kinderzone, wo sich das Taufbecken befindet, und der dahinterliegende Gemeindesaal verbunden werden. Sakristei, Büro, Küche und andere Nebenräume sind separat untergebracht. Wie das Dach ist auch der 20 Meter hohe (und acht Tonnen schwere) Glockenturm auf dem Vorplatz eine Stahlkonstruktion.
Die katholische Bonifatius Kirche in Herbrechtingen wurde 1958 fertiggestellt und im Jahr 2007 vom Stuttgarter Büro Kaestle, Ocker und Roeder umgebaut.
Im Bild: St. Bonifatius. Herbrechtingen, Deutschland/Kaestle, Ocker und Roederer/2007
Ausschlaggebend für die Prämierung war das Innenraumkonzept: Es setzt auf einen durchgehenden Weißton. „Wir wollen alle Bereiche zu einem Ganzen zusammenfassen“, sagen die Architekten. Der Boden ist aus weißem Terrazzo, die Wände sind glatt verputzt, gestrichen und die Holzbänke weiß lackiert.
Verkehr, Geschäfte und Lärm umgeben die „Harajuku Church“ in Tokio. Die Außenfassade soll in ihrer Schlichtheit die karge Landschaft Palästinas in der asiatischen Großstadt verkörpern. Im Inneren machen Helligkeit und Weite das Haus zu einem Ruhepol inmitten der Metropole.
Im Bild: Harajuku Church. Tokio, Japan/Ciel Rouge Creation/2005.
Unberührte Natur bildet die Kulisse der katholischen „Church of Holy Cross“ in Jyllinge in Dänemark. Der Entwurf von KHR Architects war für den Mies van der Rohe Award, einer der renommiertesten Auszeichnungen der Architektur, nominiert. Die Glasfaserkonstruktion sticht aus ihrem Umfeld hervor und erinnert an ein schwebendes UFO. Bodenständigkeit erlangt sie durch die schimmernde Glasfassade, die den Fjord widerspiegelt.
Im Bild: Church of the Holy Cross. Jyllinge, Dänemark/KHR Architects/2008.
In der Nähe der slowenischen Hauptstadt Ljubljana haben Rok Oman und Špela Videĉnik von OFIS arhitekti eine Friedhofskapelle errichtet. Die „Farewell Chapel“ am Ende des Dorfes liegt am Fuße eines Hügels. Um die geschwungenen Mauern an das Gefälle anzupassen, wurde die Erde teilweise abgegraben.
Im Bild: Farewell Chapel. Krasnja, Slowenien/OFIS Architects/2009.
Während das Innere mit Lärchenholz verkleidet ist, besteht die Fassade aus rohem, unverputztem Beton. Am Flachdach sorgt ein einfaches, kreuzförmiges Oberlicht für Helligkeit in der „Höhle“.
Die emotionalen Bedürfnisse Trauernder und die pragmatischen Erfordernisse einer Bestattung verbinden – das will auch die „Chapel of St. Lawrence“. Sie liegt in einem historischen Teil der finnischen Stadt Vantaa.
Im Bild: Chapel of St. Lawrence. Vantaa, Finland/Avanto Architects/2010.
Der Neubau von Avanto Architects fügt sich in die Umgebung ein, ohne als Fremdkörper zu wirken. Ergänzend zu alten Mauern haben die Architekten Naturstein und Kupfer verwendet. Fließende Übergänge und viel Licht zeichnen die Innenräume aus.
Die folgenden Kirchenbauten zählen ebenso zu den Preisträgern.
Im Bild: Capela Santa Ana. Santa Maria de Feira, Portugal/e|348 Arquitectura/2009.
Im Bild: Aging in Africa Church. Lagoon Aby, Elfenbeinküste/HWKN/Fertigstellung 2014
BUCHTIPP
Weitere Kirchen in „Gebaute Gebete: Christliche sakrale Architektur – Neubauten in Österreich 1990 bis 2011“ von Constantin Gegenhuber, Verlag Anton Pustet, € 49,95
(kurier)
Erstellt am 06.04.2012, 17:00