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Bergstation: Architektur im Hochgebirge

Auf über 2000 Meter laden moderne Hütten und Restaurants zum Einkehrschwung. Statt Satteldach und Schnitzereien setzen sie auf Beton, Glas und schnörkelloses Mobiliar.

Letztes Update am 19.12.2011, 07:17


Bachsaibling statt Berner Würstel, Sekt statt Skiwasser: Seit Jahren wird auch am Berg auf Haubenniveau gekocht. Gespür für Geschmack macht sich aber auch neben der Speisekarte breit. Bauherren verlangen immer öfter nach Moderne und wollen ihre Hütten vom alpinen Retro-Charme befreien. Viele halten zwar nach wie vor an der klassischen Lederhosen-Architektur fest, doch es gibt Beispiele, die mit anspruchsvoller Gestaltung eine neue Richtung einschlagen. Von Herzerln in der Sessellehne fehlt dabei jede Spur.

Abseits tiroltypischer Klischees ist der "Freiraum" entstanden – ein multifunktionales Gebäude an der Ahorn-Bahn im Zillertal. Der Anbau zur Bergstation liegt auf 2000 Meter und zählt zu den neueren Projekten in den österreichischen Alpen. Ende 2010 wurde der Komplex eröffnet. Er besteht aus zwei Teilen: Etwa 75 Prozent sind in den Hang eingebaut und beherbergen Werkstätten, Garagen, Lagerung, Heizung, Technik und Sozialräume.

"Hier ist das komplette Equipment untergebracht, das für den Seilbahnbetrieb notwendig ist", erklärt Architekt Antonius Lanzinger von M9 Architekten. Darüber liegt ein 70 Meter langer Brückenbau auf Betonstützen, der Bistro, Skidepot und Skiverleih beherbergt. Das Leergeschoß dazwischen ermöglicht Pistengeräten die Zufahrt zu den Garagen.

Im Bild: Der "Freiraum" – ein Massivbau aus Beton – vereint alle notwendigen Räume für das Seilbahnunternehmen in einem Komplex und bietet den Gästen ein modernes Ambiente.

Getarnt ist die Fassade aus Beton: Sie ist im Ton des umliegenden Gebirges gehalten. "Die Station ist farblich an das Gelände angepasst. Dadurch fällt sie von Weitem gar nicht auf", erklärt Antonius Lanzinger. Wer sich im Inneren bis an den Abgrund wagt, überblickt das Zillertal – von Mayerhofen bis nach Jenbach. "Der Freiraum ist kein klassisches Restaurant, wir wollen nicht mit den Hütten am Berg konkurrieren. Es werden zwar Getränke und kleine Snacks angeboten, aber primär geht es darum, einen Raum zu schaffen, der im Winter beheizt ist und Platz für Gäste bietet", sagt der Planer. Der Innenraum wurde bewusst naturnah gestaltet: Decke, Fußboden und die Bar sind aus Eiche. Die Massivmöbel sind naturbelassen, Filzauflagen und Vorhänge sorgen für farbliche Akzente. "Das einzig künstliche Material ist das Glas", betont Antonius Lanzinger.

Im Pitztal liegt eines der höchsten Passivhäuser Europas – das Bergrestaurant "Rifflsee" auf der Sunnalm. Auf 2300 Meter hat das Büro reitter_architekten einen Neubau auf den Kellermauern einer baufälligen Hütte errichtet. "Seilbahnen unterliegen nicht dem Baurecht, sondern dem Eisenbahngesetz – und darin gibt es keine Gestaltungsvorschriften. Wir haben also einen modernen Entwurf vorgeschlagen, dem der Bauherr zugestimmt hat", erklärt Helmut Reitter. Verwirklicht wurde ein von Baumstämmen getragener Terrassenbereich vor einer Rundumverglasung. "Wir haben versucht, nicht mit Standardklischees zu reagieren, sondern auf die Besonderheiten des Ortes einzugehen. Der Bau liegt an exponierter Stelle auf der Kuppe der Seilbahnstation. Das war Anlass für die großzügige Verglasung, die vor Witterung schützt, Ausblick bietet und eine gemütliche Atmosphäre schafft", so der Planer.

Im Bild: Die Nordwand des "Rifflsee" ist betoniert und mit Lärchenschindeln verkleidet. An der Vorderseite dominiert eine sechs Meter hohe Glasfront.

Am höchsten Gletscher Tirols herrschen harte klimatische Bedingungen. Trotzdem erreicht der Bau Passivhausstandard. Eine thermische Hülle, südorientierte Glasfronten und Sonnenkollektoren, eine kontrollierte Wohnraumlüftung und die Gewinnung von Erdwärme mit bis zu 120 Meter tiefen Sonden sind die Zutaten dafür. Der Innenraum ist fünf Meter hoch und teilt sich: Im hinteren Bereich des Erdgeschoßes wurde eine Zirbenstube eingeschoben, darüber befindet sich eine loungeartige Galerie. Verwendet wurden verschiedene Holzarten: Die Fassade ist aus Lärchenschindeln, im Inneren wurden Fichte, Eiche und Zirbe verbaut.

