Berlins Trend zum veganen Kebab

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Foto: Paul Fellerer Das vegane Dönertier ist in Berlin-Friedrichshain anzutreffen.

Auf Erkundungstour im veganen Eldorado Europas entdeckt man neben veganen Dönern und Cocktails auch eine Tofu-Werkstatt und tierbestandteilfreie Schuhe.

Anfang der 70er Jahre soll der erste Kebab-Imbiss in Berlin eröffnet haben. Etwa 35 Jahre später ist es wieder die deutsche Bundeshauptstadt, in der getüftelt wird. Diesmal allerdings am fleischlosen Pendant zum Döner – dem Vöner. Vor zwei Jahren stiegen die Imbissbetreiber schließlich auf eine komplett vegane Version um, auch die restlichen Gerichte wie Bio-Burger und Wagenburger kommen in dem kleinen Laden in der Boxhagener Straße seitdem gänzlich ohne tierische Inhaltsstoffe aus. Aber auch ein Schnellimbiss, der seine Ursprungsstadt im Namen trägt – die Berliner Currywurst – gibt es im Stadtteil Kreuzberg bereits in veganer Ausführung. Neben einer Scoville Bar, in der es äußerst scharfe Chilisaucen zu verkosten gibt, hat sich "Bergmann Curry" in der namensgebenden Bergmannstraße eben auch auf eine fleisch-, milch- und eifreie Variante des beliebten Gerichts spezialisiert. Und es scheint, gut zu laufen. "Besonders im Sommer greifen viele Leute zur veganen Currywurst", erzählt der junge Verkäufer lächelnd. Nur an den sommerlichen Temperaturen wird es wohl nicht liegen, hat sogar ein Betreiber beim herbstlichen Oktoberfest in München heuer erstmals vegane Schmankerln im Angebot.

Die Chaos-Cocktails

Die vegane Hochburg kann allerdings noch mehr einzigartige Konzepte aufwarten. Im Prenzlauer Berg hat sich die langjährige Barkeeperin Jule, selbst Veganerin, mit der ersten veganen Cocktailbar namens "Chaostheorie" selbständig gemacht. So wie Toast, Cookies und Kuchen kommen auch alle Getränke ohne tierische Inhaltsstoffe aus. Neben altbekannten milchigen Cocktails wie Piña Colada finden sich auch Eigenkreationen mit Matcha und Sojaobers auf der Karte. Und auch für die vierbeinigen Freunde der Gäste wird mit fleischlosen Kaustangen und Schweineohren an der Hundebar für ein besonderes Geschmackserlebnis gesorgt.

