Der tiefe Fall des John Galliano
Nach antisemitischer Aussagen, einem aufgetauchten Videoclip und zwei Anzeigen, kommt Ex-Dior-Designer John Galliano in Erklährungsnot.
Letztes Update am 05.12.2011, 08:42
Star-Designer John Galliano hat wohl endgültig seinen Platz unter dem Scheinwerferlicht verloren: Der Chefdesigner des Modehauses Dior flog nach rassistischer und antisemitischer Aussagen in hohem Bogen raus und wurde zu einer Geldstrafe von 6000 Euro auf Bewährung verurteilt. Jetzt darf er sich die kommenden fünf Jahre nichts mehr zu Schulden komme lassen.
Noch vor Verhandlungbeginn hatte sich der 50-jährige Designer für sein Verhalten entschuldigt: "Antisemitismus und Rassismus haben keinen Platz in unserer Gesellschaft: Ich entschuldige mich ohne Vorbehalte für mein Verhalten", heißt es in einer Erklärung, die seine britischen Anwälte Harbottle & Lewis veröffentlichten.
Allerdings betonte Galliano mit Blick auf die Anzeige eines Paares, das ihn Ende Februar wegen antisemitischer und rassistischer Äußerungen angezeigt hatte: "Ich weise die gegen mich erhobenen Behauptungen zurück". Es gebe Zeugen, die seine Version stützten, wonach er es war, der attackiert worden sei. Deshalb hatte er auch selber Anzeige erstatten gegen das Paar. Galliano betonte: "Ich muss jedoch akzeptieren, dass die gegen mich erhobenen Vorwürfe die Menschen zutiefst schockiert und verärgert haben." Und er müsse "Verantwortung" für die Umstände übernehmen, durch die er in schlechtes Licht geraten sei.
Sein Arbeitgeber, das französische Modehaus Dior, distanzierte sich sofort von seinem Chefdesigner. "Ich verurteile strikt die Dinge, die John Galliano gesagt hat, sie stehen in krassem Widerspruch zu den Werten, die Christian Dior immer verteidigt hat", so die Begründung von Dior-Chef Sidney Toledano, der selbst Jude ist.
Damit ist John Gallinos Karriere nicht nur in dem renommierten Modehaus zu Ende, der exzentrische Modemacher ist auch mit seinem eigenen Label vom Wohlwollen seiner Auftraggeber abhängig. Denn die Marke John Galliano wird zu 91 Prozent von Dior kontrolliert.
Auch Natalie Portman, Gesicht des Miss-Dior-Chérie-Parfums, machte ihren Unmut über John Galliano kund: Für die Oscar-Verleihung am 27. Februar 2011 hatte sie sich gegen ein Kleid von Galliano entschieden und erschien in einer Robe von Rodarte. "Ich bin tief schockiert und empört von John Gallianos Kommentaren, die nun in einem Video aufgetaucht sind. Angesichts dieses Videos und der Tatsache, dass ich stolz bin Jüdin zu sein, will ich mit John Galliano in keiner Weise mehr in Verbindung gebracht werden. Zumindest hoffe ich, dass diese schrecklichen Äußerungen uns daran erinnern werden, solche immer noch existierenden Vorurteile zu reflektieren und dagegen anzukämpfen", so die Oscar-Gewinnerin. Ob dies weitere Auswirkungen auf Portmans Vertrag mit Dior haben wird, ist bislang noch unklar.
Die portugiesische Designerin Fatima Lopes, die die Fashion Week in Paris kurz nach den Vorfällen eröffnete, sagte: "Ich bin ein großer Fan seiner Arbeit, es ist schwierig über etwas zu sprechen, von dem man nicht viel weiß. Es ist traurig, das ist alles was ich sagen kann. Er ist ein Künstler und ich finde es schade."
Auslöser des Skandals war eine Anzeige eines Paares kurz vor dem Start der Pariser Fashion Week. Die beiden werfen dem in Gibraltar geborenen Modeschöpfer vor, sie unter Alkoholeinfluss angepöbelt zu haben. In seiner Stammkneipe "La Perle" im Pariser Szene-Viertel Marais soll er der Französin und ihrem Begleiter rassistische und antisemitische Aussagen wie "dirty jew face" an den Kopf geworfen haben.
Kurz nach der Anzeige tauchte zusätzlich ein Video im Netz auf. In dem mit einem Handy aufgenommenen Clip aus dem vergangenen Jahr schockiert ein stark alkoholisierter John Galliano mit Hitler-freundlichen Äußerungen. Zudem hat sich inzwischen eine weitere Frau gemeldet, die einen ähnlichen Vorfall von vor einigen Monaten in derselben Bar beklagt. Sie habe damals von einer Anzeige abgesehen, wie "Le Parisien" die 48-jährige zitiert, weil sie die judenfeindlichen Entgleisungen mit der Trunkenheit des 50-jährigen entschuldigt habe.
Eigentlich sorgte John Galliano schon von Anbeginn seiner Karriere für Skandale: John Galliano wurde als Juan Carlos Antonio Galliano Guillén im November 1960 in Gibraltar geboren, zog allerdings bereits als Kind nach London. Schon mit seiner Abschlussarbeit, einer Kollektion beeinflusst von der französischen Revolution, sorgte er an der St. Martin’s School of Arts 1984 für Furore.
Unmittelbar danach startete er seine eigene Modemarke, wurde 1987 als "British designer of the year" ausgezeichnet und mischte mit seinem Schulfreund Alexander McQueen die Modeszene auf. In 90er-Jahren zog Galliano nach Paris und wurde Chefdesigner bei Givenchy. Der extravagante Stil seiner ersten Kollektion für das traditionelle Haus schockierte die Modewelt. Und als Bernard Arnault, Chef des Luxuskonzerns LVMH , den Briten zu Dior holte, war der Protest groß. John Galliano setzte unbeirrt seinen extravaganten Stil fort, sehr zum Wohl und Imagegewinn des berühmten Hauses. Allerdings stellte sich in den vergangenen Jahren zunehmend Langeweile ein.
Inzwischen sagte eine Quelle aus dem Umfeld des Luxusunternehmens LVMH, zu dem das französische Modehaus Dior gehört: Es habe schon seit längerer Zeit Probleme mit Gallianos Alkoholkonsum und verbalen Ausfällen gegeben. Es sei schon früher erwogen worden, ihn zu entlassen.
Oder das renommierte Modehaus versucht schlicht und einfach einen schweren Imageschaden abzuwenden, denn die Luxusmode lebt vom guten Ruf.
Nach dem ersten Schock spekulierte die Modebranche bald über die Gründe des langsamen Verfalls von Star-Designer John Galliano.
Immer mehr Menschen aus Gallianos Umfeld berichten über dessen Trunksucht sowie Schwierigkeiten, sich in der Realität zurechtzufinden. Der Tod seines Lebensgefährten vor vier Jahren, sowie ...
... der Selbstmord seines Kollegen Alexander McQueen (Bild) im vergangenen Jahr, sollen dem Briten zugesetzt haben.
Was nun aus dem gefallenen Mode-Engel wird steht noch in Sternen ...
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Letztes Update am 05.12.2011, 08:42
Artikel vom 13.05.2011 09:00 | KURIER.at, apa | spp, Christine Scharfetter, big | « zurück zu Style


