Wiens Balkan-Meile: Skandalspiel löste Randale aus

Albaner und Serben sorgten nach dem abgebrochenen EM-Quali-Spiel für Tumulte.


200 vorwiegend junge  Serben stürmten die in der Nacht auf Mittwoch die Ottakringer Straße.  Zuvor  attackierten  Kosovaren ein serbisches Lokal.  Auslöser war das abgebrochene EM-Quali-Spiel in Belgrad.  Laby Bar-Chef D. Stojanovic: „Bierflaschen flogen.“ Gast V. Krollova: „Provokationen waren heftig.“

In der Laby Cafe-Bar auf der Ottakringer Straße herrschte unter den serbischen Fußballfans Ärger. Das ohnehin heikle EM-Qualifikationsspiel gegen Albanien war soeben abgebrochen worden (siehe Artikel unten). Tumulte im Belgrader Stadion zwischen Spielern beider Teams und aggressiven Fans wurde im Lokal und vor dem Großbildschirm heftig diskutiert.

Bierflaschen geworfen

"Plötzlich knallten Bierflaschen und Gläser von der Straße aus auf die Scheiben meiner Bar", erzählt Dusan Stojanovic. Laut Zeugen fuhr Sekunden vorher ein dunkler Geländewagen vorbei. Der Beifahrer schwenkte eine albanische Nationalflagge aus dem Autofenster. Kaum war der Wagen verschwunden sammelten sich 50, hauptsächlich jugendliche Albaner vor der serbischen Bar. Kurz nach 21.30 Uhr wurden auch Bengalische Feuerwerkskörper gezündet. "Vor dem Lokal spielte es sich ganz schön ab. Die provokanten Gesten erkläre ich lieber nicht näher", beschrieb Veronika Krollova die Attacken. Sie war zum Zeitpunkt der Krawalle in der Bar.

Da die Polizei von der Sensibilität der Begegnung wusste, waren bereits verstärkt Kräfte in dem Grätzl. Die randalierenden Albaner konnten vorerst zur Räson gebracht werden. Rund um die Krawallbrüder zog die Polizei eine Sperre. "Meine Gäste blieben im Lokal, so wurde eine heftige Schlägerei verhindert", war sich der serbische Wirt, Dusan Stojanovic beim KURIER-Lokalaugenschein am Mittwoch sicher. Nachsatz: "Politik hat beim Sport nichts verloren."

Gegen 22.30 Uhr aber sammelten sich etwa 200 Serben im Nahbereich der Ottakringer Straße. Ein Rachefeldzug bahnte sich an. Die Männer versuchten die Polizeisperren zu durchbrechen, um die Albaner zu attackieren. Es kam zu heftigen Tumulten; die Exekutive stemmte sich gegen die Angriffe. Zu diesem Zeitpunkt war bereits uniformierte Verstärkung unterwegs, denn die Beamten auf der Ottakringer Straße waren ohne Schutzausrüstung schlecht für eine Straßenschlacht gerüstet.

Schließlich trafen WEGA-Einheiten, die Diensthunde-Abteilung, die gesamte Bereitschaftseinheit und Streifenpolizisten aus allen 23 Wiener Gemeindebezirken ein. Die Polizei-Aktion in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch war der größte spontan geführte Einsatz des Jahres. Zeugen sprechen von etwa 250 Uniformierten vor Ort. Und diese Stärke war auch notwendig.

Polizeiautos angegriffen

Denn mittlerweile wurden geparkte Autos von den Randalierern bewusst demoliert. 14 Pkw, darunter auch einige Einsatzfahrzeuge, wurden beschädigt. Trotz massiver Polizeipräsenz waren weder Serben noch Albaner zu beruhigen. Also sperrte die Exekutive Teile des Bezirks ab und kesselte die verfeindeten Gruppen ein. Erst dann gaben Serben und Albaner auf. Gegen 23.30 Uhr zerstreuten sich beide Lager. Es hagelte insgesamt 30 Anzeigen wegen Sachbeschädigung. Verletzt wurde bei der Straßenschlacht niemand.

Flagge "Großalbaniens" über dem Spielfeld in Belgrad

Fans in Tirana

Der serbische Spieler Stefan Mitrovic griff sich die Flagge

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Szene

Fußballmatches machen Freunde zu Rivalen

Wenn das Leder rollt, gelten andere Regeln.

Die Ottakringer Straße ist ein bunt gemischtes Grätzel – junge Nachtschwärmer verschiedenster Nationalitäten machen die Straße Nacht für Nacht zur Partymeile. Das gilt zumindest so lange, bis Fußball gespielt wird. Dann besinnen sich nämlich viele wieder auf ihre Herkunft und stehen mit Enthusiasmus hinter ihrem jeweiligen Nationalteam.