Vegane Tipps für Berlin

Auf diesem Dönerspieß dreht sich das (im Laufe des Tages schon etwas klein geratene) vegane Pendant zu einem der Lieblingsimbisse der Österreicher. Bestehend aus Gemüse wie Sellerie, Karotten, Lauch und Zwiebeln, aber auch Seitan, hat sich der Vöner in Berlin bereits eine Fangemeindschaft errungen. Das Vöner-Lokal in Berlin Friedrichshain hat bereits einen Ableger in Leipzig und beliefert auch einen Imbiss in Kassel, ebenso sind die Vöner-Besitzer, die den veganen Döner vor sieben Jahren erfunden haben, auch auf Festivals wie der Fusion vertreten. Zum klassisschen Vöner im Brötchen (4,50 Euro), zum Dürüm oder zum Teller wie hier kann man verschiedene Saucen wählen (hier Erdnuss- und Tahini-Knoblauchsauce), dazu gibt es selbstgemachte Bio-Pommes im Menü um 6,50 Euro. Der komplett vegane Imbiss bietet aber auch Burger und Gulasch (Bild) an, welches man für 3,80 Euro bekommt. "Das ist einfach ein praktisches Format", meint der Verkäufer grinsend. "Wie bei Wurst kann man die Döner-Scheiben einfach in Brot verpacken und überall mit hinnehmen." Eine weitere typische Berliner Spezialität ist bekanntlich die Currywurst. Durch seine vegetarische Ehefrau ist Rainier Jablonka auf die Idee gekommen, in seinem Imbiss "Bergmann Curry" in Kreuzberg auch vegane Würstchen anzubieten. Diese werden separat gelagert und gewärmt, zur Auswahl stehen klassische Pommes oder "Süßkartoffel-Fritten" wie hier im Bild. Dazu kann aus verschiedenen Saucen gewählt werden. Zu diesem Gericht wurde eine Mango-Ananas-Sauce probiert. Auch die mitreisenden Omnivoren (Allesesser) sind restlos überzeugt von dieser Variation und kürten sie zur "Besten Currywurst Berlins". Ein besonderes Konzept hat sich Fresh Eatery in Berlin-Mitte überlegt. Zu dem rotierenden veganen Angeboten wie Süßkartoffeln, Tofu und Ananas mit Kokos-Curry-Sauce können verschiedene Toppings gewählt werden. Ein Potpourri an Toppings aus Petersilie, Minze, Frühlingszwiebeln, Karotten, Sojasprossen und Nüssen garniert das ohnehin schon sehr geschmackvolle Gericht. Die Küche verwendet  auch bei omnivoren Gerichten ausschließlich Kokos- statt Kuhmilch, achtet auf frische Kräuter und verzichtet generell auf Glutamat und künstliche Aromastoffe. Wer sich seinen Tofu selbst kreieren möchte, ist bei den Tofu-Tussis genau richtig. Den beiden Freundinnen fehlte es beim gängien Tofusortiment an Transparenz und Frische, weshalb sie sich entschieden haben, eine eigene Tofurei im Herzen Berlins ins Leben zu  rufen. Die Produkte können seit 1. Juli über einen Onlineshop bestellt werden. Für den Natur- und Räuchertofu werden ausschließlich Bio-Sojabohnen aus Deutschland verwendet, die beiden natürlichen Gerinnungsmittel sind traditionell japanischer Nigari sowie Kombuchaessig aus eigenen Kulturen. Beim Wunsch-Tofu kann schließlich aus weiteren exotischen Zutaten wie Kokosraspeln, Zimt, Kakao oder Agavendicksaft gewählt werden. Eine tolle Entdeckung ist das DjuDju Bier aus Ghana - ein Weizenbier, das es seit 2002 im Berliner Raum in den Geschmacksrichtungen Mango, Passion Fruit, Banane (hier im Bild) und neuerdings mit Ananas gibt. Als afrikanische Starkbiervariante ohne Fruchtaroma gibt es seit 2008 auch DjuDju Palm. Wer genug vom Zitronen- und Orangen-Radler hat, dem sei diese fruchtige Alternative stark empfohlen. In dem liebevoll eingerichteten Café Vux in Neukölln gibt es frische, selbstgemachte und vegane Spezialitäten aus Brasilien. Mit einer Aufschrift auf dem Schaufenster wird einem schon vor dem Einkehren bewusst gemacht, dass hier keine Kleidungsstücke mit Pelz erwünscht sind. Das Bistrot bietet am Wochenende einen Brunch mit Waffeln an, wochentags gibt es Schmackhaftes wie diesen Bagel "Seitan Limão", aus selbstgemachtem Seitan und Limettenmarinade sowie Smoothies aus tropischen Früchten, wie diesen aus Kokos und Acerola-Kirsche. Besonders die große Tortentheke sticht einem bei Betreten des Lokals sofort ins Auge. Dort gibt es so Köstlichkeiten wie diese Birne-Holunderblütenceme auf Schoko-Lavendel. Ein kleines veganes Mekka findet sich direkt an der Warschauer Straße in Friedrichshain. Dort ist neben der bisher größten Veganz-Filiale auch das Restaurant von Vegan-Koch Björn Moschinski beheimatet. Der Kochbuchautor hat mit dem MioMatto sein bereits zweites veganes Restaurant in Berlin eröffnet. Dort gibt es mediterrane, aber vor allem italienische Speisen - vegane Pasta und Pizza, aber auch Tapas und Neuentdeckungen aus der internationalen Straßenküche. Ebenso im Gebäude befindet sich ein Standort des Goodies-Coffeeshops, welcher mit biolgogischen, vegetarischen und veganen  Bagels, Kuchen, Suppen, Smoothies und Hotties aufwartet. Im ersten Stock findet man einen von drei veganen Schuh-Geschäften von Avesu. Die Schuhbekleidung hier ist frei von Ledermaterial und anderen tierischen Inhaltsstoffen (etwa im Kleber), wird umweltfreundlich und unter fairen Arbeitsbedingungen hergestellt. Unter den 40 Marken befindet sich auch die englische Kultmarke Dr. Martens, die auch einige vegane Modelle produziert. Für Mustafas Gemüsekebap in Kreuzberg stehen die Touristen wie Einheimische gerne bis zu einer Stunde an. Hier gibt es zwar auch Hühnerfleisch, doch geworben wird mit dem "besten" Gemüsekebap oder -dürüm Berlins (um 2,50 bzw. 3.30 Euro), das mit gebratenen Erdäpfeln und Gemüse sowie frischer Minze gefüllt wird. (Auf Wunsch auch ohne Schafskäse und Joghurt-Sauce). Dort können dort auch Essensmarken für Bedürftige gekauft werden, für jede Marke spendet Mustafa einen Euro an eine soziale Einrichtung. Abends geht es auf den Prenzlauer Berg zur Chaostheorie. Dort befindet sich die erste vegane Cocktailbar Berlins, bei der neben dem Milch- und Obersverzicht auch darauf geachtet wird, dass die alkoholischen Getränke ohne Gela­tine, Fischblase und Eiklar als Schö­nungs­mit­tel auskommen. Vielversprechende Variationen wie "After Eight" aus Vodka, Schokomilch, Schokopudding und Minze oder ein "Big Big Lebowsky" aus Vodka, Kahlua und Pflanzenmilch (li.) stehen auf der Getränkekarte. Baileys wird übrigens aufgrund fehlender veganer Alternativen einfach selbst hergestellt. Etwas abseits des Stadtzentrums befindet sich in Köpenick das Essentis Bio-Seminarhotel direkt an der Spree. Hier kann getagt, aber auch geurlaubt werden. Im dazugehörigen Restaurant "Pfeffer & Salz" mit Spreeterasse wurde vor einigen Jahren von vegetarischer Küche auf vegane umgestellt, mit Gewürzen aus dem Kräutergarten, ohne Geschmacksverstärker, Hefeextrakte oder weißen Kristallzucker. Dort hat auch das vegane Kabarett von Gabriele Busse stattgefunden. Die Bayerin, die durch ihren Poetry Slam-Vortrag "Zum Scheißen reicht's" bekannt wurde, hat über drei Stunden aus ihrem Repertoire vorgetragen.  Neben amüsanten Erzählungen - teils gesungen - zu ihrem veganen Werdegang und Schilderungen über die Reaktionen ihrer bayerischen Familie und der Tübinger Studenten darauf beinhaltet Gabriele Busses selbstironischer Vortrag aber auch kritische Inhalte zur Fleischproduktion und gibt die einfallreichsten Antworten auf die meist gestellten Fragen an Veganer.

(KURIER) Erstellt am
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