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Weiter gedacht: Ökologisches Designhaus

Hanf, Lehm und Zedernholz: Ein ökologisches Design-Haus in der Steiermark besteht nur aus natürlichen Materialien. Das hilft langfristig Geld und Energie zu sparen.

Letztes Update am 05.12.2011, 08:42


Freilandeier sind von unseren Frühstückstischen nicht mehr wegzudenken, Marmelade wird selbst gemacht oder zumindest ohne künstliche Zusatzstoffe gekauft und für Brot vom Bio-Bäcker nimmt man gerne einen Umweg in Kauf. Selbst für Strom gibt es Öko-Anbieter. Aber wie nachhaltig ist unser Zuhause? Eine Villa in der Nähe von Graz kann behaupten: zu hundert Prozent – über den gesamten Lebenszyklus betrachtet.

Ein Gebäude ist teuer und verbraucht Energie. Und zwar ab dem Zeitpunkt des Entstehens, während es bewohnt wird bis hin zum Abbruch. Selbst das Abreißen und Entsorgen kostet. "Man muss bedenken, dass Kunststofffenster oder eine Dämmung aus Schaumstoff separat recycelt werden müssen. Das Haus in Frohnleiten hat keine Erdölmaterialien und keine Giftstoffe in sich. Es besteht aus Holz, Glas, Lehm und Hanf. Wenn man wollte, könnte man es verrotten lassen. Es birgt keine Problemstoffe, die die Umwelt belasten", erklärt Marion Wicher, Planerin vom Büro yes Architecture. Sie hat das Einfamilienhaus zusammen mit den Besitzern entworfen und geplant.

Der Wunsch nach einem ökologischen Haus aus Holz war zu Beginn noch nicht vorhanden. Er ist im Lauf der Planung entstanden: "Der Bauherr ist zwar Holzhändler, wollte aber anfangs mit anderen Materialien bauen. Erst nach dem Vorschlag, den Bau mit Schindeln zu verkleiden, kam die Idee zur tragenden Holzstruktur."

Im Bild: Gartenbereich mit Schwimmteich.

Das Ergebnis ist ein schräger Korpus in Holzbauweise auf einem betonierten Kellergeschoß. Die Form war in dieser Machart nicht einfach umzusetzen. "Rechte Winkel und vertikal geschichtete Geschoße sind leicht zu realisieren. Die geneigten Wände, Auskragungen, große Spannweiten und die vielen Öffnungen hingegen waren eine Herausforderung für Statiker und Zimmermann. Um das aus Holz zu bewerkstelligen, gehört einiges an Hirnschmalz dazu", sagt Marion Wicher.

Im Bild: Unter dem schwebenden Wohnteil liegt das Jugendzimmer.

Entstanden ist ein Bau mit zwei schlanken Gebäudeflügeln, der der sechsköpfigen Patchworkfamilie Platz auf über 300 Quadratmetern bietet. Das Haus ist ein Treffpunkt für alle: Die Bewohner führen ein offenes und soziales Leben, viele Feste werden gefeiert und an den Wochenenden wird gemeinsam mit Verwandten und Freunden gekocht und gegessen. Innen- und Außenbereiche flexibel nutzen zu können, ist deshalb ein wichtiger Bestandteil. Die zentralen Räume im Erdgeschoß sind an den Garten angebunden. Vorraum, Küche und das Wohnzimmer öffnen sich zur Terrasse hin und bieten bei Bedarf eine Fläche von rund 200 Quadratmetern. Drei der vier Kinderzimmer liegen ebenfalls im Erdgeschoß. Durch Fenstertüren können die Kleinen ein und aus, ohne die Eingangstüre benützen zu müssen. Da sich während der Bauzeit weiterer Nachwuchs angekündigt hat, musste mehr Platz geschaffen werden. Entstanden ist ein garconniereartiges Jugendabteil für den Ältesten. Es liegt halb im Keller und wird über einen Einschnitt im Gelände beleuchtet.

Im Bild: Große Fensterflächen öffnen sich zum Außenraum und erweitern die Wohnfläche.

Handgespaltene Schindeln aus Zedernholz verkleiden das Haus. Dahinter verbirgt sich eine Dämmung aus Hanf. Die Innenwände sind mit einer drei bis fünf Zentimeter dicken Lehmschicht verputzt. "Es widerspricht sich, mit natürlichen Materialien zu bauen und mit künstlichen Stoffen zu dämmen. So entstand die Idee, ausschließlich ökologische Rohstoffe zu verwenden, mit besonderem Augenmerk auf das Raumklima", erklärt die Architektin. Die Bauherren entschieden sich für einen Lehmputz. Der speichert Temperatur und Feuchtigkeit und gibt sie kontrolliert ab. Er sorgt für ein angenehmes Raumklima und eine stabile Luftfeuchtigkeit.

Im Bild: Über einen Einschnitt im Gelände wird belichtet.

Geheizt wird mit Erdwärme. Anstelle von Heizkörpern wurden Heizschlangen in den Wänden und Böden verlegt. Das hat den Vorteil, dass die Oberflächen geringfügig wärmer sind als die Raumtemperatur. Es entsteht keine Zugluft die Staub aufwirbelt, wie das bei Heizkörpern üblicherweise der Fall ist.

Im Bild: Im Obergeschoß sind Schlafzimmer, Bad und Ankleideraum der Eltern untergebracht. Antike Dielen aus Eichenholz dienen als Bodenbelag. Sie sind pflegeleicht, da sie von Natur aus Einschlüsse und Fugen aufweisen.

Es ist nicht die billigste Methode, ein Haus aus Holz, Lehm und Hanf zu bauen. "Langfristig gesehen sprechen einige Vorteile dafür: ein angenehmes Raumklima, geringe Heizkosten und Nachhaltigkeit. Bei der Errichtung wurde wenig Energie verschwendet, unter anderem, weil heimische Materialien eingesetzt wurden. Derzeit kann man sich das nur selbst zugutehalten, aber später kann das entscheidend sein", sagt Marion Wicher. Ein logischer Gedanke: Schließlich weiß keiner, wie viel es in 50 Jahren kosten wird, Altstoffe zu entsorgen.

Im Bild: Kein Öko-Gag - Hinter der auffälligen und zugleich dekorativen Fassade verbirgt sich eine Holzkonstruktion mit Weichfaserplatten, Hanfdämmung und Lehmverputz auf Schilfrohrmatten.

YES ARCHITECTURE

2002 gründeten Ruth Berktold und Marion Wicher das Büro yes Architecture. Die beiden etablierten seither Niederlassungen in München, Graz und New York. Zusammen arbeiten sie in den Bereichen Städtebau, Architektur, Innenausbau, Nachhaltigkeit und Energieeffizienz, Produkt- und Mediendesign. Die Grazer Niederlassung unter der Leitung von Marion Wicher realisierte bisher unterschiedlichste Bauaufgaben, von Büro-, Geschäfts- und Veranstaltungszentren über öffentliche Plätze, Wohn- und Einfamilienhäuser bis hin zu Sanierungsprojekten in Schutzzonen. Aktuelle Projekte sind das Kongresszentrum in Bonn, die Kinderklinik in Graz und das neue UNO-Eingangsgebäude in Wien. Erst vor Kurzem wurde ein Aufbau auf einem Kellerstöckl mit dem Steirischen Holzbaupreis 2011 ausgezeichnet.

www.yes-architecture.com



Letztes Update am 05.12.2011, 08:42


Artikel vom 04.12.2011 09:00 | KURIER | Claudia Elmer | « zurück zu Architektur


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