"Bei Fußballspielen spitzt sich die Situation manchmal zu", weiß der Leiter des Jugendamts in Hernals, Robert Baumgartner. "Es hat aber nichts mit der Ottakringer Straße an sich zu tun. Wenn sich die Migranten nicht dort treffen würden, dann eben irgendwo anders", sagt Baumgartner weiter.

Nach den Straßenschlachten rund um das EM-Qualifikationsmatch am Dienstag könnte man leicht denken, dass in der Ausgeh-Meile ständig brodelnde Stimmung herrscht. Laut Baumgartner ist die Situation aber eine völlig andere: "Die jungen Burschen, die sich nach dem Spiel beschimpft haben, sind in Wirklichkeit oft die besten Freunde. Die gehen am Tag danach wieder gemeinsam ins Fitness-Center trainieren."

Das "besondere Flair", das bei Fußballspielen herrscht, ist laut dem Experten punktuell eben nur dann so, wenn das runde Leder rollt. "Da ist es auch ziemlich egal, welche Nationalteams oder Clubs spielen – sei es Kroatien, Bosnien, Serbien oder wie gestern Albanien. Jeder fiebert mit seinem Team mit. Da sind heftige Konflikte oft nicht zu vermeiden", so Baumgartner.

"Sehr buntes Leben"

Der Leiter des zuständigen Jugendamtes lebt selbst in dem Grätzel und kennt die Szene deshalb sehr gut. Dass das "sehr bunte Leben", wie Baumgartner es beschreibt, aber eigentlich mehr Vorteile als Nachteile hat, betont er im KURIER-Interview immer wieder: "Es ist einfach eine besondere Kultur hier. Dass es zu solchen Ausschreitungen kommt, ist aber alles andere als normal."

Länderspiel

Fahne mit Folgen: Eine Drohne brachte Gewalt

Platini: "Diese Szenen sind unentschuldbar". Srbija gegen Albania am 9. November in Wien.

A fan of Serbia scuffles with Balaj of Albania nex
Foto: REUTERS/MARKO DJURICA

Fußballspiele wurden schon öfters durch politische Aktionen gestört. Die beim EM-Qualifikationsspiel Serbien – Albanien gewählte Variante ist allerdings neu.
Kurz vor dem Pausenpfiff war eine Drohne per Fernsteuerung mit der großalbanischen Fahne ins Belgrader Stadion geschwebt, die 3500 serbischen Polizisten waren machtlos. Der serbische Spieler Stefan Mitrovic riss daraufhin die an der Drohne hängende Fahne an sich und wurde dafür prompt von albanischen Kickern attackiert. 

Als Folge stürmten serbische Fans das Spielfeld, die Albaner flüchteten sich unter Tritten  in die Kabine. Das Spiel musste beim Stand von 0:0 vom englischen Referee abgebrochen werden.

Mehr Gewalt auf den Tribünen blieb  wohl nur aus, weil keine Albanien-Fans anreisen hatten dürfen. Während diesmal die Provokation von albanischer Seite ausging, waren in den vergangenen Jahren vor allem serbische Fans für Ausschreitungen verantwortlich.

Die Konsequenzen durch den europäische Fußballverband UEFA  werden heftig sein, es muss für die Strafen beim  bereits eingeleitete Verfahren aber der Sonderbericht des Schiedsrichters und der offiziellen Spielbeobachter abgewartet werden. UEFA-Boss Michel Platini meint: "Diese Szenen sind unentschuldbar.“  FIFA-Präsident Sepp Blatter hielt fest: „Ich missbillige zutiefst, was in Belgrad geschehen ist.“

Neuauflage in Wien

Von Migranten gegründete Klubs haben in Wien Tradition. So wie türkischstämmige („Besiktas Wien“)  gibt es den SC Kaiserebersdorf-Srbija  und den SV Albania.
Am 9. November treffen die beiden Teams in der 2. Landesliga (5. Liga) aufeinander.  Srbija-Obmann Srdjan Stokic betont: „Wir möchten die Angelegenheit rein sportlich über die Bühne bringen und uns zuvor mit dem Vorstand von Albania zusammensetzen. Wir wissen nicht, wer kommt. Es gibt immer Depperte“, befürchtet der Klubchef auch den Andrang serbisch- und albanisch-stämmiger Wiener, die das Spiel womöglich als Bühne missbrauchen. „Wir müssen vorbereitet sein.“

Befürchtungen, die Spieler könnten sich auf dem Platz bekriegen, habe er aber ebenso nicht wie Albania-Spieler Ambroz Mala, der 1999 mit seiner Familie aus dem Kosovo nach Wien geflüchtet ist: „Ich kenne die Spieler von Srbija schon ewig, wir sind teilweise Freunde und haben im Nachwuchs zusammen gespielt. Es ist unvorstellbar für mich, dass so etwas passieren wird“, sagt der 26-Jährige. Schließlich spielt beim SV Albania auch ein Serbe. Mala sieht die Partie jedenfalls als Chance. „In diesem Spiel können wir zeigen, dass Serben und Albaner auch friedlich miteinander ein Fußballfest feiern können.“

Ausschreitungen

Bruder des albanischen Premiers unter Verdacht

Ausschreitungen bei Spiel: Olsi Rama soll Drohne mit großalbanischer Flagge über das Spielfeld gelenkt haben.