Auf 2620 Meter gipfelt der Pardatschgrat in Ischgl. In dieser Lage wurden bereits zwei Vorgänger-Hütten durch Permafrost und schwierige geologische Verhältnisse zerstört. Diese Komponenten stellten eine Herausforderung beim Neubau dar: "Das Restaurant Pardorama steht auf unterschiedlichen Bodenplatten, der Untergrund bewegt sich. Um Risse zu vermeiden, haben wir den Bau auf drei Stützen gelagert, die mit einem Hebesystem angehoben und ein Mal pro Jahr justiert werden. Das Fundament wird mit Metallplatten, die unter den Sockel geschoben werden, aufgestockt. Dadurch ist das Gebäude in sich stabil", erklärt Manfred Jäger vom Büro Jäger Architektur.

Im Bild: Der moderne Entwurf war expliziter Wunsch des Bauherrn. Die großen Fenster holen die Natur ins Innere. Man kann von jedem Sitzplatz nach draußen sehen.

Entstanden ist eine Stahlkonstruktion mit einer Verkleidung aus Lärchenholz und einer gewaltigen Glasfront. Die Fensterflächen ermöglichen eine uneingeschränkte Aussicht: "Die Natur muss im Vordergrund stehen. Man kann von jedem Tisch nach draußen schauen, ohne sich einen Fensterplatz erkämpfen zu müssen", erklärt der Architekt. Die Inneneinrichtung besteht aus Rohstoffen, die aus der Region stammen. Die Möbel etwa sind aus Zirbenholz. Sie wurden von den Architekten selbst entworfen und sind bewusst schlicht. "Unser Ziel war, die Materialien so zu wählen, dass der Raum in den Hintergrund tritt. Der Berg und die Aussicht stehen im Vordergrund", erklärt Manfred Jäger.

Im Bild: Bergrestaurant, Veranstaltungs- und Kongresszentrum: Das "Pardorama" bietet eine gewaltige Aussicht und Platz für über 600 Gäste.

Mitten im Silvrettagebirge, zwischen der Alpkogelbahn und der Birkhahnbahn in Galtür, liegt "Addis Abebar". Die Skihütte und Après-Ski-Bar wurde im Jahr 2007 von Ventira Architekten fertiggestellt. In Anlehnung an einen Schneekristall haben die Planer weiße Platten für die Fassade gewählt, die sich übers ganze Dach ziehen. So verschmilzt das Gebäude mit der umliegenden Schneelandschaft.

Im Bild: Addis Abebar - Die Hütte im Tiroler Skiort Galtür hat es sogar auf die Kinoleinwand geschafft. Sie diente als Drehort für die heimische Filmproduktion "Am Ende des Tages".

Bestimmendes Detail sind die vorgehängten Fensterboxen, die mit Kupfer verkleidet sind. Sie unterstreichen die überwältigende Landschaft. Die Terrasse kann selbst bei Schlechtwetter genutzt werden: Es gibt einen offenen und überdachten Teil.

Puristisch präsentiert sich die "Schneggarei" in Lech am Arlberg. Der Entwurf von Gerold Schneider und Philip Lutz interpretiert den Typus Skihütte neu. Es fehlt das sonst übliche Vordach und statt großer Fenster gibt es nur kleine Schlitze, die an Schießscharten erinnern. Der Innenraum erstreckt sich über zwei Etagen, das Herzstück ist der offene Kamin. Obwohl der Bau schon seit knapp zehn Jahren fertiggestellt ist, gilt er bis heute als Aushängeschild für modernes Bauen an der Piste.

Riesige Glasflächen, roher Beton, Stahlkonstruktionen oder Holzverkleidung: Diese Beispiele haben das gängige Bild des Tiroler Heimatstils hinterfragt. "Kitsch und Pomp haben nichts mit Alpenarchitektur zu tun. Dieser Stil wurde in den 1960er-Jahren erfunden, um mit klischeehafter Inszenierung die Erwartungen der Gäste zu erfüllen", ist Manfred Jäger von Jäger Architektur sicher.

Im Bild: Minimalistisches Holzhaus - die Schneggarei ist ein gelungenes Beispiel, dass in den Bergen auch ohne Verzierungen gebaut werden kann. Innen wie außen dominiert Tannenholz.

Neue Lösungen zeigen, dass sich alpine Tradition nicht zwingend über Schnitzereien, Schnörkel und gedrechselte Möbel definieren muss. Der Gestaltungsspielraum ist viel größer. Geradlinige Formen und reduziertes Design setzen neue Maßstäbe für das Bauen in den Alpen. Wer den Mut dazu aufbringt, sorgt dafür, dass nicht nur die imposante Bergkulisse Eindruck macht.



Letztes Update am 19.12.2011, 07:17


Artikel vom 16.12.2011 09:27 | KURIER | Claudia Elmer | « zurück zu Architektur


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