Rajchl reist: Zum "Winterglück" nach Grünau im Almtal
Das "perfekte Winterglück" verspricht Grünau im Almtal. Der KURIER hat getestet, wie sehr der verträumte Ort im oberösterreichischen Salzkammergut wirklich glücklich macht.
Letztes Update am 17.02.2012, 10:41
Mit einem Pulk von Schülern zuckelt der Regionalzug von Wels ins Almtal, bei jeder Station wird er um ein paar Halbwüchsige stiller, ehe wir eine Stunde später zu dritt an der Endstation Grünau aussteigen. Alle drei aus Wien kommend. Ein Kleeblatt auf der Suche nach dem Glück.
Kein Wunder, dass die Jungspunde schon vorher ausgestiegen sind: Die Stille des Almtals ist zu wenig cool für die YouTube-Generation. Remmidemmi sucht man hier vergeblich, obwohl – eine Disco gibt’s schon, und einige Bars, aber echtes Nightlife schaut anders aus. Das Winterglück in Grünau ist jedenfalls ein beschauliches.
Glücksplatz mit Hindernis
Glücksgefühle kommen nach ein paar Minuten Taxifahrt erstmals so richtig am Almsee auf, der teilweise zugefroren, still und starr wie aus dem Liederbuch ruht. Der Spazierweg beginnt aber als Hindernislauf: Die Schneeräumer haben ungeschickterweise den Zugang zum See-Rundweg versperrt, der Glückssuchende muss sich den Weg über einen riesigen Schneehaufen bahnen. Belohnt werde ich dafür mit einer beschaulich-romantischen Naturkulisse, würziger Luft und dieser wunderbaren Stille. „Glücksplätze“ nennt der Salzkammergut Tourismus Orte wie diesen. Zu Recht!
Einchecken im Gasthof Jagersimmerl, der in einer Winter-Idylle etwas außerhalb von Grünau liegt. Wanderwege und Langlaufloipen vor der Haustür, die Langlaufskier leiht der Wirt seinen Gästen gratis. Sogar Schuhgröße 47 für meine Riesensohlen hat Wirt Christian Bergbaur im Fundus. Auch 2000 Leih-Bücher bietet er seinen Urlaubern – nebst gemütlicher Bibliothek mit knisterndem Kaminfeuer und „Lesesocken“, die auch erfrorene Leseratten glücklich machen.
Sündteures Schnapserl
Genießer werden im Restaurant vom Jagersimmerl happy – ein Gedicht sind die Wild- und Fischgerichte, ein geniales „Saftl“ fürs Verdauen ist der Elsbeeren-Schnaps. Viel aromatischer als Vogelbeere, aber sündhaft teuer – das Stamperl für 10,90 €. Glücklich ist, wer genießt und den Preis dafür vergisst ...
Nach Einbruch der Dunkelheit treffe ich den Förster, Waldpädagogen und Waldbotschafter Fritz Wolf. In einer Hütte ohne Strom verwöhnt er mich bei Kerzenlicht mit der oberösterreichischen Holzhacker-Version von Kasnudeln – Topfen, Mehl und Salz, in Butterschmalz herausgebacken. Dazu gibt’s eine sonderbare Spezialität: „gestacheltes Bier“, kühles Starkbier, in das für ein paar Sekunden ein glühend heißer Metallstab gesteckt wird. Die kurzfristige Hitzezufuhr bewirkt, dass das Bier aufschäumt und der malzige Geschmack verstärkt wird.
Geschichten vom „guten Wolf“
Nach dem Holzhackeressen erzählt der „gute Wolf“ spannende Geschichten über den Wald, lässt uns aus Holz einen Waldzwerg basteln – dann geht’s raus in die Kälte: Wir stapfen durch den knirschenden Schnee, um den Zwergen ein schützendes Zuhause zu suchen. Danach fassen einander erwachsene Menschen an den Händen, singen den Bäumen zuliebe ein Lied, und fühlen sich gar nicht kindisch dabei. Der Wolf mit seiner angenehm tiefen Stimme ist ein au thentischer Verführungskünstler, seine Beziehung zum Wald steckt an.
Einige Bäume hat man aber auch im Almtal durch Lifte und Schneekanonen ersetzt: Der Kasberg lockt mit 40 Kilometer Pisten – ein kleines, feines Skigebiet für Genussfahrer, Familien und Wiedereinsteiger. Die meisten Abfahrten sind perfekt präpariert, aber es gibt auch Freeride-Zonen – und ein Übungsfeld, wo man Lawinen-Suchgeräte testen kann. Und nette Skihütten gibt’s auch.
Die Sonnalm zum Beispiel ist so ein typisches Hüttenrestaurant – mit gehäkelten Oma-Sprüchen an den Holzwänden sowie Kaiserschmarr’n und Würsteln auf der Speisekarte. Eine Mischung aus Hüttenzauber und modernem Komfort bietet das Hochberghaus. Hier gibt’s nicht nur deftige Pfandl-Spezialitäten, sondern auch Zimmer, Sauna und ein technisch 1A ausgestattetes Baumhaus – für Tagungen und Geschäftstreffen.
Wellness und Haubenküche vom Feinsten hat das Romantikhotel in Grünau zu bieten – eine traditionelle Unterkunft für Verspielte – mit unzähligen, bisweilen kitschigen Details und verschiedenen Themenzimmern . Die Vitrinen auf den Gängen erinnern an ein Spielzeugmuseum: uralte Puppen, Teddys und nostalgische Spielgeräte zeugen von der Sammlerleidenschaft der Hotelbesitzer.
Das Aprés-Ski sieht in Grünau allerdings dürftig aus. Halligalli findet nicht statt. Aber welcher Winterromantiker mag sich schon mit dem „Ich bin so schön“ vom Anton aus Tirol zwangsbeglücken lassen?
Da hört man im Cumberland Wildpark lieber einem tierischen Gaukler zu: Der dort lebende Uhu kann „Nein“ und „Uhu“ sagen. Der Wildpark hat aber noch mehr Attraktionen zu bieten: Wölfe, Füchse, Braunbären, Kolkraben und die berühmten Graugänse, deren Verhalten einst der Zoologe Konrad Lorenz erforschte.
Wer den Wildpark nicht allein durchforstet, sondern mit Josef Hemetzberger von der Konrad- Lorenz-Forschungsstelle, erfährt viel Interessantes. Zum Beispiel, dass Kolkraben ihrem Glück nachhelfen: „Wir haben herausgefunden, dass Raben ihre Artgenossen betrügen“, erzählt der Tierforscher. „Wenn sie mehr Futter haben als sie benötigen, verstecken sie ihre Vorräte. Wenn sie sich aber beobachtet fühlen, legen sie als Täuschungsmanöver leere Verstecke an, und bringen ihr Futter erst in unbeobachteten Momenten in Sicherheit.“ Das Glück scheint also doch ein (freches) Vogerl zu sein.
Letztes Update am 17.02.2012, 10:41
Artikel vom 09.02.2012 16:36 | KURIER | Claudius Rajchl | « zurück zu Reise