FILE ALBANIA SOCCER OLSI RAMA
Foto: APA/EPA/ARMANDO BABANI

Hat er oder hat er nicht? Olsi Rama, der Bruder des albanischen Ministerpräsidenten, steht im Mittelpunkt der Ursachenforschung für das Skandalspiel Serbien gegen Albanien in Belgrad. Er saß in der VIP-Loge des Fußballstadions und soll die Drohne mit der großalbanischen Flagge über das Spielfeld gesteuert haben, die die nachfolgende Schlägerei auslöste. Bei ihm wurde auch eine Fernbedienung gefunden, berichten serbische Medien, denen zufolge Rama festgenommen, aber nicht zuletzt aufgrund seines US-Passes schnell wieder freigelassen worden sei.

Unsinn, kontert Rama. "Ich habe mit der Drohne nichts zu tun. Ich weiß nicht, wo diese Geschichte herkommt. Ich bin auch weder festgenommen noch verhört worden."

Serbiens Außenminister Ivica Dacic sprach jedenfalls von einer sorgsam geplanten Provokation albanischer Extremisten. "Besonders problematisch ist die Tatsache, dass das der Bruder des albanischen Premiers getan hat, der hier Gast sein sollte", sagte er der Zeitung Blic. Albaniens Regierungschef Edi Rama will am 22. Oktober als erster Premier seines Landes nach fast 70 Jahren erstmals Belgrad besuchen. Dieser Besuch sei "ein wichtiger Schritt für alle auf dem Balkan" und auch nicht infrage gestellt, sagte die albanische Verteidigungsministerin Mimi Kodheli, seit Jahren eine der engsten Vertrauten Ramas – des Premiers, nicht des Bruders.

Letzterer twitterte nach dem Skandal-Match, er sei stolz auf die Schwarz-Roten (das Fußballteam), "solange Fußball gespielt wurde, waren sie die Sieger. Es tut uns leid für die Nachbarn, die einen schlechten Eindruck in der ganzen Welt hinterlassen haben". In Tirana und in der Kosovo-Hauptstadt Pristina feierten die Menschen ihre Stars mit Feuerwerken, Hupkonzerten und Fangesängen. Vizepremier Niko Peleshi und Sportministerin Lindita Nikolla begrüßten die zurückgekehrte Mannschaft als "Helden des Tages", auf die alle Albaner stolz sein könnten.

Künstlicher Staat

Großalbanien als Wiener Erfindung

K.u.k. Monarchie benützte Albanien als Bollwerk gegen Serbien.

Im 19. Jahrhundert, als andere Balkanvölker wie die Serben längst von Nationalismus und Großreich-Fantasien erfasst waren, war Albanien nichts als eine langsam im Chaos versinkende Provinz der Osmanischen Reiches, in der die einzelnen Völker und Stämme eher gegen- als miteinander arbeiteten.

Erst 1912 kam es zur Gründung einer albanischen Nation – und zwar auf Initiative der k.u.k. Monarchie. Wien wollte dem inzwischen offen als Feind betrachteten Serbien den Zugang zum Meer versperren. Auf einer Botschafterkonferenz der Großmächte in London wurde der Staat schließlich ins Leben gerufen – und zwar  in den Grenzen, die fanatische albanische Nationalisten heute wieder für ihr Land beanspruchen. Die aber hielten nicht lang, schon in den im selben Jahr folgenden Balkankriegen wurde Großalbanien von seinen Gegnern auf das Format des heutigen Albanien geschrumpft.

Großalbanien wurde noch einmal wieder erweckt, und zwar während des Zweiten Weltkrieges als Staat von Hitlers und Mussolinis Gnaden. Das Konstrukt hielt  nicht lange. Die nach dem Zweiten Weltkrieg gegründete  kommunistische Volksrepublik hielt sich wieder an die heutigen Grenzen. In sämtlichen Nachbarstaaten gibt es seither albanische Minderheiten. Im Kosovo leben sogar 85 Prozent ethnische Albaner.


 

(Kurier) Erstellt am